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Marburg „Bankenkrise“ in Schröck
Marburg „Bankenkrise“ in Schröck
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07:56 21.07.2020
Die Filiale der Volksbank Mittelhessen in Schröck soll zum Jahresende schließen. Quelle: Thorsten Richter
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Schröck

Nun also auch die Volksbank Mittelhessen: Nachdem die Sparkasse Marburg-Biedenkopf bereits vor drei Jahren ihre Filiale in Schröck geschlossen hatte, zieht die Volksbank nach. Am 31. Dezember ist Schluss.

„Das Gerücht lag schon länger in der Luft, nun hat es sich nach Rücksprache mit der Volksbank Mittelhessen bestätigt“, so der Vorsitzende der CDU Schröck, Christian Schombert. Seien in den vergangenen Jahren bereits die Öffnungszeiten stark eingeschränkt worden, müssten Schröcker Volksbank-Kunden Bankgeschäfte demnächst in Dreihausen oder Marburg erledigen.

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Das treffe nicht nur Mitbürger, deren Mobilität eingeschränkt sei, „auch die Infrastruktur und die Attraktivität des Stadtteils Schröck wird damit geschwächt“. Man wolle daher im Dialog mit der Volksbank zumindest erreichen, dass ein Geldautomat und ein Kontoauszug-Drucker in Schröck verbleiben.

Die Volksbank teilt auf Anfrage der OP mit, dass man „trotz aller komfortablen technischen Alternativen auch künftig ein flächendeckendes Filialnetz betreiben“ wolle – mit „bestmöglichem Service und bestens ausgebildetem Personal“.

Absage an SB-Standort

Man werde weiterhin in jeder politischen Gemeinde Mittelhessens mindestens einmal mit einer Filiale vertreten bleiben. „Doch um dieses dichte Filialnetz dauerhaft für die gesamte Region erhalten zu können, richten wir es an der tatsächlichen Nachfrage aus“, teilte PR-Manager Dennis Vollmer mit.

Die Frequentierung der Filiale in Schröck sei kontinuierlich zurückgegangen. Daher werde sie mit der Filiale in Cappel zusammengelegt. Diese biete „sowohl personell als auch technisch beste Voraussetzungen für eine optimale Kundenbetreuung“.

Der Hoffnung, dass zumindest ein SB-Standort erhalten bleibe, erteilte Vollmer eine Absage – denn auch die Nutzung der bereits vorhandenen SB-Geräte sei stark zurückgegangen. „Insofern lässt sich ein dauerhafter Weiterbetrieb mit Blick auf diese Entwicklung nicht darstellen.“ In der Umgebung betreibe die Volksbank mehrere Filialen, „die gut erreichbar und verkehrsgünstig gelegen sind“. Die persönliche Betreuung der Kunden finde künftig von Cappel und Dreihausen aus statt.

„Keine massiven Schließungen geplant“

Bei konkretem Beratungsbedarf würden die Berater die Kunden zu Hause besuchen – zudem gebe es Online- und Telefon-Banking. „Beide Kanäle erleben seit Corona einen enormen Zulauf“, erläutert Vollmer. Zum Online-Banking gebe es auch Workshops, um die Kunden fit zu machen.

Sind denn noch weitere Schließungen geplant? „Grundsätzlich unterliegen alle Standorte der Volksbank Mittelhessen einer ständigen, fortlaufenden Überprüfung. Es sind keine massiven unternehmensweiten Schließungen geplant“, so Vollmer – was jedoch „massiv“ bedeutet, präzisierte er nicht.

Doch nicht nur die Schließung der Bank treibt die Schröcker um. Hans-Joachim Scholz hat sich nämlich mit der Gebührenstruktur der Genossenschaftsbank beschäftigt: Er wollte das VR-Online-Konto abschließen – die Kontoführungsgebühr beträgt laut Preisliste 4,49 Euro pro Monat.

Kunde fragte nach

„Wenn Sie allerdings die Bank mit Geldeingängen von mindestens 1 .250 Euro im Monat beglücken, verringert sich die Gebühr auf 99 Cent im Monat.“ Das mache im Jahr eine Differenz von gut 40 Euro aus. „Diese Differenzierung, oder besser Diskriminierung, ist bei Privatbanken Standard. Aber bei einer Volksbank, die auch moralischen Werten verpflichtet ist?“, wundert sich Scholz.

Als er bei der Bank telefonisch nachfragte, habe er zunächst die Antwort erhalten, man könne doch „durch geschicktes Überweisungsmanagement zwischen zwei Konten den Mindesteingang vortäuschen und so den Computer überlisten“, berichtet Scholz.

„Das hat mich nicht zufriedengestellt“, sagt er – und stellte die Anfrage schriftlich. Er bekam auch Antwort – demnach betrage die Kontoführungsgebühr grundsätzlich 4,49 Euro, es erfolge keine Benachteiligung aufgrund des Geldeingangs. Bei einem höheren Eingang würde die Gebühr lediglich verringert. Die ermäßigte Gebühr richte sich „an eine von anderen Banken stark umworbene Personengruppe“.

„Wer wenig verdient, darf mehr zahlen“

Dazu erläutert Dennis Vollmer: „Die erhobenen Preise sind auch im Vergleich zum Wettbewerb sehr günstig. Die Höhe der Gebühren an einen monatlichen Geldeingang zu knüpfen, ist absolut marktüblich. Als Bank haben wir selbstverständlich ein Interesse an einer möglichen aktiven Bankverbindung.“

Für Scholz bedeutet das: „Ade Fairness und Solidarität: Wer wenig verdient, darf mehr zahlen – in diesem Fall das Viereinhalbfache.“ Laut Grundgesetz dürfe niemand etwa wegen Geschlecht, Hautfarbe oder Religion benachteiligt werden, „wegen seiner Eigentumsverhältnisse anscheinend schon. Hauptsache die Kasse stimmt“, so der Schröcker.

„In Anbetracht der Prognose, dass die Zahl der Personen mit geringerem Einkommen zunimmt, ein ,sensibles und intelligentes’ Gebührenmodell“, fügt Scholz sarkastisch hinzu. Er empfindet es auch als zynisch, „dass die Volksbank ihren Kunden die Zusammenlegung von Filialen als Vorteil verkauft“ – wenn er seinen Kundenberater sprechen wolle, müsse er künftig bis Dreihausen fahren.

Von Andreas Schmidt