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Marburg "Schmuckkästchen" Oberstadt Marburg punktet
Marburg "Schmuckkästchen" Oberstadt Marburg punktet
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18:00 21.05.2019
Die OP hat Passanten die Oberstadt mit Schulnoten bewerten lassen – heraus kam eine Zwei Plus. Foto: Andreas Schmidt
Die OP hat Passanten die Oberstadt mit Schulnoten bewerten lassen – heraus kam eine Zwei Plus. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Die einen schlendern die Barfüßerstraße entlang, die anderen schlecken Eis in der Reitgasse, wieder andere sonnen sich am Marktplatz oder musizieren an der Wasserscheide. „Es ist so schön hier“ – Sätze wie diese murmeln manche. Auf den ersten Blick deutet in der Oberstadt alles auf das pralle Leben, auf Sorglosigkeit und wuseliges Treiben hin.

Der Einzige, der sich nicht bewegt, ist Christian. Die Dienstboten-Statue blickt ebenso schmunzelnd wie stoisch auf ­alte Fachwerkfassaden und mattes Kopfsteinpflaster. In den vergangenen Jahrzehnten hat Christian so viele Menschen wie Geschäfte im Stadtteil kommen und gehen sehen. Denn das Gehen, die Schließung von Geschäften, ist zu einem zunehmenden Problem zwischen Steinweg und Wilhelmsplatz geworden. Zahlreiche Läden, für die Besitzerwechsel seit langem zur Normalität gehören, sind verrammelt, stehen leer. Wochen, Monate. An diesem Zustand ändern auch die feschen Klebefolien mit Aufschrift „Marburger Freiraum“ des Stadtmarketings an einigen Gebäuden wie etwa am „Gebrüder Schaaf“-Haus nichts.

Eine abschreckende oder anziehende Szenerie – wie ist es um die Oberstadt bestellt? Das wollte die OP von Passanten wissen und ließ sie Kategorien wie Flair, Einkaufsmöglichkeiten und Veranstaltungsangebot mit Schulnoten von eins bis sechs bewerten.

"Das sah alles schon mal besser, lebendiger aus"

„Überall Schmierereien, leere Schaufenster: Es hat ganz schön nachgelassen über die Jahre, das sah alles schon mal besser, lebendiger aus“, sagt Rudolf Hoecke (73). Der Frankenberger lobt zwar das Flair, die mittelalterliche Optik der Altstadt und – gerade für junge Leute – das Kneipenangebot. „Wir sind ja nicht hier, weil wir es furchtbar finden“, betont Hoecke. Er vermisst aber, nicht zuletzt ­wegen schwieriger Erreichbarkeit, „Möglichkeiten für einen echten Einkaufsbummel“. Viele Geschäfte seien „dann doch sehr speziell, manche gehen so schnell wie sie kommen. Es wirkt oft, wie von irgendwelchen Studenten eröffnet, die eine Idee, aber keinen Plan haben“. In den wenigen für das Ehepaar attraktiven seien sie aber vom Service angetan. „Der ist außerordentlich gut“, sagt Irmtraut Hoecke (69). Flair mit Bestnote, Shopping-Angebot und Veranstaltungen mit Note vier, Kundenfreundlichkeit eine Eins – die Hoeckes geben in der Gesamtbenotung eine Zwei bis Drei.

Rudolf Hoecke sieht die Oberstadt „zwischen Note Zwei und Drei“. Quelle: Andreas Schmidt

Wie verschieden die Ansichten sind, zeigt Student Fabian Hanke auf: Ihm sei im Gegensatz zu den Hoeckes die Oberstadt „viel zu sauber“, der junge, studentische Einfluss komme „gar nicht so recht zur Geltung“. Trotzdem gibt es nicht mal leichte Abzüge beim Flair, zumal „die tollen Menschen hier“ den vermeintlichen Makel auffangen. „Die Gassen und Bauten hier sind so schön – eine glatte Eins“, sagt Studentin Hjördis Könneker.

Negativ: Schließung von Havanna8 und Till Dawn 

Und Veranstaltungen? Da stehen für beide die Kneipen im Mittelpunkt. Marburger Frühling? Mai-Einsingen? Stadtfest  „3 Tage Marburg“? Ja, gehört haben die Studenten das alles schon Mal. „Wenn man es so überlegt, wird schon mehr geboten als man zunächst glaubt“, sagt Könneker. „Negativ ist für mich aber, dass Kulturzentren wie das ,Havanna8‘ und das ,Till Dawn‘ schließen mussten und es gerade die kleinen Läden, welche das Bild der Oberstadt doch ausmachen, schwer haben, sich über Wasser zu halten“, sagt Hanke.

