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Marburg Präsenz hat Priorität
Marburg Präsenz hat Priorität
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07:50 08.07.2021
Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter an die Tafel.
Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter an die Tafel. Quelle: Sebastian Gollnow
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Marburg

Wie wird der Schulalltag nach den Sommerferien und in der anrückenden kalten Jahreszeit aussehen und was nehmen Verantwortliche mit aus einem großen Bündel an Erfahrungen aus dem letzten Jahr? Denn klar ist, der Start ins neue Schuljahr findet Ende August zwar weiter mit der Pandemie im Rücken statt, dabei unter anderen Voraussetzungen.

Noch vor einem Jahr war eine flächendeckende Impfung in relativ weiter Ferne, da galt es noch, vor allem die Risikogruppen zu schützen. Das Verhältnis hat sich nun umgekehrt, die Alten sind größtenteils geimpft, die meisten Lehrkräfte auch, viele Kinder und Jugendliche noch nicht.

Zurück zum Regelbetrieb

Im neuen Schuljahr soll der Unterricht jedoch weitgehend im Regelbetrieb und ohne Einschränkungen bei Schulfächern und Unterrichtsstunden weiterlaufen, davon geht die Kultusministerkonferenz aus. Angesichts der Erfahrungen aus dem letzten Herbst besteht schon jetzt die Sorge, dass die Inzidenzwerte wieder steigen, nachdem Reisende zurückgekehrt sind, Schüler wieder die Schulbank drücken, sich Corona-Mutationen weiter ausgebreitet haben dürften.

Die Schulen könnten da zum Sammelbecken werden, gerade kurz nach den Ferien die Infektionslage verschärfen, warnen Verbände und Gremien und fordern, frühzeitig Vorkehrungen für den Schulstart und danach zu treffen.

Ein Schulmäppchen liegt in einem Klassenraum der Valentin-Senger-Schule im Stadtteil Bornheim auf einem Tisch. In Hessen ist nun die Maskenpflicht in Schulen abgeschafft worden. Quelle: Frank Rumpenhors

Im Fokus stehen Hygieneregeln, wie der Mund-Nasen-Schutz – letztes Jahr wurde noch kurz vor Schulbeginn die neu eingeführte Maskenpflicht an hessischen Schulen heiß diskutiert, zuletzt die Lockerung dieser Pflicht Ende Juni ebenso kritisch hinterfragt. Viele Schulen riefen dazu auf, auch im Unterricht weiter Masken zu tragen.

Zur Sicherheit sollte das auch nach den Ferien weiter zum Schulalltag gehören, fordern viele Stellen: „Die Akzeptanz ist ja da – und lieber eine Maske tragen, als dass die Schule wieder geschlossen wird“, betont etwa Hille Kopp-Ruthner vom Leitungsteam der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Kreisverband Marburg-Biedenkopf. Dabei brauche es aber einheitliche Regelungen und kein Flickwerk.

Soll die Maskenpflicht weiter bestehen?

Das wünschen sich auch viele Schülerinnen und Schüler: „Die Maskenpflicht sollte bestehen bleiben, die halte ich für unheimlich sinnvoll, in der Klasse können wir keinen Abstand halten“, sagt Kreisschulsprecher Karl-Tizian Rückert. Daran habe man sich längst gewöhnt und wenn es hilft, dass der Präsenzunterricht weiter aufrecht erhalten wird, sei das leicht hinnehmbar.

Beim regelmäßigen Lüften gehen die Meinungen auseinander, mit Blick auf die kühle Jahreszeit drängt sich ein Bild aus dem letzten Winter auf – mit frierenden Schülern und Lehrkräften, die mit dicken Jacken im Unterricht sitzen. Diese Situation möchten viele Schüler gerne vermeiden. „Lüften ist sinnvoll, aber das war im Winter sehr unangenehm, es müsste eine Alternative geben“, findet Rückert.

Luftfilteranlagen für Schulen

Schon lange im Gespräch sind Luftfilteranlagen für die Schulen, die werden auch vom Bund gefördert, allerdings nur für Klassen mit Schülern unter zwölf Jahren. Grund dafür ist das Impfangebot ab dieser Altersgrenze. Filteranlagen werden sich wohl nicht flächendeckend an den Schulen finden lassen. Vielleicht aber wieder Desinfektionsspender? Die würde der Kreisschulsprecher sehr befürworten, im Moment werde vor dem Unterricht wieder viel auf Händewaschen gesetzt, das sei in der Praxis mit Schlangen vor den Waschbecken aber kaum sinnvoll umzusetzen.

Generell brauche es mehr Klarheit und Sicherheit, aber eben auch den Präsenzunterricht – diesen Spagat müssten Ministerium und Schulen stemmen und damit „Unterricht mit genug Sicherheit“ ermöglichen, so der Appell des Kreisschülerrats.

Aus Erfahrungen gelernt

Bewährte Hygieneregeln nicht leichtsinnig aufzugeben, sondern Masken- wie Testpflicht zur Sicherheit konsequent beizubehalten, dafür spricht sich auch Monika Kruse, Vorsitzende des Kreiselternbeirats, aus: Sie rät gerade bei Schulbeginn zu „großer Achtsamkeit, es geht ja nun nicht wie vorher darum, unsere Alten zu schützen, sondern die Jungen“.

Darunter fallen auch Überlegungen, wie mit entstandenen Lern-Defiziten und Leistungen in der Pandemie umzugehen sei. Kruse würde sich da durchaus „mehr Mut“ von oberster Stelle bei der Bewertung wünschen. Es wäre an der Zeit, über neue Formen der Leistungsnachweise nachzudenken, die Folgen eines Corona-Schuljahrs müssten im Unterricht berücksichtigt werden.

