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Marburg Schulbetrieb bei angezogener Bremse
Marburg Schulbetrieb bei angezogener Bremse
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20:24 28.04.2021
Mit dem kleinen Paul (1) im Arm unterstützt Alenka Schäfer Sohnemann Johannes (6) im Fernunterricht bei den Schulaufgaben.
Mit dem kleinen Paul (1) im Arm unterstützt Alenka Schäfer Sohnemann Johannes (6) im Fernunterricht bei den Schulaufgaben. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Schulen im Landkreis Marburg-Biedenkopf müssen sich wieder auf neue Vorgaben für den Schulbetrieb einstellen, die nun erstmals bundeseinheitlich durch die Reform des Infektionsschutzgesetzes geregelt sind.

Im Kreis ändert sich noch nicht viel an der aktuellen Lage, dennoch müssen Schulen nun mit teils neuen Grenzwerten der „Bundesnotbremse“, neuen Regelungen für Abschlussklassen und der Notbetreuung bis einschließlich Klasse sechs planen.

Bei einer 7-Tage-Inzidenz bis 100 in einem Landkreis (oder kreisfreien Stadt) gilt für alle Jahrgänge das Wechselmodell, die Schülerinnen und Schüler sind tage- oder wochenweise in der Schule oder eben im Distanzunterricht. Ausgenommen sind die Abschlussklassen, die in Präsenz unterrichtet werden.

Bei einer Inzidenz von 100 bis 165 gehen alle Jahrgänge in den Wechselunterricht (für die Klasse 7 aufwärts verpflichtend ab dem 6. Mai). Das gilt nun auch für Abschlussklassen (ab dem 3. Mai).

Bei einer Inzidenz von über 165 an drei aufeinanderfolgenden Tagen gilt für alle Jahrgangsstufen Distanzunterricht. Die Abschlussklassen und auch Förderschulen sind ausgenommen, für diese gilt Wechselunterricht. Letzteres galt bisher erst ab einem Wert von 200.

An den Schulen im Landkreis ändert sich mit Ausnahme der neuen Wechselmodell-Regelung für die Abschlussklassen aktuell nichts. Und diese gilt auch erst ab dem 3. Mai als verpflichtend, „dadurch ist jetzt nicht der ganz große Druck entstanden, es gibt kein großes Durcheinander“, sagt Burkhard Schuldt, Leiter des Staatlichen Schulamts Marburg-Biedenkopf, auf Nachfrage. Einige Schulen haben die neue Vorgabe schon jetzt umgesetzt, „spätestens am Montag stellen dann alle um“.

Das bestätigen auf Nachfrage mehrere Schulleitungen, die die neue Situation im Griff haben. An der größten Schule im Landkreis, der Kirchhainer Alfred-Wegener-Schule (AWS), sind aktuell die Abschlussklassen der Schulzweige vor Ort, das Abitur läuft aus Sicht von Schulleiter Matthias Bosse bisher reibungslos.

Derzeit nutzen 15 Kinder die Notbetreuung, die für fünfte und sechste Klassen angeboten wird. Bosse ist froh über die geringe Zahl. Eltern seien der Empfehlung der Schule gefolgt, sie nur in echten Notfällen zu nutzen. „Denn das ist Betreuung, kein Unterricht“, betont er im Gespräch mit der OP.

Dass die Bundesnotbremse mit ihren Grenzwerten zu kurzfristigen Wechseln zwischen Unterricht in der Schule und Distanzunterricht führen könnte, ist einer der Punkte, die Bosse große Sorgen bereiten. Denn: „Die Eltern brauchen die Planungssicherheit.“ Als Pandemietreiber sieht Bosse weiterführende Schulen dabei ohnehin nicht. Seit Herbst gebe es Maskenpflicht, es gebe inzwischen Tests alle zwei Tage. „Mehr können wir nicht mehr tun“, so seine Einschätzung.

Um die Leistungen der jetzigen Abschlussklassen macht sich der Leiter der AWS keine Sorgen, wohl aber um die der künftigen Jahrgänge. Deshalb brauche es eine Kompensation, wenn wieder halbwegs geregelter Unterricht möglich sei. Bosse hofft nach den Sommerferien darauf. Er denkt an zusätzliche Förderangebote, etwa in Kursen, an den Nachmittagen zum Beispiel. Gezielte Hilfen müsse es auch in den Abschlussfächern geben.