Aber: „Die Einkaufsmöglichkeiten sind gut, in den Läden gibt es eine große Auswahl, für jeden ist was dabei – vom Kind bis zum Ömmachen“, sagt er. „Für eine Stadt dieser Größe ist das mit dem Einzelhandel insgesamt schon gut, andere haben noch viel weniger zu bieten“ – vor allem die individuellen Geschäfte fernab der Ketten kommen bei den beiden gut an. Beide Studenten entscheiden sich für eine glatte Eins als Gesamtnote.

Fabian Hanke und Hjördis Könneker geben eine glatte Eins. Quelle: Andreas Schmidt

„Marburg hat ein besonderes Flair, das fehlt anderen Städten, etwa Gießen. Aber der Einzelhandel ist hier nicht mehr so gefragt, die Gastronomie ist es, die Leute in die Stadt zieht“, sagt Felix Paal, der aber die Gesamtnote zwei vergibt.

„Es ist hübsch, in der Altstadt gibt es viel zu sehen, auch Geschäfte gibt es genügend“, sagt Anga Oosterom, Touristin aus den Niederlanden, die Marburg nicht zum ersten Mal besucht. Einen Abzug gibt es von ihr wegen „unschöner Schmierereien“ an manchen historischen Gebäuden, die ihrer Meinung nach zugenommen haben. Insgesamt würde sie der Oberstadt eine Zwei geben.

Magistrat attestiert „Handlungsbedarf“

Als „Altstadt wie viele andere“ bezeichnet Straßenmusiker Mike Zoledzki das Viertel, gibt dem Flair eine Drei. Das Einkaufsangebot bewertet er indes mit einer Zwei, „mir fehlt hier nichts“, sagt er. Events und Gastronomie bekommen von ihm eine glatte Eins – als Gesamtnote vergibt der Musiker eine Zwei plus. Kritikpunkt: „Die Besucher sind wenig spendierfreudig“, wie die 4,70 Euro in der vor ihm liegenden Gitarrentasche zeigen.
Doch obwohl die Passanten Marburgs Flaniermeile ein passables Zeugnis ausstellen, hat die Oberstadt mit Leerstand zu kämpfen. Aktuell geht das Stadtmarketing das Problem mit der Kampagne „Marburger Freiraum“ an.

Die Grünen-Fraktion im Stadtparlament hat den Magistrat jetzt mit den Zuständen konfrontiert, will Gründe und Gegensteuer-Vorhaben der Stadtverwaltung erfahren. Grundsätzlich, so der Magistrat in seiner Antwort auf eine Große Anfrage, sei anzumerken, dass „es sich hier um eine allgemeine Entwicklung handelt, die in allen Städten anzutreffen ist: Der Einzelhandel kämpft seit Jahren mit Umsatzrückgängen, weil der Online-Handel immer mehr Kaufkraft bindet; gleichzeitig finden Konzentrationsprozesse­ im Einzelhandel statt. Ferner haben einige Kunden weiterhin den Wunsch, mit dem Auto bis vor die Läden zu fahren, um einzukaufen.“ Hintergrund: Seit Jahren klagen Kunden und Händler – trotz Oberstadtparkhaus am Pilgrimstein – über die Stellflächenproblematik. 

"Stadtindividuelle Lösung" müsse her

Laut Magistrat, der die aktuellen Leerstände als „Fluktuation durch Angebotsüberhang“ bezeichnet, gebe es „Handlungsbedarf“. Da es aber nirgendwo in Deutschland eine effektive, zu kopierende Strategie gebe, bedürfe es „stadtindividueller Lösungen“, um der Situation entgegenzuwirken. Ein Quartiersentwicklungskonzept, dessen Erstellung im Frühsommer anlaufen werde, solle das leisten. Dieses Werk soll Möglichkeiten zum „Erhalt der vielfältigen Angebote“ erarbeiten. Der neue Oberstadt-Markt sei bereits „explizit“ Teil dieses Entwicklungskonzepts und habe „für eine Belebung insgesamt“ gesorgt. Die Händlergewinnung gestalte sich trotz steigender Marktbeschicker-Umsätze und positiver Resonanz bei Kunden und ansässigen Gastronomen „schwierig“.

