Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Mit uns reden statt über uns“
Marburg „Mit uns reden statt über uns“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 03.07.2019
„Die Liebe siegt“ heißt es auf dem Kopfschmuck einer Teilnehmerin der Gay Pride Parade in Bukarest in Rumänien. Quelle: Vadim Ghirda/AP/dpa
Marburg

Chris (Name geändert) ist in Sachsen als Mädchen aufgewachsen. „Damals gab es keine Möglichkeit, sich zu informieren, keine Rollenvorbilder – nur Menschen, die getratscht haben“, erzählt der 36-jährige Wahl-Gießener. „Ich dachte, ich wäre heterosexuell, aber ich habe mich so unwohl gefühlt, dass ich nach dem Schulabschluss weit weg gezogen bin.“

Von Diskriminierung zu erzählen ist „befreiend“

Für ihn wäre damals ein Angebot wie „SCHLAU“ von pro familia und dem Gießener Jugendbildungswerk hilfreich gewesen, sagt Chris. Ehrenamtliche wie er, die selbst beispielsweise „trans“ oder schwul sind, erzählen von ihrer persönlichen Biografie. Am Schluss wird eine große Fragerunde eröffnet, das Kernstück des Angebots.

Queer

Als queer können sich Personen bezeichnen, die sich nicht in der normativen Sichtweise der Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität wiederfinden. Der Begriff (englisch: schwul) war anfangs negativ besetzt, wurde von Betroffenen jedoch positiv umgedeutet.

  • inter: Menschen können aufgrund ihrer körperlichen Merkmale nicht in die Kategorien männlich und weiblich eingeordnet werden
  • pan: sexuelle und/oder romantische Anziehung zu anderen Personen unabhängig von deren Geschlecht
  • bi: sexuelle und/oder romatische Anziehung zu Personen des eigenen Geschlechts und mindestens eines anderen
  • asexuell/-romantisch: Menschen, die keine oder nur geringe oder nur unter bestimmten Voraussetzungen sexuelle und/oder romantische Anziehung zu anderen Personen verspüren
  • trans: Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde     

Außerdem lernen Schüler während des mindestens vierstündigen Workshops Begriffe zu den Themen sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. So wissen sie später immerhin, wonach sie suchen müssen, sagt Chris.
Nur durch Zufall ist er selbst damals in einem Lesbenforum auf Transpersonen gestoßen.

Danach fuhr er zu Treffen in ganz Deutschland, um sich von Transpersonen ihre Lebensgeschichte erzählen zu lassen.
Viele hätten ihm von Depressionen erzählt, die im Laufe ihres Lebens immer schlimmer wurden. Grund dafür war, dass sie jahrzehntelang nicht sie selbst sein konnten und sich versteckten.

Chris entschied sich für eine Personenstandsänderung, für eine Hormonbehandlung und auch eine geschlechtsangleichende Operation – was nicht alle Transpersonen machen. Das sei auch eine Frage, die die Schüler interessiere. „Die beantworte ich je nach Tagesform“, sagt der 36-Jährige.

In solchen Momenten stelle er aber auch klar, dass man Fremden unter normalen Umständen mit dieser Frage zu nahe tritt. Im Workshop hingegen werde ein Schutzraum geschaffen, in dem die Schüler alle Fragen stellen dürfen – es müssen ja nicht alle beantwortet werden. Auch die Lehrer dürfen nicht dabei sein.

Chris ist mittlerweile seit mehr als sechs Jahren bei dem Projekt aktiv, gehört zu einem Team von rund einem Dutzend Ehrenamtlichen im Raum Gießen und Marburg. Sie arbeiten bei den Workshops immer mit einem Mitarbeiter von pro familia zusammen. Anke Bäumker ist eine von ihnen.

Was die Schüler am meisten interessiere, seien Beziehungen, zum Partner und zu der Familie, sagt sie. Auch, wie der beste Freund oder die beste Freundin reagiert habe, sei eine häufige Frage, erzählt Bäumker. Fragen zum Thema Sex seien inzwischen selten.

