Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Jeden Tag tauchen neue Fragen auf“
Marburg „Jeden Tag tauchen neue Fragen auf“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:56 24.08.2020
Burkhard Schuldt ist neuer Leiter des Staatlichen Schulamts in Marburg. Quelle: Mark Adel
Anzeige
Landkreis

Die Corona-Pandemie hat die Schullandschaft gewaltig durcheinandergewirbelt. Nach Monaten des Homeschoolings hat erst nach den Sommerferien der Präsenzunterricht wieder begonnen.

Mit Burkhard Schuldt, dem Leiter des Staatlichen Schulamts, haben wir über die Erfahrungen der vergangenen Monate und die Herausforderungen der kommenden Wochen gesprochen.

Anzeige

Herr Schuldt, der Regelbetrieb an den Schulen geht wieder los, nicht wenige Lehrer gehören jedoch zur Risikogruppe. Wie viele Lehrer fallen aus?

Zu Beginn der Pandemie beziehungsweise der Schulschließungen war die Risikogruppe sehr weit definiert. Die Möglichkeit, sich vom Präsenzunterricht befreien zu lassen, bestand für Menschen mit chronischen Vorerkrankungen, Schwangere und stillende Mütter sowie alle über 60 Jahren. Auch wer mit jemanden zusammenlebte, der über 60 Jahre oder chronisch krank war, konnte sich auf Antrag befreien lassen. Insgesamt waren das bei uns 22 Prozent der Lehrkräfte. Dass jemand das in Anspruch genommen hat, finde ich legitim und nachvollziehbar.

Für die letzten Unterrichtswochen wurde die Risikogruppe eingeschränkt. Man brauchte ein ärztliches Attest, dass aufgrund von Vorerkrankungen ein schwerer Krankheitsverlauf zu erwarten ist. Das Alter entfiel aber als Kriterium. Damit ging die Zahl auf 11 Prozent zurück. Die aktuelle Zahl liegt bei unter 3 Prozent.

„Nicht immer gelingt eine Ideallösung“

Welche Auswirkungen hat das Fehlen dieser Lehrer auf den Unterricht?

Da diese Lehrkräfte für den Präsenzunterricht fehlen, können die Schulämter auf das Budget zurückgreifen, das für Vertretungen da ist. Für unsere Region ist das gut gelungen. Wir können die Grundunterrichtsversorgung abdecken, die Probleme sind dieses Jahr nicht größer als in der Vergangenheit. Nicht immer gelingt eine Ideallösung. Wenn beispielsweise eine Grundschullehrerin ausfällt, bekommen wir nicht immer eine voll ausgebildete Grundschullehrerin mit denselben Fächern.

Auf die Grundunterrichtsversorgung bekommt jede Schule noch einen vier- oder fünfprozentigen Zuschlag, den sie für besondere Projekte verwenden können. Die rechnen wir teilweise gegen, weil die Lehrkräfte, die zu Hause bleiben, ja nicht ausfallen.

Was ist die Aufgabe dieser Lehrer?

Sie kümmern sich schwerpunktmäßig um den Distanzunterricht. Oft heißt es, die Schulen seien schlecht vorbereitet. Das stimmt so nicht. Es gibt Schulen, die für die Schülerinnen und Schüler, die zu Hause bleiben müssen, unter Nutzung elektronischer Medien virtuellen Unterricht anbieten. Darüber hinaus engagieren sich diese Lehrer in der Konzeptentwicklung – außerunterrichtliche Aufgaben, die ja auch im normalen Schulbetrieb anfallen.

„Kultusministerium ist nicht allein verantwortlich“

Sie sagen, die Schulen seien gut vorbereitet. Mir fällt auf, dass die Weisungen des Kultusministeriums gerne auf den letzten Drücker kommen. Der neue Hygieneplan kam erst wenige Tage vor Schulbeginn. Wie sollen Schulen sich da vorbereiten?

Das war am Anfang der Schulschließung sehr schwierig. Gelegentlich kam erst am Freitagmittag die nächste Information oder Erklärung. Natürlich ist das unglücklich. Als Schulämter haben wir dann einen E-Mail-Verteiler genutzt, der die Schulleiter auch zu Hause erreicht.

Natürlich war das auch dadurch bedingt, dass niemand auf so eine Situation vorbereitet war. Hinzu kommt: Das Kultusministerium ist nicht allein verantwortlich, sondern muss sich mit dem Sozialministerium als federführendem Gesundheitsministerium abstimmen. Auch Gesundheitsämter und Schulträger müssen an vielen Stellen in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.

Im Laufe der Zeit hat sich das deutlich gebessert. Und was die Regelungen für besondere Unterrichte wie Musik und Sport der vergangenen Woche angeht: Die waren schon im Hygieneplan 4.0. Die große Neuerung war nur die Regelung der Maskenpflicht außerhalb des Unterrichts.

Individuelle Lösungen für Schulen möglich

Apropos Maskenpflicht: In Hessen ist der Mund-Nase-Schutz nun auf dem Schulgelände außerhalb des Unterrichts Pflicht. Was halten Sie davon?

Ich bin froh über die einheitliche Regelung. Denn die Lösung im vorherigen Hygieneplan, dass jede Schule selbst entscheidet, ob auf dem Schulgelände Masken getragen werden müssen, hätte vermutlich zu unendlichen Diskussionen geführt. Und Mediziner sagen ja auch: Da, wo der Abstand schwer eingehalten werden kann, ist das Tragen der Maske auf jeden Fall sinnvoll.