Aktuell unterziehe die Stadtverwaltung dem Marburger Einzelhandel einem Check, der die Internetauftritte der Gewerbetreibenden analysiert. Im Hinblick etwa auf Gesamtbild, Präsenz in Online-Verzeichnissen, Social Media und Responsivität. Im Anschluss sollen alle einen Kurzbericht, in dem Optimierungsmöglichkeiten enthalten sind, erhalten.

Die bereits vor Jahren angedachte Eröffnung einer lokalen Händlerplattform im Internet liegt indes auf Eis. „Keines der bisher bekannten Modelle funktioniert nachhaltig. Der ­finanzielle Aufwand für derartige Einzelsysteme ist immens und die Initiierung einer spezifischen Plattform nur für den Bereich Einzelhandel ist nicht zielführend“, heißt es vom ­Magistrat.

von Björn Wisker, Ina Tannert und Andreas Schmidt

Einkaufsstraßen

Der Einzelhandel ist im Umbruch, die Fußgängerzonen sind darauf schlecht vorbereitet. Ihr Ambiente lässt in den ­Augen vieler Verbraucher zu wünschen übrig.

Köln. In vielen deutschen Innenstädten herrscht Alarmstimmung: Die Kunden machen sich rar. Nach einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens „Shoppertrak“ lagen die Besucherzahlen in den Innenstädten im vergangenen Jahr in zehn von zwölf Monaten unter dem Vorjahresniveau.

Die Einkaufsstraßen sorgen bei den meisten Verbrauchern allenfalls für lauwarme Begeisterung. Bei einer Befragung von mehr als 59 000 Innenstadtbesuchern in 116 Städten durch das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) gaben die Verbraucher den Stadtzentren im Durchschnitt nur die Schulnote „Drei plus“. Am besten schnitten noch die Großstädte mit mehr als 500 000 Einwohnern ab – mit einer „Zwei minus“. Marburg war nicht Teil der Untersuchung. IFH-Geschäftsführer Boris Hedde sieht in den Noten ein Alarmsignal. Denn seit der ersten derartigen Umfrage des IFH im Jahr 2014 habe sich bei der Beurteilung der Städte kaum etwas verändert.

„Eine ,Drei plus‘ reicht auf Dauer nicht aus“

„Die Innenstädte kommen nicht voran. Eine ,Drei plus‘ reicht auf Dauer nicht, um in Zeiten des Strukturwandels konkurrenzfähig zu sein“, warnt er. Die Städte müssten mehr für die Aufwertung ihrer Innenstädte tun. Denn der Handel befinde sich in einem knallharten Standortwettbewerb. „Viele Standorte, die kein klares Profil haben, werden das nicht überleben.“

Tatsächlich haben die Innenstädte mit einem ganzen Bündel von Problemen zu kämpfen. Da ist der Boom des Onlinehandels, der allein im vergangenen Jahr nach einer aktuellen Studie des Branchenverbandes bevh um mehr als 11 Prozent wuchs. Immerhin rund jeder fünfte befragte Innenstadtbesucher gab laut IFH an, er komme inzwischen seltener ins Stadtzentrum, weil er verstärkt online einkaufe. Bei den unter 25-Jährigen waren es sogar 29 Prozent.

Der Kampf um die verbliebenen Kunden wird umso erbitterter geführt. „Der größte Gegner für die Einzelhändler in den Innenstädten ist aktuell noch nicht der Online-Handel, sondern die Einkaufsstraße in der Nachbarstadt“, betont Hedde. Wer überleben wolle, dürfe die Wünsche der Kunden deshalb nicht ignorieren.

Wichtig ist den Verbrauchern der Umfrage zufolge vor allem das Ambiente der Innenstädte und die Vielfalt des Einzelhandelsangebots. Gute Nachrichten für Marburg: „Wer mit einer historischen Altstadt oder einer in Jahrhunderten gewachsenen Stadtsilhouette punkten kann, hat es immer einfacher“, urteilt der IFH-Geschäftsführer.

Seine Empfehlung: Auch Städte ohne attraktive historische Bausubstanz könnten bei den Verbrauchern Erfolg haben, „wenn sie Events und gastronomische Erlebnisse bieten und das Einkaufen für die Kunden so bequem wie möglich machen“. Gerade kleinere Städte könnten laut Hedde mit Events die Besucherzahlen deutlich steigern.

von Erich Reimann