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Marburg Chancen und Gefahren der neuen Medien
Marburg Chancen und Gefahren der neuen Medien
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12:58 29.09.2019
„Wir leben in einer Zeit exponentiellen Fortschritts“, sagt Sascha Lobo. Die Menschen hätten längst emotionale Bindungen zu ihren Smartphones aufgebaut. Lobo: „Wenn es Hunger hat, wird es sofort gefüttert – es kommt an die Steckdose.“  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Auch wer bis zum Schluss wartete, bekam es nicht frei Haus geliefert – das Geheimrezept gegen Fake News. Auch er kenne es nicht, gab Sascha Lobo zu. Aber er hat Vorstellungen, was es dafür auf jeden Fall braucht: Digitale Aufklärung der Nutzer, Regulierung der sozialen Netzwerke und wirtschaftlicher Druck auf die Anbieter, die gerade auch von der Verbreitung von Fake News profitierten. In knapp zwei unterhaltsamen Stunden hatte Lobo zuvor einen weiten Bogen geschlagen, um Letzteres zu belegen.

Er referierte über die Rückständigkeit Deutschlands bei der digitalen Infrastruktur und über den „exponentiellen technologischen Fortschritt“, für den wir parallel den richtigen Umgang finden müssen. Er erklärte, wie und wieso soziale Medien wie Echokammern wirken, im Guten wie im Schlechten. „Es sind Gefühlsmaschinen“, sagte Lobo, deren Ziel es sei, Emotionen zu erzeugen und zu verbreiten, um damit die „Währung“ sozialer Netzwerke zu generieren: Interaktionen und Engagement. Dies zahlt sich für die Anbieter in (Werbe-)Einnahmen aus.

Wahrheit bleibt oft auf der Strecke

Und weil Menschen sich von Emotionen besonders ansprechen lassen seien sie empfänglich, wenn Erzählungen Empathie oder Empörung wecken oder am besten eine Kombination aus beidem. Das mache Fake News erfolgreich. Und aus diesem Grund habe Youtube nachweislich jahrelang Videos von Verschwörungstheorien absichtlich online gelassen – weil sie Klicks brachten, so Lobo. Da ist es wenig verwunderlich, dass die Filmplattform heute als „der große Radikalisierer“ gilt. Nicht nur für Verschwörungstheoretiker. Auch der IS erreichte mit seiner Propaganda über You­tube viele tausend Menschen.

Gerüchte, Verschwörungstheorien, Lügen – all das habe es auch früher schon gegeben. Heute seien sie aber mit einem Klick weiterverbreitet und würden teils auch von Regierungen gezielt eingesetzt. Mit konkreten Folgen, die von durch Netzgerüchte ausgelöste Krawalle bis zum Völkermord reichen, wie Lobo mit Beispielen aus Indien, Brasilien und der Verfolgung der Rohingya in Myanmar belegte. Eine Entwicklung, in der die Wahrheit oft auf der Strecke zu bleiben droht.

Trump-Anhänger, die Fake News geteilt hatten, zeigten sich oft gar nicht daran interessiert, ob eine Nachricht, die sie teilten, stimmte oder nicht, sagte Lobo. Wichtig war ihnen die Bestätigung der eigenen Gruppe und: dass sich die Trump-Gegner darüber aufregten. Die häufige Rechtfertigung: „Vielleicht ist es nicht wahr. Aber es könnte wahr sein.“

Eine für eine Gesellschaft höchst gefährliche Entwicklung, findet Lobo – der Kollaps einer Gesellschaft, „die auf Fakten basiert“. Fake News verändern die Gesellschaft merklich, weil sie auch mit demjenigen „etwas machen“, der sie durchschaut. Lobo zitierte den argentinischen Historiker Federico Finchelstein, der das in seinem neuen Buch so beschreibt: „Je mehr Fake News verbreitet werden, desto mehr gewöhnen sich die Menschen daran, das nichts real ist und alles diskutiert werden kann.“

Grundverständnis für digitale Gesellschaft

Für Sascha Lobo ist klar, „dass nicht die Technologie und der Fortschritt die Welt verändert, sondern die Art, wie die Menschen sie nutzen.“ Es brauche also in jedem Fall eine stärkere emotionale Distanz zur „Maschine“. „Das aber“, so Lobo, „kann nur im Kopf geschehen, nicht im Gerät.“ Ansetzen müsse man bei dem, der das Smartphone bedient und seine Daten mit der Welt teilt.

Doch wie kann man dem etwas entgegensetzen? Der beste Ansatzpunkt ist für Lobo gute digitale Aufklärung. Programmieren lernen in der Schule, das sei in Ordnung, aber optional. Viel wichtiger sei das Grundverständnis für die digitale Gesellschaft, das Kindern und Jugendlichen vermittelt werden müsse, damit sie verantwortungsvoll mit dem umgehen lernen, was im täglichen Nachrichtenstrom der sozialen Netzwerke und dem rasanten technologischen Fortschritt auf sie einprasselt.

Was den ökonomischen Druck angeht vertritt der Berliner eine klare Linie. Angesichts der riesigen Umsätze, die Konzerne wie Facebook und Google verzeichnen, „könnte man aus meiner Sicht hier viel härter vorgehen“. Denn eines sei erwiesen: Die gegenwärtigen Algorithmen bevorzugten Fake News, Gerüchte, Verschwörungstheorien und andere emotionalisierende Inhalte – weil sie Geld bringen.

Angeregt von Lobos Hinweis auf Ergebnisse einer Studie, der nach vor allem Menschen über 60, überdurchschnittlich oft auf Fake News hereinfallen, fragte ein Besucher, ob sich das Problem mit zunehmend digital aufgewachsenen Generationen irgendwann von selbst erledige.
Da wollte Lobo nicht mitgehen. So viel Zeit sei nicht. „Es ist ein Problem, das jetzt gelöst werden muss“, nicht zuletzt, weil natürlich auch „Digital Natives“ vor immer neuen Problemen stehen.

Schon jetzt würden Kinder, die in einen Haushalt mit einem digitalen Helfer wie „Alexa“ geboren werden, diesen als eine Art Familienmitglied ansehen. Und junge Menschen tun sich laut Studien heute häufig schwer damit, bezahlte Werbung von unbeeinflussten Meinungsäußerungen zu unterscheiden. Dagegen könne man nur mit offensiver Aufklärung angehen, glaubt Lobo, etwa mit einer echten „Schulfach Interneterziehung“.

von Michael Agricola