Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Schiefer Turm“ und Dachstuhl werden fitgemacht
Marburg „Schiefer Turm“ und Dachstuhl werden fitgemacht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 03.06.2021
Sanierung der Lutherischen Pfarrkirche in Marburg, Zimmermann Tobias Tomalla. Foto: Thorsten Richter
Sanierung der Lutherischen Pfarrkirche in Marburg, Zimmermann Tobias Tomalla. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Schon von Weitem sieht man vom Marburger Südviertel aus, dass ein Teil der Lutherischen Pfarrkirche mitten in der Oberstadt mit einem auffälligen Baugerüst eingerüstet ist. Dort ist wohl derzeit eine der höchsten Marburger Baustellen eingerichtet, zu der die Arbeiter jeden Tag an dem Gerüst entlang in einem „Korb-Aufzug“ hochschweben. Ganz oben in luftiger Höhe von 38 Metern befindet sich der ebenfalls mit einem Gerüst umgebene schmucke Dachreiter: Dieser kleine, „schiefe Turm“ der Pfarrkirche wurde über die Jahrhunderte zu ihrem besonderen Markenzeichen.

Doch bereits seit Jahren ist der Dachreiter ebenso wie das gesamte Kirchendach marode. „Das ganze Dach ist sanierungsbedürftig“, erläuterte der Marburger Denkmalschützer Dr. Bernhard Buchstab vom Landesamt für Denkmalpflege bei der Corona-bedingt um einige Monate verzögerten Übergabe eines Förderbescheides des Bundes. 

Angeregt hatte der Marburger Bundestagsabgeordnete Sören Bartol (SPD) die Förderung, die Buchstab befürwortet hatte. Auch Bartol freute sich genauso wie die Kirchenoberen, dass jetzt mit der Sanierung begonnen wurde.  

Als die Presse zusammen mit Bauleiter Christian Schäfer den Dachreiter hoch über den Dächern der Marburger Oberstadt besichtigt, flattern ein paar Tauben auf, die dort augenscheinlich ihr Domizil haben. Schaut man genauer hin, dann sieht man, dass die kunstvoll mit Ornamenten verzierte Holzkonstruktion unterhalb des nach oben zulaufenden spitzen Türmchens teilweise offen ist. Somit sind die Pfeiler, auf denen der Turm steht, Wind und Regenwetter ausgesetzt. 

Immerhin haben die  hölzernen Pfeiler des aus dem Jahr 1473 stammenden Türmchens zwischenzeitlich schon einmal vor gar nicht allzu langer Zeit eine provisorische Nachrüstung durch zusätzliche Stützhölzer erfahren. Doch aus Sicht der Kirchenverantwortlichen und der Denkmalschützer musste eine Sanierung her, die über kurzfristige Maßnahmen hinausgeht. Auch das südliche Kirchendach über dem Chor wird jetzt saniert. Wind und Wetter haben den Dachziegeln stark zugesetzt, die nun gegen neue Schieferziegel ausgetauscht werden sollen. Schon rein äußerlich sind die Schäden in der Dachbedeckung durch Verfärbungen sichtbar. Zudem hat die Nässe auch die darunterliegenden Holzbalken bereits in Mitleidenschaft gezogen. So wurde insgesamt das Dach an einigen Stellen durchlässig. 

„Vor einigen Jahren mussten wir in der Kirche Eimer aufstellen“, erinnert sich Burkhard zur Nieden, Dekan des Evangelischen Kirchenkreises Marburg. Zwischenzeitlich wurde an verschiedenen Stellen einiges geflickt, erzählt auch Alexandra Best, die Geschäftsführerin des Evangelischen Kirchenkreisamtes. 

Vor ein paar Jahren gab es schon einmal eine Dachsanierung im westlichen Teil. Diese steht allerdings für den großen nördlichen Bereich noch aus. 

Besonders spannend an der aktuellen Sanierung sind nach Angaben von Bernhard Buchstab die Reparaturen im aus dem Mittelalter stammenden Dachstuhl oberhalb des Chors. Dort sieht man in kunstvollen Verstrebungen derzeit Ausbauten aus unterschiedlichen Zeitphasen, die sich über mehrere Jahrhunderte vom Mittelalter über das Barock bis zum 20. Jahrhundert erstrecken. 

Die ältesten Eichenholzbalken lassen sich mit dendrochronologischen Untersuchungen genau datieren und stammen aus der Zeit vom Ende des 13. Jahrhunderts. Die Hölzer sollen nun instandgesetzt und teilweise durch neue Balken ausgetauscht werden. 

Insgesamt soll erreicht werden, dass die Konstruktion des Dachstuhls wieder für mindestens 100 Jahre hält, betont Bauingenieur Christian Schäfer. Bewusst sollen dabei zeitgemäße Baumaterialien verwendet werden und keine Stahl-Holzkonstruktion. 

Anfang Mai wurde die Kirchenbaustelle an Dach und Dachreiter der Lutherischen Pfarrkirche eingerichtet, erst nach dem Ende der Schlechtwetterphase im Mai haben die Sanierungsarbeiten jetzt Fahrt aufgenommen. Denn wenn es in luftiger Höhe regnet und der Wind braust, dann ist die Arbeit in aller Regel zu riskant. Und so hoffen alle an dem Projekt Beteiligten auf möglichst gutes Bauwetter. 

Die Sanierungsarbeiten sollen Ende dieses Jahres beendet sein. Die Gesamtmaßnahme ist mit rund einer Million Euro für den Abschnitt „Chor Südseite und Dachreiter“ kalkuliert. Es wurden seitens des Landesamtes für Denkmalpflege aus Mitteln des Denkmalschutzsonderprogramms IX der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien 450 000 Euro Beihilfe bewilligt. 

Nachdem der Schadensbefund am Dach abgeschlossen war, hatte das Vorhaben aufgrund des schlechten Zustands des Daches um einen weiteren Dachabschnitt erweitert werden müssen, der mit zusätzlichen 100 000 Euro zu Buche schlägt.

von Manfred Hitzeroth

factbox

Die Lutherische Pfarrkirche ​St. Marien ist die älteste Pfarrkirche Marburgs. Am 1. Mai 1297 wurde der gotische Chor der „Kirche zwischen Schloss und Markt“ zu „unserer lieben Frauen Beatae Mariae“ geweiht. Die dreischiffige gotische Hallenkirche mit Chor und Turmbau ist seit Jahrhunderten ein Mittelpunkt des religiösen und kulturellen städtischen Lebens in Marburg und galt immer als eine Kirche der Marburger Bürger. Die Südseite wird besonders betont, weil die Kirche am Hang liegt. In der Reformationszeit im 16. Jahrhundert wurde die Pfarrkirche zur Hessischen Kathedralkirche, zur Universitätskirche und – als Hofkirche – Grablege von Landgrafen.

Heutzutage finden ​sehr viele Veranstaltungen in der Lutherischen Pfarrkirche statt, wie Dekan Burkhard zur Nieden erläutert. Es sind zu Nicht-Corona-Zeiten deutlich über 100 Gottesdienste pro Jahr sowie 130 Konzerte jährlich, davon rund 30 mit Orchester. Trotz der Sanierungsarbeiten am Kirchendach soll der Kirchenbetrieb möglichst wenig beeinträchtigt werden.