Im Altkreis Biedenkopf haben sich die Schulen ebenfalls den neuen Bedingungen angepasst. An der Mittelpunktschule Dautphetal sind die Schüler der Abschlussklassen noch anwesend, werden nächste Woche aber in den Wechselunterricht übergehen, berichtet Schulleiter Harald Becker. Sollte die Inzidenz weiter sinken, werden auch die übrigen Schüler im Wechselunterricht lernen.

Sie werden in die Gruppen A und B eingeteilt und haben im Wechsel an drei beziehungsweise zwei Wochentagen Unterricht nach Stundenplan.

Derzeit sind alle fast 50 Lehrkräfte „voll im Einsatz“, wobei sie an den Grundschulen eine Doppelbelastung mit Distanzunterricht und den etwa 40 Kindern in den Notbetreuungsgruppen meistern.

Auch an der Europaschule in Gladenbach mit ihren drei Schulzweigen läuft der Betrieb entsprechend der Vorgaben der Bundesnotbremse. Das bedeutet, dass der Großteil der Schüler im Distanzunterricht lernt, während die Abschlussklassen – 9. Hauptschulklassen, 10. Realschulklassen und die Abiturienten – im Wechselunterricht an die Schule kommen. Für den Fall sinkender Inzidenzen habe man mit einem „extrem hohen Aufwand alle Szenarien durchgespielt“ und ein Modell für den Wechselunterricht entwickelt, berichtet Schulleiter Dr. Holger Schmenk, derzeit fahre man aber „auf Sichtweite“.

Der Sprung zum kompletten Wechselunterricht aller Klassen ist wohl für jede Schule der größte und verbunden mit „sehr viel Organisation noch on top“, sagt auch Uwe Schulz, Schulleiter der Gesamtschule Niederwalgern. Und auch wenn sich der Fernunterricht etabliert habe, freue er sich auf diesen Schritt weg davon, „immer auf Distanz zu sein, ist für viele schwierig“. Dann werde sich nicht nur zeigen, wie es um die Unterschiede beim Leistungsstand der Schüler steht, sondern auch, welche emotionalen Folgen entstanden sind.

Kontaktlose Schule, Einsamkeit, alleine lernen, das sei kein geeignetes Dauermodell, „alleine schon nicht aus pädagogischen Gründen“, betont ebenfalls Gunnar Merle, Schulleiter der Marburger Elisabethschule. Er sieht in den neuen Regelungen eine positive Entwicklung: „Das Gute an den neuen Grenzwerten ist, dass es eine Perspektive für die Jahrgänge sieben plus gibt“, lobt er. Die waren größtenteils seit Dezember nicht mehr an der Schule; fällt die Inzidenz nun anhaltend unter 165, kehren auch sie ins Wechselmodell zurück, „das begrüße ich wirklich sehr“.

Unabhängig von Grenzwert und Schulbetrieb besteht weiter das Anrecht auf Notbetreuung für alle Eltern oder Elternteile, die das mit einer Bescheinigung des Arbeitgebers in Anspruch nehmen. Wenn etwa beide Eltern oder ein Alleinerziehender berufstätig sind oder studieren.

Das gelte im Übrigen auch, wenn dies von zuhause aus geschieht, „Homeoffice ist auch Arbeit“, erklärt Schulamtsleiter Schuldt. Wer zuhause arbeitet, werde nicht verpflichtet, auch die Kinderbetreuung zu stemmen. Viele Eltern organisierten dies jedoch untereinander und in Absprache mit dem Arbeitgeber, bei manchen funktioniere das aber nicht.

Entsprechend unterschiedlich sei die Lage an den Schulen, an manchen liege die Anzahl an Notbetreuung unter zehn Prozent, an anderen bei knapp 50 Prozent, gibt Schuldt einen groben Überblick. An allen Schulen würden die Schüler dabei in festen Notbetreuungsgruppen unterrichtet und lernten unter Aufsicht einer Lehrkraft den Stoff, den auch die Distanz-Schüler gerade durchnähmen.

Für alle Kinder in den Schulen – Notbetreuung oder Wechselunterricht – gelte dabei die Corona-Testpflicht. Da das für den Unterricht benötigte Negativ-Testergebnis nicht älter als 72 Stunden sein darf, führen die Schüler weiterhin je nach Anzahl der Schultage ein bis zwei Mal pro Woche einen Schnelltest durch.

Von Ina Tannert

28.04.2021
28.04.2021