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Marburg Historische Busfahrt bis zum Schloss
Marburg Historische Busfahrt bis zum Schloss
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17:09 30.07.2019
„Co-Pilot“ Albert Thöne präsentiert während der Fahrt mit dem historischen Schlossbus Marburg-Fotografien aus der Vergangenheit. Quelle: Maximilian Paolucci
Marburg

Pünktlich rollt der beige Daimler-Benz aus dem Jahre 1969 am Hauptbahnhof Marburg ein. Am Bussteig B2 warten bereits die vorfreudigen Fahrgäste. Das Team vom Schlossbusverein begrüßt die Gäste und lässt erst mal einsteigen. Die Sitze sind sehr weich und federn leicht zurück. Es gibt zwar keine Klimaanlage im historischen Stadtbus, als es dann aber losgeht, sorgt der leichte Fahrtwind für Abkühlung.

Historische Bilder werden gezeigt

Der Bus startet in Richtung Bahnhofstraße, vorbei an ehemaligen Geschäften, dem Post- und Telegrafenamt und dem ­Kino Roxy. „Hier durfte man noch rauchen und jeder Platz war gleich teuer“ erinnert sich eine der Fahrgäste. Co-Pilot ­Albert Thöne zeigt dazu im Vorbeifahren historische Aufnahmen der teils zerbombten, heute oft verbauten Gebäude.

Thöne arbeitete seit 1978 für die Stadt Marburg und ist währenddessen auch die Schlossbusroute selbst 21 Jahre gefahren. Die schwarzweißen Bilder, die er während der Fahrt hochhält, zeigen Marburg in der Zeit vor knapp 100 Jahren. „Hier bin ich als Kind mit meiner Mutter einkaufen gewesen“, freut sich einer der Fahrgäste, als er die Szenerie wiedererkennt.

Stadtbild hat sich deutlich verändert

Angekommen im Steinweg gibt es allerhand zu entdecken. Früher stand dort ein Café mit der ersten Außenbestuhlung weit und breit. „Das machte ­natürlich schon was her“, formuliert Stadtführer Wilfried Geiger. Bis in die 60er-Jahre stand hier der Brunnen noch in der Mitte des Platzes, wo heute­ die Straße entlangführt. Allgemein war das Straßenbild früher etwas eleganter als heute.

Fast überall, wo heute ein Auto steht, stand früher ein Baum. In einer der ältesten Metzgereien am Platz werden die Fahrgäste schon erwartet. Die Metzgerei Bornemann gibt es schon seit 1929 und feiert im Dezember 90-jähriges Bestehen. Auch hier erfährt man von einer tiefen persönlichen Verbundenheit zu Marburg und seinen Mitmenschen.

Mit „Schlossbuswurst“ durch Marburg

Währenddessen werden als erste Stärkung hausgemachte Köstlichkeiten aus der Region angeboten. Sehr zu empfehlen ist die „Schlossbuswurst“, die ihren Namen der alten Buslinie verdankt. „Schmeckt wie früher beim Hausmetzger“ schwärmt einer der Fahrgäste.

Gegenüber im Stadl der Gartenlaube ist es schön kühl. Bereits vor 200 Jahren war dies ein stadtbekanntes Lokal. Hier bekommt man außerdem ein kühles Glas Wasser, und Geiger erzählt auf unterhaltsame Art von alter Gaststättenkultur in Marburg. Hierfür hat er eine Speisekarte des ehemaligen Café Menz von vor hundert Jahren mitgebracht. Über einzeln verkaufte Zigaretten und sogenannte „Restaurationsbrötchen“ wird die Vergangenheit in der Vorstellung wieder lebendig.

Über Zwischenhausen, Ketzerbach und Biegenstraße ­tuckert der Bus weiter in Richtung ­Elisabethkirche. Im Vergleich zu den Fotografien von damals sind manche der Orte wirklich kaum wiederzuerkennen. Hierzu kann Geiger in den meisten Fällen allerhand Interessantes oder Lustiges erzählen. Auch die Fahrgäste tragen durch das Erzählen von persönlichen Erfahrungen mit zum Erfolg der Fahrt bei.