Schulen können davon abweichen. Beispiel ist die kleine Schule mit vier Klassen, deren Schulleiter mir sagt: Alle Klassen machen getrennt Pause, sodass die Kinder sich nicht begegnen. Man kann auch fragen: Warum keine Masken im Unterricht? Gegen das dauerhafte Tragen gibt es viele Bedenken, etwa die Durchfeuchtung. Es gibt dazu einen regelmäßigen Austausch zwischen Staatlichem Schulamt, Schulträgern und Gesundheitsamt.

Ich sage auch noch einmal: Die Schulen sind gut vorbereitet. Sie haben genaue Pläne ausgearbeitet, beispielhaft nenne ich die Einbahnstraßenregelungen, die auch gut kommuniziert sind.

Im Herbst wird es schwieriger

Der Hygieneplan sagt: Sport und Musik können wieder stattfinden. Es gibt aber ein großes Aber in Form diverser Vorschriften. Zum Beispiel: kein Singen und keine Blasmusik in geschlossenen Räumen, keine Warteschlangen vor der Sportstätte, kurze Umkleideaufenthalte, wenig körperliche Kontakte. Wie praktikabel ist es dann noch, Sport- und Musikunterricht zu geben?

Im Musikunterricht gibt es sicherlich viele Elemente, die über das Singen und die Nutzung von Blasinstrumenten hinausgehen. Aber gewiss wird es schwieriger, wenn man im Herbst nicht mehr im Freien unterrichten kann.

Für den Sport sage ich: Im Kampfsportbereich gibt es eine besondere Schwierigkeit, aber ansonsten sind die Sportarten alle wieder praktizierbar – unter Vermeidung intensivster Kontakte. Und für Musik und Sport gilt gleichermaßen: Ich kann als Fachmann ganz viel Motivierendes, Spaßiges et cetera vermitteln, ohne dass ich die Problembereiche tangiere.

Intensiv mit Abschlussklassen arbeiten

Die Phase des häuslichen Lernens vor den Sommerferien hat gezeigt: Beim digitalen Lernen ist noch viel Luft nach oben. Schon in den ersten Tagen nach den Sommerferien zeichnet sich ab, dass Schulschließungen landauf, landab nicht ausgeschlossen sind. Ist man denn bei der Digitalisierung vorangekommen? Gibt es einen Plan B, wenn Schulen schließen?

Wir haben hier keinen einheitlichen Stand. Aus der Erfahrung haben sich Entwicklungsbedarfe gezeigt. Das ist auch in den Schulen konstruktiv angegangen worden. Sie sind auf jeden Fall besser vorbereitet als zu Beginn der Schulschließungen. Viele, gerade weiterführende Schulen, haben schnell ein eigenes Lernportal, eine schuleigene Cloud-Lösung entwickelt. Schulen, Schulämtern und Kultusministerium ist aber auch klar: Wir müssen da forcieren. Angefangen von der technischen Ausstattung bis hin zur Konzeptentwicklung. Wir installieren jetzt Fachbeiräte, um Best-practice-Beispiele zu kommunizieren, damit Schulen voneinander lernen.

Vor den Sommerferien gab es monatelang Heimunterricht. Sind das Defizite, die bleiben? Oder kann das jetzt in der nächsten Klasse nachgearbeitet werden?

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht eindeutig beantworten. Klar ist: Defizite müssen aufgearbeitet, Stoff muss nachgeholt werden. Schulen haben sich da viele Gedanken gemacht, Lernstandserhebungen konzipiert und Förderkonzepte erarbeitet.

Besonders intensiv muss sicher in den Klassen gearbeitet werden, die im nächsten Jahr Abschlussprüfung haben. Auf Landesebene muss man auch über Prüfungsinhalte nachdenken. Durch die Priorisierung des Präsenzunterrichts gibt es zusätzliche Freiräume für weitere Fördermaßnahmen.

Man kann den Eltern keinen Vorwurf machen

Eltern konnten sich in der Phase des Heimunterrichts in sehr unterschiedlichem Maß um die Heimarbeit ihrer Kinder kümmern. Haben sich bestehende Leistungsunterschiede weiter verschärft?

Es gibt da keine Erhebung zu. Aber aus der Erfahrung ist es so, dass bildungsfernere Elternhäuser weniger Unterstützung geben können. Man kann ihnen da keinen Vorwurf machen, wenn sie durch berufliche oder familiäre Situationen stark eingespannt sind. Oder wenn die technische Ausstattung nicht vorhanden ist und mehrere Kinder sich einen PC teilen müssen. Aber sicherlich haben alle ihr Bestes gegeben.

Für mich ist auch ein Aspekt: Es war relativ schnell klar, dass die Arbeiten daheim nicht benotet werden. Das war ein Wunsch des Landeselternbeirats. Das wäre sicherlich auch ungerecht gewesen. Das klang am Ende aber so, als ob die Heimarbeit völlig ins eigene Belieben gestellt worden wäre.

Das habe ich als sehr problematisch empfunden. Ein gewisser Grad an Verbindlichkeit mit festen Abgabeterminen und klaren Ritualen sollte schon sein. Eine Konsequenz ist daher, dass der Distanzunterricht jetzt landesweit einen festen Rahmen bekommen hat, der zum Beispiel definiert: Wie muss begleitet werden? Wie ist die Kommunikation? Was wird bewertet?

Wo sehen Sie die Herausforderungen in den nächsten Wochen?

Der Schulstart ist noch nicht fertig, jeden Tag tauchen neue Einzelfragen auf. Da bleibt die Aufgabe, viel zu informieren, damit keine Unsicherheiten entstehen, auch in Konflikten zu vermitteln. Wichtig ist auch, den Distanzunterricht immer besser zu gestalten. Genau verfolgen werden wir, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt, damit wir in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt schnell und angemessen reagieren können.

Von Hartmut Bünger