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Marburg „Schönster Beruf“ wirft viele Probleme auf
Marburg „Schönster Beruf“ wirft viele Probleme auf
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18:58 18.11.2020
Nils Becker (links) zeigt der Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes Karin Lölkes und Kreislandwirt Frank Staubitz seinen Kuhstall. Quelle: Foto: Götz Schaub
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Weidenhausen

Wer etwas aufbaut, möchte es gerne an die nächstfolgende Generation abgeben, es dort in guten Händen wissen, vielleicht mit der Aussicht auf einen weiteren Ausbau. Das war früher einmal gang und gäbe. Und wehe die Kinder wollten etwas anders machen, der Haussegen hing dann gewaltig schief. Heutzutage passiert es immer wieder, dass Kinder ein Familienunternehmen nicht mehr weiterführen, weil ihre Interessen einfach woanders liegen. In der Regel werden dann Lösungen gefunden und umgesetzt, wenn das Rentenalter erreicht wurde oder gerne auch etwas später, wenn man sich eingestehen muss, dass der Körper einfach nicht mehr mitmachen will.

Bei Nils Becker sieht das etwas anders aus und das treibt ihn ganz schön um. Er ist 50 Jahre alt und Vollblut-Landwirt. So wie sein Vater. Mit ihm bewirtschaftet er den heimischen Hof in Weidenhausen. Sein Vater ist 71 Jahre alt und er hilft, wo immer er kann. Doch Becker weiß, die besten Jahre als Duo sind vorbei.

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Und mehr noch, wenn sein Vater ihn nicht mehr unterstützt, kann er die Arbeit einfach nicht mehr bewältigen. Er schaut ja jetzt schon nie auf die Uhr. Fertig ist dann, wenn fertig ist, nicht wenn Kirchenglocken läuten oder Fußball im Fernsehen anfängt. Bei der Arbeit mit Vieh kommen einige Stunden zusammen, ganz automatisch. Ist halt so. Nils Becker liebt es aber auch genau so. Er könnte sehr zufrieden sein. Er hat einen schönen Beruf, den er eigentlich gegen nichts eintauschen möchte.

Aber wie gesagt, er kann sich nicht teilen, die Arbeit auf dem Hof, wie sie sich jetzt darstellt, ist alleine nicht zu schaffen. Dass ihn seine Frau nicht unterstützt, hat er immer gewusst und akzeptiert. Sie liebt ihn, aber nicht die Landwirtschaft, sie hat eine Arbeit in Frankfurt, die sie fordert und glücklich macht. Daran will er auch gar nicht rütteln. Was ein bisschen überraschend ist, ist die Tatsache, dass derzeit keines der fünf Kinder größeres Interesse zeigt, einmal einzusteigen und dann irgendwann zu übernehmen. Das allerletzte Wort ist da möglicherweise noch nicht gesprochen, aber das Ehepaar Becker kam auch überein, dass alle Kinder erst einmal ihren eigenen Weg gehen sollen.

Sie sollen selbst entdecken, was ihnen beruflich Spaß machen würde. Becker weiß indessen, dass er das Hofende nicht mehr bis zum Rentenalter hinauszögern kann und überlegt, wie seine Zukunft aussehen könnte. Dabei muss er aber auch immer daran denken, warum er es alleine nicht schaffen kann. Das liegt eben auch an den Vorgaben und Bedingungen von außen. Er kann nicht x-beliebig seinen Tierbestand zusammenfahren, damit es für ihn vom Arbeitsvolumen wieder passt. Dann wird es nämlich unrentabel, dann steht der Aufwand zum erwartenden Ertrag in keinem Verhältnis mehr.

Der Milchpreis ist ein Hohn. Und so wie es sich jetzt darstellt, kann und will er eigentlich auch keinem seiner Kinder zumuten, diesen arbeitsintensiven – aber schönen Beruf zu ergreifen, mit dem Wissen, dass sich finanziell da kaum etwas zum Besseren drehen lässt. So lange die Milch zur Marburger Molkerei ging, konnte man vielleicht auf eine bessere Zukunft hoffen. Doch jetzt? Die Milch der Kühe aus Weidenhausen landet original in Chemnitz. Becker darf auch noch froh sein, überhaupt einen Abnehmer gefunden zu haben.

Und da kommt er zu einem weiteren Thema, das seine Lage verschärft. Die Wetterkapriolen der vergangenen drei Jahre. Acker ist eben nicht gleich Acker, Wiese nicht gleich Wiese. Es gibt da enorme Unterschiede in der Beschaffenheit des Bodens und der ist nun mal mit verantwortlich für die Erntemenge. Wenn es einfach nicht regnen will und das Gras nicht üppig wächst, dann fallen wichtige Grasschnitte aus, die für den Verkauf bedeutend sind. Die Kühe im luftigen Stall bekommen dort ihr eigenes Futter 365 Tage im Jahr. Sie haben keinen Sommer auf einer Wiese, weil es rund um den Hof keine geeigneten Flächen dafür gibt.

Die Expansionszeiten sind auch vorbei. Die Familie zog aus dem Ort heraus, baute im Außenbereich neu, Haus und einen Hof. Der Kuhbestand stieg. Es kam eine Mutterkuhherde dazu. Letztere ist schon wieder Vergangenheit. Aktuell sind aber noch die 208 Hektar Land, die bewirtschaftet werden. Kreislandwirt Frank Staubitz und Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, verstehen die Sorgen von Nils Becker.

Lölkes sagt: „Alles um uns rum wird teurer. Die Lebenshaltungskosten, die Betriebskosten steigen, aber die Erlöse für Landwirte gehen da einfach nicht mit.“ Für Staubitz kein Wunder, dass Landwirte aufgeben und erläutert die Konsequenz: „Was Landwirte hier im Land produzieren, reicht schon nicht mehr für die Selbstversorgung. Wir kaufen fleißig dazu und solange es im Laden alles gibt, scheint es auch nicht zur Kenntnis genommen zu werden.“

In Weidenhausen gibt es nur noch zwei Vollerwerbslandwirte. „Mit dem Sterben der Höfe wird es auch immer schwieriger, die gewohnte Kulturlandschaft zu erhalten", merkt Staubitz an. Becker hat sich noch nicht entschieden, die Gedanken sind noch frei. Er kann sich sogar sehr gut vorstellen einen Schau-Bauernhof zu führen, für Kindergartenkinder und Schulklassen. Das müsste dann aber auch irgendwie subventioniert werden.

„Dabei ist es eigentlich so wichtig, den Kindern plastisch erklären zu können, woher unsere Nahrung kommt und wie sie erzeugt wird, dass sie das wissen und zu schätzen lernen“, sagt Becker. Für die nahe Zukunft wünscht er sich jedenfalls erst einmal einfach nur mehr Niederschlag in den warmen Monaten, damit er endlich wieder mehr Ertrag aus dem Grünland hat.

Von Götz Schaub