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Marburg Schul-Digitalisierung in Marburg: Die Kritik ebbt nicht ab
Marburg Schul-Digitalisierung in Marburg: Die Kritik ebbt nicht ab
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18:00 02.03.2021
Am bundesweiten Aktionstag für gerechte Bildung findet in Marburg eine Kundgebung statt.
Am bundesweiten Aktionstag für gerechte Bildung findet in Marburg eine Kundgebung statt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Gratis-Technik und pädagogische Konzepte für Digital-Unterricht, Luftfiltereinbau in Schulgebäuden: Das Bündnis „Für gerechte Bildung“ demonstrierte am vergangenen Freitag bundesweit, auch am Elisabeth-Blochmann-Platz gab es eine Kundgebung.

Die 16, vor allem dem linkspolitischen Lager nahestehenden Teilnehmer kritisierten neben der Präsenz in Pandemiezeiten vor allem einen „teilweise katastrophal rückständigen“ Online-Unterricht sowie den ständigen Ausfall von Lern-Videokonferenzen. Häufigster Grund demnach: instabile Internetverbindungen.

Kritik an einem städtischen„Alles-ist-gut-Märchen“

Damit treffen sie einen Nerv, denn nach dem Digitalisierungs-Aufschrei vieler Marburger Schülervertretungen vor einer Woche äußern sich nun auch Kommunalpolitiker. „Was uns in den letzten Jahren als Großinvestition versucht wurde zu verkaufen, entpuppt sich nun als Sparflamme und Flickwerk“, sagt Marco Nezi, Grünen-Stadtverordneter. Lehrer – er selbst ist das beruflich – könnten keinen modernen Unterricht geben, da es zum Teil an „ basaler Infrastruktur fehlt“, die der Schulträger nicht angeschafft habe. Das gehe von Endgeräten bis WLAN – aber gelte auch für Corona-Luftfilteranlagen, die bis heute nicht überall eingesetzt würden. „Die Stadt feiert Bibap und den Zustand, den Ausbau der Schulen – doch wie sollen Kinder gut und zeitgemäß unterrichtet werden, wenn es an wesentlichen Ausstattungsgegenständen fehlt?“, sagt Dr. Elke Neuwohner. Der Brandbrief müsse den Magistrat „wachrütteln“.

Man habe „die Vertröstungen satt“, heißt es von den Linken. Während die Philipps-Uni binnen Wochen „einen Digitalisierungsschub erfahren“ und auf Online-Studium umgestellt habe, würden die Schulen vom Schulträger „hingehalten“. Praktische Lösungen, wie etwa Bürgerhäuser sofort mit WLAN auszustatten und zu Unterrichtsräumen umzufunktionieren oder Schülern wie Lehrern mobile Router anzubieten, würden offenbar nicht verfolgt. Stefanie Wittich, Linken-Stadtverordnete und selbst Mutter mit Homeschooling-Erfahrung, fordert von der Stadt „eine Reaktion“. Von „krassem Versagen der Stadtspitze“ spricht auch Roland Böhm, Linken-Sozialpolitiker angesichts der Tatsache, dass es auch ein Jahr nach Corona „nicht geschafft wurde, angemessen zu reagieren“.

Die Stadt erzähle ein „Alles-ist-gut-Märchen“ – doch das Schüler-Schreiben aus der Praxis zeige, dass sie „schlicht versagt hat“, heißt es von der FDP. Es herrsche Abwarten und auf das Land zeigen statt Herzblut und Eigeninitiative.

Der BfM-Stadtverordnete Roland Frese kritisiert das zögerliche Handeln der Regierungspartner SPD und CDU: Neben dem Versäumnis, die Schulen beim kommunalen Corona-Hilfsprogramm 2020 mit einzubeziehen – und nicht, wie die BfM regierungsintern gefordert habe, nachträglich zu handeln – dauere auch die Erarbeitung eines Medienkompetenz-Konzeptes noch Jahre und verhindere das Abschöpfen von Digitalisierungs-Fördergeldern.

Vom Magistrat heißt es im Nachgang des Digitalisierungs-Brandbriefs von mehreren Marburger Schüler- und Elternvertretungen, dass für die geforderte Digital-Ausstattung – gerade das wegen Geschwindigkeit und Instabilität viel kritisierte WLAN – massive Bauarbeiten an fast allen 23 Standorten, vielen Gebäuden nötig seien. Das ginge nicht so schnell wie in Privathaushalten (die OP berichtete).

Stadträtin verweist auf zäheDebatten zu Handy-Nutzung

Stadträtin und Schuldezernentin Kirsten Dinnebier (SPD) äußerte sich bei einer Sitzung des Jugendhilfeausschusses zur aktuellen Kritik. „Die Digitalisierung ist zwar verschlafen worden. Aber ich muss daran erinnern, dass wir vor kurzem noch Debatten hatten über die Nutzung von Handys im Unterricht oder den Gefahren von WLAN-Strahlung in Unterrichtsräumen.“

Auch die Digitalpaket-Millionen würden „längst nicht für das reichen, was es braucht. Was über Jahrzehnte versäumt wurde, wird sich nicht in wenigen Jahren regeln lassen“. Immerhin: Die Stadt als Schulträger habe mittlerweile hunderte Endgeräte – vor allem Tablet-PCs und Laptops – besorgt, an Schüler verteilt und halte weitere in Reserve vor. Ja, bei Digitalisierung „bleibt viel zu tun“ und sie sei „zu langsam vorangetrieben“ worden – aber mittlerweile sei „viel passiert, verbessert und aufgeholt“ worden, sagt auch Burkhard Schuldt, Leiter des Staatlichen Schulamts.

Sowohl bei Technik als auch Konzeptentwicklung gebe es kreisweit „Defizite“, aber eben auch „vorbildliche Konzepte“ die dazu führten, dass an manchen Schulen Wechsel- oder Präsenzmodelle in der Pandemie gar nicht mehr gewünscht seien.

Martin Presenza vom BSJ fordert im Jugendhilfeausschuss indes, dass die seit einem Jahr „extrem unterschiedliche Qualität des Distanz-Unterrichts endlich auf ein zumindest ähnliches Niveau gebracht wird“ – zumindest innerhalb Marburgs und des Landkreises. Dinnebier: Man sehe, dass aktuell jene Schulen „klar im Vorteil“ seien, die bereits vor Corona Digitalisierungs- und Medien-Konzepte hatten.

Von Björn Wisker

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