Historische Spuren am Marktplatz

An der Elisabethkirche hält der Bus erneut. Über das Areal rund um die Kirche gibt es einiges ­Interessantes zu erzählen. Hier waren früher beispielsweise die Kinderklinik und die HNO-Klinik. In den Kliniken im ehemaligen Kliniksviertel waren einige der Fahrgäste auch selber noch Patienten. Die 300 Jahre alten Statuen der fünf Tugenden sind ebenfalls ein besonderes Highlight, auch sie hatten vor ihrer Rückkehr nach Marburg eine bewegte Geschichte durchlebt.

Nach dem kleinen Rundgang an der Kirche fährt der Bus weiter in Richtung Oberstadt. Bei einer Verpflegung bestaunt die Gruppe am Marktplatz verschiedene historische Spuren, wie etwa das ehemalige Gasthaus zum alten Ritter oder die Aufnahmen vor der Restauration der Wohnhäuser im Jahre­ 1979. Über die enge Fußgängerzone geht es dann gestärkt weiter zum Barfüßertor.

Etwas weiter wird hier in einer Seitenstraße in langer Tradition der Kräuterlikör „Marburger Nachtwächter“ hergestellt. Während der Besichtigung darf eine Verköstigung natürlich nicht ausbleiben. Auch hier weiß Wilfried Geiger Geschichten aus dem Leben und der ortstypischen Bauweise zum Besten zu geben. „Marburg war ein großes Dorf“, berichtet er vom damaligen ­Alltagsleben.

Anekdoten aus dem Alltagsleben

Letzte Station ist das Schloss. „Marburger Schloss, bitte alle­ aussteigen“, scherzen der Fahrer Marvin Schneider und ­Albert Thöne. Über das Schloss und seine Geschichte gibt es ­natürlich besonders viel zu erfahren. Dabei wird Wert auf die gelebte Geschichte des Schlosses gelegt und auf eine übergenaue Wiedergabe der Begebenheiten verzichtet. Auf interessierte Fragen weiß Wilfried Geiger trotzdem meist eine Antwort, immerhin ist er bereits seit 40 Jahren Stadtführer.

Unter tönendem Motorengeräusch tritt der Bus seine Rückreise in Richtung Hauptbahnhof an. Über die engen Kurven und Straßen kommt man vorbei an alten Schienen der Pferde- und Straßenbahn, am Ort, wo das Kino „Rex“ früher stand und am ehemaligen Wirtshaus an der Lahn, das längst einem Hochhaus weichen musste. „Das ist so schade, dass dies so in Vergessenheit geraten konnte“, sinniert eine Mitfahrerin.

Über viele weitere Orte und Anekdoten aus dem Alltagsleben des alten Marburgs wie etwa die Erinnerung an den Schutzmann am Rudolphsplatz sowie die Bebauung des Ortenbergs führt der Weg schließlich wieder zur Haltestelle am Hauptbahnhof. Die Fahrgäste steigen zufrieden aus, und viele­ von ihnen sehen nach der historischen Tour vieles in Marburg mit ganz anderen Augen.

Hintergrund

Fahrt der Erinnerung mit dem alten Schlossbus 191
Wann: Immer am letzten Samstag im Monat von März bis Oktober.
Beginn: 14 Uhr und 17 Uhr
Treffpunkt: 15 Minuten vor Abfahrt am Hauptbahnhof – Bussteig B2
Fahrtdauer: circa 2 Stunden auf historischen Spuren
Nähere Informationen und Fahrkartenverkauf bei: Marburg Stadt und Land Tourismus, Erwin-Piscator-Haus, Biegenstraße 15, 35037 Marburg, 0 64 21 /  99 120.
www.schlossbus191.de

von Maximilian Paolucci