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Marburg Schüler verlangen Gratis-Hessenticket
Marburg Schüler verlangen Gratis-Hessenticket
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14:00 22.11.2019
Einsteigen, losfahren, nichts bezahlen: Das gilt im Nahverkehr bislang nicht für alle Marburger Schüler. Ändert sich das? Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Wer mehr als drei ­Kilometer (bei Grundschülern zwei Kilometer) Luftlinie von der nächstgelegenen und für ihn geeigneten Schule entfernt wohnt, bekommt vom Staat ein Jahresticket bezahlt – das ist die seit Jahrzehnten bestehende landesgesetzliche Regelung.

Konkret bedeutet das, dass die einen Schüler aus der Universitätsstadt ein Hessenticket bekommen, mit dem sie im ganzen Bundesland gratis unterwegs sein können, andere dafür aber 365 Euro – das ist der Preis, den der RMV bei der Nutzergruppe aufruft – zahlen müssen.

„Es ist unfair, dass teils auf denselben Schulwegen die einen kostenlos fahren, die anderen nicht. Und nicht nur das: Wenn man an der richtigen Adresse wohnt, kann man in ganz Hessen den Nahverkehr umsonst nutzen, andere müssen Fahrten etwa nach Frankfurt teuer bezahlen“, sagt ein Kijupa-Vertreter.

Die aktuelle Regelung führe in manchen Straßen, etwa im hintersten Cappel zur „absurden Situation“, dass Hausnummern über das Ja und Nein zum Gratis-Ticket in der Universitätsstadt entscheiden. „Mit seinem Taschengeld kann jeder etwas­ Besseres anfangen als es für ­einen Fahrschein auszugeben“, sagt eine Kijupa-Vertreterin.

Eltern-Taxis zu Schulen minimieren

Und da den meisten Schülern die – etwa für Schulweg oder Fahrten zu Sport- und Schwimm­unterricht – nötigen Tickets faktisch Eltern bezahlen, würden so auch Familien „immer wieder mit kleinen Beträgen, die sich aber schnell hoch summieren, belastet“.

Denn während die einen Marburger ihre Freunde etwa in Wetter gratis besucht könnten, müssten die anderen von Marburg aus für eine Tageskarte in den Nordkreis 6,50 Euro zahlen. „So wird für einige der Alltag deutlich teurer als für andere. Das ist ungerecht.“

Nicht zuletzt aus Klimaschutz-Gründen wäre es für Marburg und die Kommunalpolitik angesagt, den nötigen Betrag – laut Magistrat sind es etwa 2,4 Millionen Euro pro Jahr – in den Haushalt zu stellen, um so letztlich die Bus-Nutzung für die jungen Generationen zur „Selbstverständlichkeit werden zu lassen, Gewohnheiten zu ändern“ und so auch Eltern-Taxis zu Schulen zu minimieren.

„Das wäre eine sinnvolle Investition in die Zukunft.“ Im Haupt- und Finanzausschuss, der vor allem über die Verwendung von öffentlichen Geldern berät, entbrannte eine Diskussion über Zuständigkeiten. Stadt Marburg, Land Hessen? 2,4 Millionen Euro – das entspricht Hessentickets für rund 6.500 Schüler.

Die Kommunalpolitik fürchtet Kosten und verweist aufs Land

CDU-Finanzexperte Roger Pfalz warnt vor den Folgen: „Wir als Stadt sind bei den freiwilligen Leistungen schon am obersten Limit. Wenn so ein Betrag aufgewendet werden soll, muss man den irgendwo anders wegnehmen. Da ist der große Konflikt vorprogrammiert.“

Henning Köster (Linke)­ hält dagegen: Mit einer Erhöhung des Gewerbesteuersatzes wären die nötigen 2,4 Millionen Euro „problemlos und ohne Kürzungen anderswo aufzutreiben“. Auch wenn die Schülerticket-Situation, die Entfernungs-Regelung seit Jahrzehnten dieselbe sei, hätten sich über die Klimakrise die Vorzeichen verändert: „Die Kosten-Nutzen-Rechnung muss auch unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten gesehen werden.“

Sonja Sell (SPD) verwies auf die Folge­kosten: „Es sind nicht nur die 365 Euro, die wir jedem Schüler schenken würden. Zu den dann 2,4 Millionen kommen noch Kosten für mehr Busse, mehr Fahrer, mehr Haltestellen und Infrastruktur. Und das im Angesicht eines immer defizitäreren Nahverkehrssektors.“

Kijupa-Antrag soll im Januar abgestimmt werden

Konkret: Das Bussystem in Marburg macht aktuell rund acht Millionen Miese. Elke Neuwohner (Grüne) sagt: „Mit dem Hessenticket, dem viel größeren Geltungsbereich als je zuvor ist das Gefälle zwischen den Schülern in der Stadt viel größer geworden.“ Ein „kommunales Einspringen“ halte sie daher für „zumindest denkbar“.

Ein Ansatz: Alle Grundschüler und somit eine große Zahl aus der Ticket-Regelung herausnehmen. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) bezeichnet das veraltete Entfernungs-Gesetz als „Knackpunkt“ – wenn das Land Hessen das reformieren würde, das Hessenticket faktisch für alle Schüler einführt oder zumindest Kommunen die Ausgestaltung überlassen würde, könne man sich „über das anteilige Bezahlen sicher einig werden“.

Im Landkreis war das bereits vor zwei Jahren bei der Hessenticket-Einführung Thema – vor allem, weil mehr als 500 Schüler aus dem Hinterland eine der Schulen im nahen nordrhein-westfälischen Bad Laasphe ­besuchten und die Hessenkarte­ dort nicht nutzen konnten, für eine Reststrecke von drei Kilo­metern Hunderte Euro extra hätten zahlen müssen (OP ­berichtete). Der Kijupa-Antrag soll nun im Januar – mit exakten Schülerzahlen, Prognosen und Kosten – abgestimmt werden.

von Björn Wisker