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Marburg Ein Schandfleck wird zum Schmuckstück
Marburg Ein Schandfleck wird zum Schmuckstück
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13:00 04.06.2022
Blick nach unten durch Fachwerkbalken im restaurierten ehemaligen Tagelöhnerhaus in Dilschhausen.
Blick nach unten durch Fachwerkbalken im restaurierten ehemaligen Tagelöhnerhaus in Dilschhausen. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Dilschhausen

Großer Bahnhof in Dilschhausen: Mit einem Bus aus Südhessen kamen am Mittwoch (1. Juni) die Mitglieder der hessischen Denkmalschutz-Fachjury bei ihrer Tour durch Hessen auch in den kleinsten Marburger Stadtteil Dilschhausen. Der Grund: Die Restaurierung des ehemaligen Tagelöhnerhauses ist in der engeren Wahl im Rennen um den hessischen Denkmalschutzpreis 2022.

Dilschhausens Ortsvorsteher Herrmann Heck (CDU) erläuterte der Delegation die Geschichte des im 18. Jahrhundert erbauten Hauses und die jahrelangen Versuche des Ortsbeirates, das Haus vor dem zwischenzeitlichen Verfall zu retten.

Nach der Kirche ist das Tagelöhnerhaus mittlerweile das älteste Dilschhäuser Haus. Noch bis kurz nach dem Krieg sei das Haus mit einer Grundfläche von 30 Quadratmetern von fünf Erwachsenen und einem Kind bewohnt worden, die als Selbstversorger gelebt hätten. Errichtet wurde es ursprünglich als Behausung für Menschen mit wenig Geld, die in der Landwirtschaft mitarbeiten.

Hausbesitzerin Katja Berkling und ihr Ehemann stehen vor der Tür des renovierten ehemaligen Tagelöhnerhauses in Dilschhausen. Quelle: Manfred Hitzeroth

Nach dem Tod der letzten Eigentümerin im Jahr 2011 hatte das als Einzelkulturdenkmal ausgewiesene zweistöckige Gebäude lange leer gestanden und war dann schließlich zunächst im Zuge einer Fiskalerbschaft an das Land Hessen gefallen, weil niemand das Erbe antreten wollte.

Im Jahr 2016 hatte die Stadt Marburg das Gebäude für einen symbolischen Betrag von einem Euro erworben. Das Ziel der Stadt war es damals, die historischen Hof- und Gebäudeflächen an Privatleute weiterzuverkaufen – mit der Maßgabe, das Haus zu erhalten und fachgerecht sanieren zu lassen.

Den Zuschlag erhielt die Marburgerin Katja Berkling, die das Haus nach der abgeschlossenen Sanierung auch mit ihrem Ehemann Lars Hildebrandt bewohnt. „Ein altes Gebäude vor dem Abriss zu bewahren lag mir am Herzen“, sagt die Hauseigentümerin. „Es war klar: Wenn nichts gemacht wird, dann wird es abgerissen.“ Deshalb hat sie das 1712 erbaute Tagelöhnerhaus im Marburger Stadtteil Dilschhausen mit Garten trotz seines vernachlässigten Zustands von der Stadt Marburg erworben.

„Das Häuschen hatte die perfekte Größe“, erzählte sie. Dennoch sei der Erhaltungszustand erst einmal sehr schlecht gewesen. Die Probleme für die Gebäudesubstanz reichten von Wasserschäden an der Fassade bis hin zu maroden Fachwerkbalken im Inneren des Hauses. Viel Zeit sei mit Kostenberechnungen und Schadensaufnahme vergangen. Nach einem runden Tisch mit dem Denkmalschutz erfolgte dann im Herbst 2018 der Startschuss für die rund zwei Jahre später abgeschlossene Sanierung des Hauses.

Und es brauchte eine Menge Handwerk und Energie, damit aus dem einstigen Schandfleck mittlerweile ein liebevoll saniertes Schmuckstück wurde. Die neue Eigentümerin, die zusammen mit ihrem Mann auch selbst mit Hand anlegte, ließ das marode Fachwerkgefüge sichern und ertüchtigen. Dabei halfen Architekt Holger Frisch und Fachfirmen. Das Dach wurde mit Biberschwanzziegeln gedeckt, historische Fenster und Haustüren wurden repariert. Wo ursprünglich eine offene Feuerstelle mit Esse war, befindet sich jetzt die Küche.

In dem renovierten ehemaligen Tagelöhnerhaus in Dilschhausen sitzen Hausbesitzerin Katja Berkling und ihr Ehemann auf dem Sofa im ersten Stockwerk. Quelle: Manfred Hitzeroth

Auch die Innentüren, Dielenböden, die historischen Putze sowie eine historische Bemalung wurden aufwendig gesichert. Sie sind nun wieder Teil des besonderen Wohnerlebnisses in einem Gebäude mit einer Wohnfläche von nur 50 Quadratmetern: Durch geschickte Raumaufteilung ist jetzt mehr Platz zum Wohnen vorhanden.

Auch in Sachen Sanitäreinrichtung wurde deutlich nachgebessert: Jetzt gibt es auch eine Toilette, während vorher für die ursprünglichen Bewohner des Häuschens nur ein Plumpsklo in dem kleinen Scheunenbau nebenan zur Verfügung stand. Nur die historische Holztreppe im Inneren war nicht mehr zu retten und musste ausgetauscht werden.

Preisverleihung findet am 21. Juli statt

In enger Absprache mit den Denkmalbehörden war es ansonsten nicht nur möglich, alle charakteristischen Details des Gebäudes zu erhalten, sondern auch einen Teil des Dachgeschosses als Empore auszubauen. Besonders die Sicherung der authentischen Teile des Fachwerkhauses imponierte Professor Markus Harzenetter, dem Präsidenten des Landesdenkmalamtes, bei seinem Rundgang mit der Jury außerordentlich.

Jetzt warten nicht nur Katja Berkling und ihr Mann, sondern auch Ortsvorsteher Heck gespannt auf die Jury-Entscheidung. Konkurrenten des Dilschhäuser Wettbewerbs-Beitrags sind unter anderem ein Schloss in Wächtersbach sowie ein Fachwerkhaus in Alsfeld. Die Preisübergabe erfolgt am 21. Juli durch Staatsministerin Angela Dorn (Grüne) in Schloss Biebrich.

Hessischer Denkmalschutzpreis

Seit 1986 wird der Hessische Denkmalschutzpreis jährlich verliehen, 2022 erfolgt die Vergabe bereits zum 37. Mal. Der Preis wird jährlich mit 20 000 Euro von „Lotto Hessen“ dotiert. Ausgezeichnet werden können denkmalpflegerische Maßnahmen von privaten Eigentümern, bürgerschaftlichen Initiativen oder Körperschaften aus allen Bereichen der Denkmalpflege, die durch individuelle Lösungen, handwerklich-technische Qualität und besonderes Engagement eine Vorbildwirkung erzielen und zum Nachahmen anregen.

Für den Hessischen Denkmalschutzpreis gingen dieses Jahr lediglich knapp die Hälfte der sonst üblichen 30 Bewerbungen ein. Der Rückgang ist auf die Corona-Pandemie, insbesondere hinsichtlich der Lieferengpässe bei der Materialbeschaffung zurückzuführen. Vorschlagsberechtigt sind die Unteren Denkmalschutzbehörden sowie die Denkmalfachbehörde.

Von Manfred Hitzeroth

03.06.2022
03.06.2022