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Marburg „Schneckenweisheiten“ gibt es auch gedruckt
Marburg „Schneckenweisheiten“ gibt es auch gedruckt
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19:00 23.01.2022
Das Foto zeigt Jürgen Helmut Keuchel am Hessischen Landestheater in einer Aufführung seiner Gedichte unter dem Titel „Schneckenweisheiten oder das Mittel gegen die Einsamkeit“.
Das Foto zeigt Jürgen Helmut Keuchel am Hessischen Landestheater in einer Aufführung seiner Gedichte unter dem Titel „Schneckenweisheiten oder das Mittel gegen die Einsamkeit“. Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Das Hessische Landestheater hat seinem ältesten Schauspieler Jürgen Helmut Keuchel ein Geschenk gemacht. Keuchels „Schneckenweisheiten“, mit denen er am 1. Oktober im Theater am Schwanhof Premiere feierte, und die am Sonntagnachmittag um 15.30 Uhr wieder zu sehen sind, gibt es nun als gedruckte Broschüre mit allen Gedichten des Programms. Ein Genuss für Lyrik- und Keuchel-Fans gleichermaßen. „Wir freuen uns, dass die Fans von Jürgen Helmut Keuchel und auch alle weiteren interessierten Zuschauerinnen und Zuschauer auf diese Weise die Möglichkeit haben, die Gedichte unseres langjährigen Ensemblemitglieds auch selber lesen zu können und damit ihren Theaterbesuch noch verlängern können. Ein wenig Lächeln und Schmunzeln als Nach- oder auch Vorbereitung des nächsten Theaterbesuches“, so die Intendantinnen Carola Unser und Eva Lange.

Auf 65 Seiten sind seine doppelbödigen, satirischen und bisweilen wehmütigen Gedichte abgedruckt – vom „Alltag im Gehirn“ über das „Missgeschick des Pfarrers Daniel Pöscht“ und „Mein Mecklenburg“ bis zu seinem „Klagelied über das Altern“:

„Bei Menschen so ab Zweiundsechzig / Da bockt der Körper und er rächt sich“, heißt es da und Keuchel führt aus: „Oft ist ihnen nicht sehr wohl zumut / Zähne fehlen oder sind nicht echt / Allerdings schlecht sehen tun sie gut / Wiederum gut hören äußerst schlecht. / Geht vieles schlecht, ist nun mal so / Doch sie wissen alles besser, Chapeau“.

Urgestein am Landestheater

Ja, das Alter beschäftigt den 1955 in Mecklenburg geborenen Schauspieler, denn mit dem Alter kommt auch die Vergesslichkeit – das Grauen für jeden, insbesondere aber für einen Schauspieler, der sich viel Text merken muss. „Alltag im Gehirn“ geht bei Keuchel so: „Eine Gedächtnislücke / Runzelt traurig die Stirn / Und fragt die Eselsbrücke / „Sind wir im Gehirn?“ / „Früher schon; im Prinzip / Doch jetzt in einem Sieb!“.

Jürgen Helmut Keuchel ist das Urgestein am Hessischen Landestheater Marburg. Seit 1990 ist er im Ensemble, steht momentan in seiner 32. Spielzeit auf der Bühne. Keuchel hat vier Intendanzen erlebt: das letzte Jahr von Franzjosef Dörner, 19 Jahre mit Ekkehard Dennewitz, acht Jahre mit Matthias Faltz, der aktuell an der Frankfurter Volksbühne tätig ist, und seit 2018 mit Eva Lange und Carola Unser. Die Stilmittel und das Ensemble haben sich immer wieder geändert, Jürgen Helmut Keuchel blieb und hat gespielt. Im Grunde alles, was ein Spielplan so hergibt. Er war ein mitreißender „Hauptmann von Köpenick“, er war ein nörgelnder Tyrann in Thomas Bernhards „Weltverbesserer“, ein streikender Malocher in „Ab jetzt zusammen!“ und demnächst dürfen ihn die Marburger Theaterfans in dem modernen Klassiker „Biedermann und die Brandstifter“ sehen und seine sonore Stimme bewundern. Und seine eigenen „Schneckenweisheiten“ präsentiert er aktuell am Landestheater gemeinsam mit Ben Knop und Christian Keul.

Natürlich beschäftigt er sich in seinen Gedichten auch mit seinem Beruf, den er seit seiner Zeit an der Schauspielschule Rostock (1976 bis 1979) ausübt: „Probleme im Theater“ hat er einen Zweizeiler betitelt: „Eine gute, richtige Geschichte / macht oft ein falsches Publikum zunichte“. „Das geht im Grunde nicht gegen das Publikum, sondern gegen uns“, sagte er augenzwinkernd im Gespräch mit der OP über das doppeldeutige Kurzgedicht.

150 Gedichte geschrieben

Rund 150 Gedichte hat er inzwischen geschrieben, von denen er sagt: „Die lasse ich gelten.“ Denn Keuchel ist sein strengster Kritiker. „Die Broschüre gefällt mir“, meint er. Er habe sich anfangs ein wenig dagegen gesträubt, auch weil er dachte, seine Gedichte seien für einen Druck nicht gut genug. „Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich dazu durchgerungen habe. Dass die Broschüre so spät herausgekommen ist, liegt ein bisschen an mir.“ Dabei war die Nachfrage seit der Premiere am 1. Oktober da. Immer wieder fragten Besucherinnen und Besucher nach seinen „Schneckenweisheiten“. Jetzt kann man sie im Theater kaufen. Und sie enthält auch hierzulande nur schwer verständliche Gedichte im Dialekt seiner mecklenburgischen Heimat. Denn Keuchel liebt das Plattdeutsche.

Seit 1997 schreibt Jürgen Helmut Keuchel Gedichte. Zwei Jahre später gründete er die Marburger Lyrikkompanie. Deren Programme mit seinen eigenen Gedichten und Werken vieler anderer Autorinnen und Autoren hatten bis zur Auflösung des Quartetts im Jahr 2019 Kultstatus in Marburg. Keuchels Vorbilder – oder besser – Lieblingsdichter sind Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner, Robert Gernhardt, Erich Fried und Heinz Erhardt. Bis auf Fried durchweg Satiriker. „Ich finde es besser, zu lachen oder zu lächeln, und favorisiere daher die komische Lyrik“, sagte er einmal im Gespräch mit der OP.

Und so lädt er in dem Gedicht „Eine Mahlzeit für alle“ augenzwinkernd zum Essen ein: „Ich hab Essen gekocht für alle / Also, die ich mag in jedem Falle / Man darf Völlen, nicht nur kosten / Spezialität aus dem Nordosten / Natürlich Kartoffeln, nicht Nudeln / Die täten’s versauen, verhudeln / Und Zwiebelsoße mit Lungenwurst / Natürlich ein Bier für den Durst / Für den Kerl ohne Ellenbogen / Den Hobbypsychologen / Den Sohn meines Vaters / ’Nen Mann des Theaters / Und den Schwiegersohne /der meistens nicht ohne / Also unterm Strich / Die alle bin ich.“ Guten Appetit, Herr Keuchel.

  • „Schneckenweisheiten oder: das Mittel gegen Einsamkeit“ ist am Sonntag, 23. Januar, um 15.30 Uhr wieder im Theater am Schwanhof zu sehen. Die Broschüre mit den Gedichten kostet 8 Euro.

Von Uwe Badouin

23.01.2022
23.01.2022