Ein Schüler meldet sich in einer gemischten Klasse der Stufen 4-6 an der Fritz-Karsen-Schule im Berliner Ortsteil Britz. Für die letzten zwei Wochen vor den Sommerferien gibt es in der Hauptstadt noch einmal Präsenzunterricht mit allen Schülerinnen und Schülern. Quelle: Christoph Soeder

Eine Verlängerung des Schuljahrs um ein halbes Jahr sehe sie dabei als ein geeignetes Mittel an. Um entstandene Lern-Defizite aufzufangen, sollten auch die Eltern und Gremien verstärkt mit ins Boot geholt, die zuletzt positiv gewachsene Kommunikation untereinander sollte beibehalten werden. „Wir haben unter Corona gelernt, miteinander zu reden“, lobt Kruse, die sich dafür ausspricht, die Pandemie in diesem Sinne auch als Chance zu begreifen.

Manche Erkenntnisse aus dem Pandemiejahr werden auch durchaus weiterentwickelt, wie etwa das Krisenteam an der Gesamtschule Niederwalgern, in dem auch Eltern vertreten sind. Das habe sich bewährt und werde weiter arbeiten, erst recht zur Vorbereitung auf den Schulstart, sagt Schulleiter Uwe Schulz. Er sieht die Schulen für das neue Schuljahr gut vorbereitet, aus Erfahrungen habe man gelernt, und doch „müssen wir damit rechnen, dass es unruhig wird am Anfang“.

Lockdown-Sorge bleibt

Was aber wäre, wenn Schulen wieder in größerem Ausmaß auf digitalen Fernunterricht umstellen müssten? Die Möglichkeit besteht. „Wir müssen alles dafür tun, dass der Präsenzunterricht erhalten bleibt, aber wir haben auch viel gelernt“, sagt dazu Hille Kopp-Ruthner.

Sollten die Inzidenzwerte wieder stark steigen, ist wohl zumindest mit Wechselunterricht zu rechnen – alleine deshalb dürfe auch die technische Seite des Schullebens nicht vernachlässigt werden. Im Vergleich zu letztem Jahr seien die Schüler mittlerweile recht gut mit digitalen Endgeräten ausgerüstet, bei den Lehrkräften gebe es noch Lücken.

Dienst-Computer für Lehrkräfte

Nach eineinhalb Jahren Pandemie sollen diese nun immerhin Dienst-Computer erhalten. Positiv sieht Kopp-Ruthner Entwicklungen der digitalen Plattformen – das hessische Schulportal laufe heute rund, Kapazitäten wurden ausgebaut, es gebe deutlich mehr digitale Angebote.

Problematisch dürfte es aber bei einem oft benutzten Videokonferenz-System werden, das zum Jahresende ausläuft. Hier müsse das Kultusministerium schnellstmöglich nachrüsten, „das ist ein großes technisches Problem, das auf uns zukommen könnte“, warnt sie.

Was gilt nach den Sommerferien?

Auch personell müsse vom Land mehr getan werden, um die angespannte Lage in den Kollegien wie entstandene Lücken im Bildungsstand der Schüler auszugleichen. Die GEW fordert daher 1.500 weitere Stellen, neue Lehrkräfte als zusätzliche Reserve und „zur Kompensation“.

Regelungen nach den Sommerferien

Das hessische Kultusministerium teilte Ende Juni mit, dass es zum Start des neuen Schuljahrs voraussichtlich folgende Änderungen gibt:

Schulen werden dann wahrscheinlich ermächtigt, Schülern das Negativ-Ergebnis eines in der Schule durchgeführten Tests auch für die außerschulische Nutzung als Nachweis zu bescheinigen.

Grundsätzlich können wieder Schulfahrten innerhalb Deutschlands durchgeführt werden. Zumindest unter dem Vorbehalt, dass die Entwicklung der Pandemie Reisen in das Zielgebiet zulässt, touristische Reisen möglich sind und die Sieben-Tage-Inzidenz im Ausgangs- und im Zielgebiet nicht über 100 liegt (am Anreisetag drei Tage nacheinander).

Personen, die selbst oder bei denen Angehörige des gleichen Hausstandes Covid-19-Symptome aufweisen, dürfen auch künftig nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Dasselbe gilt für Betroffene, bei denen Angehörige des Hausstands in Quarantäne sind, es sei denn, sie selbst sind gegen Covid-19 geimpft oder sind Genesene und die Quarantäne beruht nicht auf dem Verdacht einer „besorgniserregend eingestuften Virusvariante“.

Es dürfte weiterhin möglich sein, Schüler und Studierende ohne Angabe von Gründen von der Teilnahme am Präsenzunterricht abzumelden. Diese müssen dann verpflichtend am Distanzunterricht teilnehmen.

Für Lehrkräfte und sozialpädagogische Mitarbeiter entfällt nach den Ferien dagegen die Möglichkeit, auf Präsenz zu verzichten und von zu Hause zu arbeiten, auch wenn sie selbst oder Angehörige des eigenen Hausstands durch Corona einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, schwer zu erkranken. Grund dafür ist laut Land die fortgeschrittene Impf-Kampagne.

Unabhängig von diesen und wohl noch folgenden Regelungen können weiterhin Gesundheitsämter, je nach Entwicklung der pandemischen Lage vor Ort, regionale Maßnahmen für Schulen anordnen.

Von Ina Tannert