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Marburg Sanierung der Elisabethkirche hat begonnen
Marburg Sanierung der Elisabethkirche hat begonnen
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13:00 30.11.2021
Eine Spezialfirma hat im Chor der Elisabethkirche ein Gerüst aufgebaut, damit die Restauratoren ab Januar 2022 dort arbeiten können.
Eine Spezialfirma hat im Chor der Elisabethkirche ein Gerüst aufgebaut, damit die Restauratoren ab Januar 2022 dort arbeiten können. Quelle: Tobias Hirsch
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Eine 20 Meter hohe Fototapete bildet in der Elisabethkirche eine Barriere zum Chorbereich, in dem der erste Bauabschnitt der groß angelegten Innensanierung über die Bühne geht. Das aus verschiedenen Aufnahmen zusammengefügte Bild zeigt zwar wie sonst den Blick auf den Altar, den Lettner sowie die dahinterliegenden, mittelalterlichen Glasfenster, allerdings nicht in echt. Denn es ist nur ein Blickfang, der den Staubschutz schmückt.

Wie es dahinter aussieht, zeigten Bauleiter Karlheinz Waschkowitz (Landesbaubetrieb Bau und Immobilien Hessen/LBIH) und Dr. Bernhard Buchstab der OP bei einem Presserundgang. Hinter dem „Vorhang“ ist der Innenraum nahezu komplett eingerüstet mit einem imposanten Baugerüst, das eine Spezialfirma innerhalb von drei Monaten aufgebaut hat. „Das war eine Meisterleistung“, lobt Waschkowitz.

Anderthalb Jahre sollen die Arbeiten im Chor dauern

Besonders herausfordernd war es, das Gerüst so zu verankern, dass keine Halterungen in den Wänden des denkmalgeschützten Kirchenbaus aus dem 13. Jahrhunderts befestigt wurden. Jetzt sorgen vor allem ausgeklügelt installierte Querverstrebungen für die Stabilität des Gerüsts. Auf 16 Metern Höhe ist eine Plattform aufgebaut, auf der sich die Restauratoren ab Januar 2022 bewegen und dann bis zum Decke gelangen können. Anderthalb Jahre lang soll dort gearbeitet werden, bevor sich das Ganze „umdreht“: Dann wird noch einmal so lang im „Langhaus“ saniert und die Gottesdienste finden im Bereich der Chöre statt.

Insgesamt kostet die Aufstellung der Gerüste rund 25 Prozent der Bausumme von 6,7 Millionen Euro, erläutert LBIH-Direktor Thomas Platte. Wegen der enormen kulturhistorischen Bedeutung der Kirche übernimmt das Land Hessen die Kosten, was in einem Staatsvertrag geregelt ist.

Bevor die ursprüngliche Farbigkeit von Gewölben und Innenwänden wiederhergestellt wird, mussten aber zunächst 45 wertvolle Gegenstände der Kirchenausstattung – von Altären bis hin zu Wappenschildern – mit Holzplatten komplett eingehaust werden. Als Nächstes erfolgt nun noch der Ausbau der mittelalterlichen Glasfenster im Chorbereich, die ebenfalls geschützt und in der Kirche zwischengelagert werden. 42 Maßwerkfenster zu je 21 Scheiben – insgesamt 840 Einzelteile – werden noch inklusive der Querstreben von Glasrestauratoren per Hand ausgebaut und dann gereinigt, erläutert Bauleiter Waschkowitz. Übrig bleiben die Schutzverglasungen.

Denkmalschützer Bernhard Buchstab verdeutlichte an einer Wand im Elisabethchor, wo bereits eine Musterfläche die neue Farbfassung zeigt, den Unterschied zwischen dem dunklen Ist-Zustand und der hellen zukünftigen Gestaltung. Geplant sei nunmehr eine „Neuausmalung im Sinne der gotischen Erstfassung“, fasst Buchstab das Ergebnis, auf das sich Gutachter nach zwei Fachkolloquien geeinigt hatten. „Es ist die sinnvollste, beste und einzig mögliche Idee“, betont Buchstab.

„16 Jahre lang haben Dienststellen die Innensanierung geplant und vorbereitet“, sagte Pfarrer Ralf Hartmann, Leiter des Gesamtverbands der Evangelischen Kirchenbaugemeinden, dem das Land Hessen 1969 unter Beibehaltung seiner Baulastverpflichtung die Eigentümerschaft der Kirche übertrug.

Hartmann bezeichnete die Elisabethkirche als „analogen Wissensspeicher“. Wie alle gotischen Kathedralen vermittele der Marburger Kirchenbau eine Ahnung davon, wie schön es einmal im Himmel sein werde. Von Anfang an sei die Elisabethkirche sowohl Wallfahrtskirche als auch ein Baustein politischer Ränkespiele gewesen, sagte die evangelische Landesbischöfin Dr. Beate Hofmann. Aber die Menschen hätten dort zu allen Zeiten auch Trost, Zuflucht und Bestärkung gesucht.

Innenraum soll wieder heller werden

„Diese grandiose Kirche hatte im Laufe von 800 Jahren nur vier Fassungen“, betonte Professor Markus Harzenetter, Präsident des hessischen Landesamtes für Denkmalpflege. In der ursprünglichen Farbfassung der von 1235 bis 1283 errichteten Kirche sei das Baumaterial des Wehrdaer Sandsteins in Hellrot oder Rosa mit weißen Fugenbildern gestaltet gewesen. Es seien eine reformatorische Fassung im 16. Jahrhundert in kühlem, blaugrauen Weiß und eine historisierende Fassung um 1855 nach Überschwemmungsschäden infolge eines Unwetters gefolgt. In der bislang letzten Sanierung Mitte der 1930er Jahre seien sämtliche vorherige Farbschichten innerhalb von wenigen Wochen abgetragen worden. Daran anschließend sei nur eine dünne Lasur aufgetragen worden. Ziel sei es damals gewesen, eine Steinsichtigkeit zu erreichen.

Jetzt soll der Innenraum wieder heller werden und künftig in der ursprünglichen Farbigkeit erstrahlen. Dabei orientieren sich die Restauratoren an den gut erhaltenen, großflächigen Befunden aus der Entstehungszeit der Kirche und an der Korrespondenz zwischen Raumschale und mittelalterlichen Glasfenstern.

Von Manfred Hitzeroth