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Marburg Schnelle Hilfe, wenn die Lunge versagt
Marburg Schnelle Hilfe, wenn die Lunge versagt
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17:58 22.06.2021
Vertreter des Rettungsdienstes Mittelhessen, des Universitätsklinikums und des Landkreises stellten das ECMO-Mobil vor. Das Fahrzeug bringt eine mobile Herz-Lungen-Maschine zu Patienten, deren Herz oder Lunge versagt hat. 
Vertreter des Rettungsdienstes Mittelhessen, des Universitätsklinikums und des Landkreises stellten das ECMO-Mobil vor. Das Fahrzeug bringt eine mobile Herz-Lungen-Maschine zu Patienten, deren Herz oder Lunge versagt hat.  Quelle: Foto: Stefan Dietrich
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Marburg

Wenn Herz und Lunge versagen, sollen die Betroffenen künftig noch bessere und schnellere Hilfe erhalten. Dazu beitragen soll das so genannte ECMO-Mobil. Das neue Fahrzeug des Rettungsdienstes Mittelhessen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) stellten Vertreterinnen und Vertreter des DRK, des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) sowie des Landkreises am Montag an der Notaufnahme auf den Lahnbergen vor. „Bei vorübergehendem Versagen ersetzt ECMO die Lunge“, sagte Professor Dr. Hinnerk Wulf. „Auch auf dem Weg hierher“, fügte der Direktor der Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie mit Blick auf das neue ECMO-Mobil hinzu.

ECMO (Extra-corporale Membran-Oxygenierung) sei eine „minimalisierte Herz-Lungen-Maschine“, erläuterte Dr. Birgit Markus, die gemeinsam mit Dr. Susanne Betz das Marburg Cardiac Arrest Center (MCAC) leitet. In dem Zentrum arbeiten Experten aus verschiedenen Abteilungen des UKGM zusammen. „Das Blut wird an den Venen aus dem Körper herausgepumpt, mit Sauerstoff angereichert und über die Arterien zurück in den Körper gepumpt“, beschrieb Dr. Birgit Markus die Funktion von ECMO.

Hilfe für Corona-Kranke und nach einem Herzinfarkt

Das Verfahren wird am Marburger Klinikum schon seit dreieinhalb Jahrzehnten bei Patienten mit Lungenversagen eingesetzt – in der aktuellen Pandemie auch bei Corona-Erkrankten. Es hilft auch Patienten, die nach einer Reanimation nicht genügend eigene Kreislauffunktion aufbauen, zum Beispiel nach einem Herzinfarkt, erläuterte Dr. Andreas Jerrentrup, Chefarzt am Zentrum für Notfallmedizin.

ECMO wird aber nur in spezialisierten Krankenhäusern angewandt. Schwerstkranke Patienten mussten also bisher zunächst ins UKGM gebracht werden. Dadurch kann wertvolle Zeit verloren gehen, erst recht, wenn die Patienten zum Beispiel aus einem Nachbarlandkreis kommen.

„Das wichtigste ist wirklich die Zeit, die Zeit arbeitet gegen uns“, sagte Dr. Susanne Betz. Deshalb ist sie froh über das neue Fahrzeug: Mit einem „gut motorisierten ECMO-Mobil“ lasse sich die Anfahrtszeit verkürzen, die gerade bei Herz-Kreislauf- und Lungen-Versagen entscheidend ist. Es sei „der i-Punkt auf dem, was sich die letzten zehn Jahre entwickelt hat bei ECMO und Reanimation“, sagte Professor Dr. Bernhard Schieffer, Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin sowie des Zentrums für Notfallmedizin.

In Zukunft kommt also die ECMO-Hilfe zu den Patienten. Etwa zu Menschen, die in anderen Krankenhäusern sind und ins Uniklinikum auf den Lahnbergen verlegt werden sollen, beispielsweise schwer erkrankte Corona-Patienten. Dann fährt das ECMO-Mobil mit zwei Fachärzten und einem Rettungsdienst-Mitarbeiter dorthin und die Ärzte implantieren das ECMO-Gerät. Wenn der Patient dann stabilisiert ist, kann er mit angeschlossenem ECMO ins UKGM gebracht werden. Dafür hat das DRK ein zweites Fahrzeug, den Intensivtransport-Wagen, so umrüsten lassen, dass die ECMO-Maschine dort Crash-sicher transportiert werden kann.

„Das Fahrzeug ist ab sofort einsatzbereit“, sagte Christian Betz, Vorstand des DRK-Kreisverbandes Marburg-Gießen. Nach seinen Angaben hat der Verband für das ECMO-Mobil rund 50 000 Euro investiert und ist darüber nun in Gesprächen mit den Kostenträgern, also den Krankenkassen. Ehrenamtliche des DRK werden das Fahrzeug fahren, das an 365 Tagen im Jahr im Einsatz sein wird und von umliegenden Kliniken angefordert werden kann.

Das Ziel sei „noch effektiver zu helfen“, sagte die Kaufmännische Geschäftsführerin des Marburger Universitätsklinikums, Dr. Sylvia Heinis. Denn schon jetzt sind die Überlebenschancen nach einer Reanimation im Landkreis deutlich höher als im Bundesdurchschnitt.

Entscheidend dafür ist aus Sicht der Verantwortlichen die Zusammenarbeit aller Beteiligten – des Rettungsdienstes, der Ehrenamtlichen, der verschiedenen medizinischen Fachgebiete und natürlich auch der Laien, die im Notfall meist zuerst vor Ort sind. „Es funktioniert, weil wir ohne Eitelkeiten unterschiedliche Kompetenzen zusammentragen“, lobte Landrätin Kirsten Fründt.

Erste Hilfe von Laien ist wichtig

Pro Jahr erleiden in Deutschland rund 96 000 Menschen einen plötzlichen Kreislaufstillstand. Mehr als 50 000 Menschen werden nach Daten des Deutschen Reanimationsregisters von Rettungsdienst und Notarzt reanimiert. Etwa zwei Drittel von ihnen sind Männer (Durchschnittsalter 68 Jahre), ein Drittel Frauen (Durchschnittsalter 73 Jahre).
Bundesweit konnten insgesamt nur 9,9 Prozent der von Rettungsdienst und Notarzt reanimierten Patientinnen und Patienten später lebend aus dem Krankenhaus entlassen werden – im Landkreis Marburg-Biedenkopf lag dieser Anteil im vergangenen Jahr mit 18,5 Prozent jedoch fast doppelt so hoch.
Das berichtete Dr. Andreas Jerrentrup, Chefarzt des Zentrums für Notfallmedizin am Universitätsklinikum. Bezogen auf 100 000 Einwohner konnten 2020 im Landkreis 19,1 Patienten nach einer Reanimation lebend wieder aus der Klinik entlassen werden, bundesweit sind es nur 8,3.
Wichtig ist, dass Betroffene rasch reanimiert werden. Der Hauptfaktor für den guten Wert im Landkreis ist deshalb laut Jerrentrup, dass viele Laien Erste Hilfe leisten, wenn sie Zeugen eines Notfalls werden: 57,5 Prozent der Patienten im Landkreis waren schon vor Eintreffen des Rettungsdienstes durch Laien reanimiert worden (bundesweit 46,4 Prozent).
Die Rettungsleitstelle unter der Notruf-Nummer 112 hilft Laien, die bei der Reanimation unsicher sind. Im vergangenen Jahr wurde dies bei 43 Prozent der Reanimationen im Landkreis in Anspruch genommen (bundesweit bei 24 Prozent).

Von Stefan Dietrich

22.06.2021
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