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Marburg "Habe schnell gemerkt: Stein ist geil"
Marburg "Habe schnell gemerkt: Stein ist geil"
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15:00 15.12.2019
Samuel Bartl mit seinem Gesellenstück: Der phantasievolle Gargoyle, der sich an ein angedeutetes Kirchenfenster klammert, brachte ihm den Landessieg ein. Quelle: Andreas Schmidt
Marburg

In der Pflege hat er drei Jahre lang gearbeitet und auch in der Lagerlogistik Erfahrung gesammelt. Aber „immer nur Hilfsjobs zu machen, ist ja auf Dauer nicht das Wahre“, sagt der 26-Jährige. Also suchte er sich eine Ausbildung, bewarb sich über die Arbeitsagentur auch bei der Bildhauerei Trautmann in Hermershausen. Das Problem: „Der Chef schaut nicht beim Angebot der Arbeitsagentur rein“, sagt Samuel Bartl lachend.

Daher habe er mehrere Monate nichts von der Bewerbung gehört. Doch war ein Kumpel von Bartl mit dem ehemaligen Azubi der Bildhauerei befreundet. „Und der hat über meinen Kumpel ausgerichtet, ich solle einfach nochmal anrufen und persönlich vorbeikommen“ – das tat Bartl und bekam die Ausbildungsstelle.

Firmenchef Jan Trautmann sagt dazu: „Ich finde es wichtig, wenn die möglichen Auszubildenden schon Initiative­ zeigen und beweisen, dass sie auch wollen. Denn es ist ein harter Beruf – da braucht es schon Einsatz.“ Gerade am Beginn der Ausbildung stehe das Steinmetzhandwerk, „die Kunst kommt zum Schluss“, so Trautmann.

Und die Kunst, die hat es beim Gesellenstück von Samuel Bartl in sich. Denn der Gargoyle, ein mythisches Wesen mit Menschengestalt, das tagsüber zu Stein wird, scheint – obwohl es aus Sandstein gefertigt wurde – jeden Moment lebendig zu werden. Mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck schmiegt sich die Figur an einen stilisierten, gotischen Fensterbogen.

Arbeit erfordert viel Geduld

Und das aus gutem Grund, denn: „Solche Figuren finden sich häufig an Kirchen, manchmal auch als Wasserspeier“, sagt Samuel Bartl. Doch wie entsteht eine solche Figur? Einfach einen Steinquader nehmen – und dann loslegen? „Nein, zunächst habe ich ein Modell erstellt – zunächst modelliert und dann mit Gips gegossen.“

Danach wurde­ das Modell mit einem Werkzeug Punkt für Punkt auf den Sandsteinquader übertragen. Das Werkzeug erinnert an einen Storchenschnabel zum Übertragen von Zeichnungen – allerdings hier in 3D-Ausführung. Die Arbeit erfordert viel ­Geduld: Punkt für Punkt wird übertragen, Ebene für Ebene ­gearbeitet – vom Groben ins Feine. „Am Anfang geht es darum, Masse wegzubekommen. Und dann kommen Rundungen und Details“, sagt Bartl.

Ließe sich das Modell nicht viel einfacher scannen? „Ja, das gibt es schon. Doch wir sind letztlich mit der manuellen Methode schneller“, erläutert Trautmann. 52 Stunden hat Samuel Bartl an seinem Gesellenstück gearbeitet, mit Konzeption und vielen Vorentwürfen „hat es ungefähr zwei Monate gedauert“. Die Mühe hat sich gelohnt.

Von der Pflege zum Bildhauer – wie passt das zusammen? „Den Beruf Steinmetz kannte ich nur aus dem Computerspiel ,Die Siedler‘. Dann kam ich her, habe gesehen, was hier passiert – und wir haben ein Praktikum vereinbart“, erinnert sich Samuel Bartl zurück. Es harmonierte zwischen Praktikant und Unternehmen – so kam es zum Ausbildungsvertrag. Und in der Folge zum Hessentitel.

Plakette der Weidenhäuser Brücke in Arbeit

„Ich habe schnell gemerkt: Stein ist geil“, sagt der Geselle.­ „Jan nutzt die Azubis nicht als billige Arbeitskraft, sondern man steht direkt viel am Stein, ich konnte mich direkt an Aufträgen versuchen.“ Später folgte ein dreimonatiges Praktikum in der Marmor-Region Carrara. „Das hat Sam noch mal einen richtigen Schub gegeben“, weiß Jan Trautmann.

Auch, wenn es manchmal eine Hängepartie gab, „weil ich mit dem Stadium, in dem ein Stück war, nicht zufrieden war. Aber wenn ich dann wieder die richtige Linie entdecke und ein unförmiger Stein plötzlich etwas abbildet – das ist schon klasse.“

„Was die Azubis lernen, ist nicht nur für die Ausbildung wichtig: Das wird auch immer wieder angewendet“, sagt Jan Trautmann. Zum Beispiel bei Restaurierungen, bei denen es vor dem Hintergrund des Denkmalschutzes auf Originalität ankommt. Derzeit hat das ­Trautmann-Team beispielsweise auch eine Plakette der Weidenhäuser Brücke in Arbeit.

Übrigens: Samuel Bartl ist nicht der erste Preisträger, den die Bildhauerei Trautmann hervorgebracht hat: Es gab mit ­Janis Mengel schon 2015 einen Hessenbesten. Und: Elisabeth Mankel, die auch heute noch in der Bildhauerei arbeitet, wurde sogar Bundesbeste.

von Andreas Schmidt