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Marburg Schausteller bangen um ihre Existenz
Marburg Schausteller bangen um ihre Existenz
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18:00 01.07.2020
Volksfeste – wie hier die Marburger Innenstadt-Kirmes – dürfen derzeit nicht stattfinden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Eigentlich würde Toni Ahlendorf jetzt in Gladenbach arbeiten. „Heute würden wir beim Kirschenmarkt aufbauen“, sagt der Marburger Schausteller. Eigentlich, doch das Coronavirus und die deshalb geltenden Verbote haben Ahlendorf und seine Kollegen nahezu arbeitslos gemacht. Der Kirschenmarkt fällt aus, genauso wie das Marburger Hafenfest, das Frankenberger Pfingstfest, das Marburger Stadtfest, die Neustädter Trinitatiskirmes, die Schützenfeste im Sauerland. 47 Veranstaltungen, an denen die Familie Ahlendorf normalerweise beteiligt gewesen wäre, sind abgesagt worden, darunter 15 große Feste. Denn seit Mitte März gilt wegen der Corona-Pandemie ein Verbot von Volksfesten – und das noch mindestens bis Ende Oktober. „Es ist wie ein Berufsverbot“, klagt Konrad Ruppert, Generalpächter beim Gladenbacher Kirschenmarkt. „Wir hatten die letzten Einnahmen beim Weihnachtsmarkt, danach ging es auf null.“

Kirschenmarkt ist eine „Säule für jeden“

Auch für die Bad Wildunger Schaustellerfamilie Ruppert – mit den Söhnen, Ehefrauen und Angestellten sind es insgesamt elf Beschäftigte – fiel eine ganze Reihe großer Veranstaltungen weg. Der Gladenbacher Kirschenmarkt sei „eine Säule für jeden, der daran teilnimmt“. Auf dem Kölner Frühlingsvolksfest wollten sie arbeiten, auf dem Nürnberger Ostermarkt, auf mehreren Pfingstmärkten. „Die Saison ist vorbei“, sagt Ruppert. „Wir müssen jetzt auf die Weihnachtsmärkte hoffen.“ Die Schausteller, die mit ihren Fahrgeschäften und Buden sonst Menschen in Feststimmung bringen, sind jetzt in großer Sorge um ihre Zukunft. Deshalb wollen hunderte Betroffene an diesem Donnerstag nach Berlin fahren und in der Hauptstadt demonstrieren. Denn bisher ist nicht einmal sicher, dass die Weihnachtsmärkte stattfinden können. Wenn auch die noch ausfallen würden, meint Ahlendorf, „dann gibt es 90 Prozent der Branche nicht mehr – mit allem, was dranhängt“.

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Die Ahlendorfs haben derzeit noch zwei Angestellte, die allerdings in Kurzarbeit sind – normalerweise wären es fünf Angestellte und 80 Aushilfen. Ohnehin seien die Schausteller jetzt davon abhängig, dass die Banken weiter mitspielen – sonst könnte es von einem Tag auf den anderen vorbei sein. „Es steht alles auf dem Spiel, was man über Jahre aufgebaut hat“, sagt Ahlendorf. „Das ist auch eine psychische Belastung für viele Kollegen.“ Ruppert berichtet aus dem Schaustellerverband Kassel, dessen Vorsitzender er ist: „Es gibt etliche, die nicht wissen, wie sie ihre Familien ernähren können.“ Weil die Situation in der Branche so ernst ist, werden allein aus Marburg sechs Fahrzeuge zur Demo nach Berlin fahren, berichtet Ahlendorf, insgesamt seien es wohl 20 aus Mittelhessen, dazu zwei Busse aus Frankfurt. Ruppert erwartet etwa 50 Teilnehmer aus dem Kasseler Verband. Am Brandenburger Tor wollen die Schausteller eine Leinwand aufbauen und mit Politikern sprechen. Denn sie fühlen sich ungerecht behandelt. In den Fußgängerzonen und an den Stränden sind schließlich wieder fast so viele Menschen unterwegs wie vor der Corona-Zeit. Schwimmbäder, Restaurants, Biergärten und Kinos dürfen wieder öffnen, Demonstrationen sind erlaubt. „Ich kann nicht verstehen, warum viele Sachen laufen, nur die Schausteller-Branche nicht“, kritisiert Ahlendorf.

Das sieht Ruppert genauso – er verweist auf die sinkenden Ansteckungszahlen und fügt hinzu: „Wir können auch mit Abstand arbeiten.“ So habe der Schaustellerverband in Kassel ein Kinderkarussell und sechs Stände aufgebaut, die von den Mitgliedern abwechselnd betrieben werden. In anderen Regionen Deutschlands entstünden „temporäre Freizeitparks“. Solche Projekte seien aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein – die Verluste der Schausteller glichen sie bei weitem nicht aus.

Der Marburger Schausteller Toni Ahlendorf. Archivfoto: Thorsten Richter

Das hessische Wirtschaftsministerium verteidigt das Veranstaltungsverbot. „Wir befinden uns weiterhin mitten in der Corona-Pandemie“, teilte Pressesprecherin Franziska Richter auf Anfrage der OP mit. „Trotz vieler Lockerungen muss weiterhin das Ziel sein, dass es nicht zu einem lokalen oder regionalen Ausbruch oder sogar einer zweiten Welle kommt.“

In Hessen seien Veranstaltungen erlaubt, wenn Abstandsregeln und Hygienekonzepte eingehalten würden. So könne zum Beispiel die Frankfurter Buchmesse stattfinden. Nicht erlaubt seien aber „Großveranstaltungen, bei denen die Einhaltung der Abstands- und Hygienemaßregeln typischerweise nicht sichergestellt werden kann, also auch Volksfeste, Weinfeste oder Kirmes-Veranstaltungen“. Die Regelungen würden aber „immer wieder überprüft, gerade vor dem Hintergrund, dass einige Branchen von den Einschränkungen besonders getroffen werden“. Die Schausteller hoffen nun, durch ihren Protest in Berlin Politiker zu überzeugen. Sie rechnen aber auch nicht mehr damit, dass die derzeit geltenden Beschränkungen vor Oktober aufgehoben werden. „Wir hoffen, dass die Weihnachtsmärkte stattfinden können und dass ein Rettungsschirm zustande kommt, der gescheit ist“, sagt Ahlendorf.

Die Bundesregierung will Schausteller und andere Betriebe unterstützen, indem sie als Überbrückungshilfe bis zu 80 Prozent der Fixkosten, wie Miete und Zinszahlungen, übernimmt. Nach Rupperts Aussage sind aber bisher die Regeln für die Hilfen „so kompliziert, dass sich sogar Steuerberater die Zähne daran ausbeißen“. Die Schausteller fordern rasche Hilfe, und sie wollen erreichen, dass die Politik ihre Branche als relevant wahrnimmt: „Auch Volksfeste braucht der Mensch“, sagt Ahlendorf.

Von Stefan Dietrich