„Da hat Youtube wahrscheinlich Aufklärungsarbeit geleistet“, sagt Bäumker. Die Frage „Wie macht ihr das dann?“ habe sie schon lange nicht mehr gehört. Im Allgemeinen stünden die Schüler dem Thema sehr offen gegenüber und die Atmosphäre sei von Respekt geprägt. „Wir gehen auch immer erst einmal in Vorleistung“, sagt Bäumker. Denn die Ehrenamtlichen erzählten ja ihre ganz persönliche Geschichte.

Auch Diskriminierungserfahrungen lassen sie nicht aus. „Diskriminierung zeigt sich vor allem mit Blicken“, erzählt Chris. Beim Bäcker habe er kürzlich folgende Situation erlebt: Er war mit seinem Partner unterwegs. Als ein Mann im Laden die beiden bemerkte, zog er einen Rosenkranz aus der Tasche, um zu beten.

„Solche Situationen im Workshop zu erzählen, ist für mich befreiend“, sagt Chris. „Es ist gut, wenn die Schüler wissen, wie ich so etwas erlebe.“

Viele Jugendliche reagierten auch ganz empathisch, wenn beispielsweise ein Ehrenamtlicher erzähle, dass nach dem Coming-Out der Kontakt zu den Eltern abgebrochen sei, sagt Bäumker. „Wie fühlst du dich damit?“, wollten sie dann beispielsweise wissen.

Inzwischen werde dem Thema sexuelle Vielfalt an Schulen mehr Platz eingeräumt, erzählt Chris. „Wir haben in den letzten Jahren viel mehr Anfragen bekommen und mehr Zeit an den Schulen für den Workshop.“ Im vergangenen Jahr gab es 15 Termine im Raum Gießen und Marburg.

„Lehrkräfte spüren heute mehr Akzeptanz für queere Themen und trauen sich eher, sie an die Schulen zu holen“, so Bäumker. Dazu beigetragen habe auch der „Aktionsplan für Vielfalt und Akzeptanz“ der hessischen Landesregierung sowie die Unterstützung des Projekts durch das Sozialministerium.

Statistisch gesehen in 
jeder Klasse queere Schüler

Die Teilnahme an den Workshops ist für die Schüler freiwillig. Selten komme es auch vor, dass jemand den Raum verlasse. Und regelmäßig, dass jemand ablehnend dasitze. Das könne zum einen Homofeindlichkeit sein, sagt Bäumker. Statistisch gesehen gebe es in jeder Klasse mindestens einen queeren Menschen. „Also kann der Widerstand aber auch nach innen gerichtet sein.“

In den Workshops wollen die Ehrenamtlichen nicht nur Akzeptanz gegenüber queeren Menschen vermitteln, sondern auch ermutigen, die eigene sexuelle Orientierung zu akzeptieren. Auf einem der Feedback-Bögen der Schüler haben die Ehrenamtlichen auch schon einmal den Satz gelesen: „Jetzt brauche ich keine Angst mehr haben.“

Häufig hörten sie am Ende eines Workshops auch: „Ihr seid ja ganz normal.“ In dem Fall sei das ein Kompliment. Denn eigentlich würden sie den Begriff „normal“ vermeiden, so Bäumker. Deswegen gibt es für das Gegenteil von „trans“ auch einen eigenen Begriff, „cis“, weil eben nicht „normal“ das Gegenteil sei.

„Mit uns reden statt über uns“ ist das Motto des SCHLAU-Landesnetzwerks Hessen, das es seit 2012 im Raum Gießen-Marburg gibt. Das Bildungs- und Antidiskriminierungsprojekt richtet sich an Schulklassen ab der 8. Klasse, an Jugendgruppen und junge Erwachsene und ist für Schulen kostenfrei.

  • Weitere Informationen gibt es bei pro familia in Marburg, unter 0 64 21 /  21 800 oder marburg-giessen.schlau-hessen.de.

von Freya Altmüller