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Marburg Sammlung Peters-Messer im Kunstmuseum und Kunstverein
Marburg Sammlung Peters-Messer im Kunstmuseum und Kunstverein
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13:59 25.03.2022
Der Vorsitzende des Marburger Kunstvereins, Dr. Michael Herrmann (von links im Uhrzeigersinn), der Direktor des Kunstmuseums, Dr. Christoph Otterbeck, der Künstler Monty Richthofen, die Geschäftsführerin des Kunstvereins, Dr. Carola Schneider, die Kuratorin Linda Peitz und der Sammler Florian Peters-Messer stehen neben der Installation „Reihe“ von Iris Kettner.
Der Vorsitzende des Marburger Kunstvereins, Dr. Michael Herrmann (von links im Uhrzeigersinn), der Direktor des Kunstmuseums, Dr. Christoph Otterbeck, der Künstler Monty Richthofen, die Geschäftsführerin des Kunstvereins, Dr. Carola Schneider, die Kuratorin Linda Peitz und der Sammler Florian Peters-Messer stehen neben der Installation „Reihe“ von Iris Kettner. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Rund 90 Kunstwerke von internationalen Künstlerinnen und Künstlern sind von heute an parallel im Kunstverein und im Kunstmuseum zu sehen. „Why Can’t We Live Together“ (Warum können wir nicht zusammenleben?) ist die Ausstellung mit Werken aus der Sammlung von Florian Peters-Messer betitelt. Es ist die wohl größte und sicherlich spannendste Ausstellung, die seit vielen Jahren in Marburg zu sehen ist. Fast alle Arbeiten, die ausgestellt werden, stammen aus dem Zeitraum von 2000 bis heute. 54 Künstlerinnen und Künstler unter anderem aus Deutschland, den USA, Russland, Kanada, der Schweiz, Frankreich, Norwegen und Südamerika sind in der Doppelausstellung vertreten: 33 auf 530 Quadratmetern im Kunstverein, 21 auf 280 Quadratmetern in drei Räumen im benachbarten Kunstmuseum.

Kuratiert wurde die Ausstellung im Kunstverein von Linda Peitz, die schon häufiger mit Florian Peters-Messer zusammengearbeitet hat. Die Ausstellung im Kunstmuseum hat das Team um Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck zusammengestellt. Nach Ausstellungen in der Bremer Weserburg 2018, in der Leipziger Spinnerei, im Düsseldorfer Kunstpalast und im Kunstverein Ruhr sind Teile dieser sehr besonderen Sammlung nun in Marburg zu entdecken.

„Why Can’t We Live Together“ ist eine gesellschaftspolitische Ausstellung. Der Schriftzug prangt seit Mittwoch in schwindelerregender Höhe auf der Glasfassade des Kunstvereins. Angebracht wurde er von dem jungen Künstler Monty Richthofen, der mit seiner Arbeit „I watch Porn“ in der Ausstellung vertreten ist.

Feministische Antwort auf Macho-Spruch von Trump

Viele der Künstlerinnen und Künstler sind noch weitgehend unbekannt, andere sind längst Stars der internationalen Kunstszene wie der Schweizer Installationskünstler Thomas Hirschhorn oder der Fotograf Kader Attia, der demnächst die Berlin-Berlinale kuratieren wird. Die Italienerin Monica Bonvincini war bereits zur Biennale in Venedig eingeladen. Ihre Hand ragt im Kunstverein aus einer Wand: „Grab them by the balls“ heißt ihre feministische Antwort auf Donald Trumps Macho-Spruch „You can grab her by her pussy“.

Und Henrike Neumanns AfD-Arbeit im Treppenaufgang des Kunstvereins hat selbst der Sammler bislang kaum gesehen. Das Kunstwerk wandert derzeit von Ausstellung zu Ausstellung, war in Kiew zu sehen, ist jetzt im Kunstverein und geht demnächst zur Biennale in Venedig. „Wenn ich Glück habe, sehe ich das Werk am Jahresende mal zu Hause“, sagt Florian Peters-Messer.

Seit Mitte der 1990er Jahre sammelt der aus Viersen am Niederrhein stammende Immobilienunternehmer Florian Peters-Messer Kunst. Inzwischen ist seine Sammlung auf mehr als 400 Werke angewachsen. Egal ob Malerei, Zeichnung, Skulptur, Fotografie, Installation oder Videokunst – allen Werken gemeinsam ist die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Umbrüchen, Spannungen und den Widersprüchen des Kapitalismus.

Warum sammelt ausgerechnet ein Immobilienunternehmer kritische Kunst? „Es ist ein Gegengewicht zu meiner beruflichen Tätigkeit als Betriebswirt. Der BWLer-Tunnel war mir nicht genug“, sagte er am Mittwoch im Kunstverein. Er stamme aus einem eher bürgerlich-konservativen Milieu. „Die Auseinandersetzung mit politischen und soziologischen Ideen empfinde ich als Bereicherung. Meine Sammlung ist nicht das Hobby eines wohlhabenden Mannes – mir geht es um Partizipation, um die gedankliche Freiheit durch Kunst.“ Und für ihn soll Kunst irritieren, soll anecken.

So versteht Florian Peters-Messer seine Sammlung auch nicht als Geldanlage für die Zukunft, so wie viele andere Kunstsammler. Die Kunstwerke verschwinden nicht für immer in gut gesicherten Lagern oder Tresoren. Florian Peters-Messer zeigt sie immer wieder öffentlich, gibt Kunstwerke als Leihgaben für Ausstellungen. Auch den Transport der Ausstellung in zwei Lastwagen nach Marburg hat er nach Auskunft des Kunstvereins finanziert. Dennoch stößt der Kunstverein mit der Schau aufgrund der Versicherungskosten an seine Grenzen.

Ausstellungs-Titel ist ein Antikriegssong von 1972

Der Titel der Ausstellung „Why can’t we live together“ wurde dem Bild des 1993 in Istanbul geborenen Malers Murat Önen entnommen. Zugleich ist es ein Antikriegs-Song von Timmy Thomas aus dem Jahr 1972.

Obwohl die Doppelausstellung sehr viele Werke zeigt, wird sie luftig präsentiert. Jedes Werk hat ausreichend Platz, um seine Wirkung zu entfalten. Wie die großartige Installation des Dresdener Fotografen Sven Johne. In „Anomalien des beginnenden 21. Jahrhunderts“ zeigt er eine Reihe ikonischer Fotos, die er dem Internet entnommen hat: Fotos von Menschen wie Facebook-Chef Marc Zuckerberg, die Whistleblower Edward Snowden oder Bradley Manning (heute: Chelsea Manning) oder den Unabomber Theodore Kaczynski. Unter den Fotos stehen irritierende fiktive Biografien.

Florian Peters-Messer sagte am Mittwoch: „Ich bin sehr glücklich mit den Ausstellungen.“ Den Kontakt zu ihm hat die Kunstvereins-Geschäftsführerin Dr. Carola Schneider schon vor mehr als zwei Jahren hergestellt.

Von Uwe Badouin

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