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Marburg Das absolute Prunkstück
Marburg Das absolute Prunkstück
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12:00 12.04.2021
Georg Kaiser präsentiert ein Rad von Greg LeMond aus dem Jahr 1993. Mit einem solchen Rad des GAN-Teams startete er 1994 noch einmal bei der Tour de France, die er zuvor 1986, 1989 und 1990 gewonnen hatte.
Georg Kaiser präsentiert ein Rad von Greg LeMond aus dem Jahr 1993. Mit einem solchen Rad des GAN-Teams startete er 1994 noch einmal bei der Tour de France, die er zuvor 1986, 1989 und 1990 gewonnen hatte. Quelle: Götz Schaub
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Cyriaxweimar

Wer etwas mit Leidenschaft sammelt, der weiß, wie sehr das Herz vor Freude hüpft, wenn ein Gegenstand der Sammlung zugefügt werden kann, auf den man lange spekuliert, gewartet oder von dem man eigentlich nur geträumt hat. Radsport-Händler Georg Kaiser aus Marburg-Cyriaxweimar sammelt Oldtimer- und Vintage-Rennräder. Mehr als 60 Exemplare hat er mittlerweile zusammengetragen. Für viele Menschen mögen das nur ältere Renn-Maschinen sein, doch wer nur ein bisschen mehr Ahnung hat, wird sofort feststellen, dass jedes einzelne Rad nur durch Besonderheiten seinen Platz in Kaisers Sammlung erhielt.

Mit ganz besonderen Rädern war Kaiser auch immer mal wieder in der Zeitung. Zuletzt mit einem Rad aus den 60er-Jahren mit dem Schriftzug von Louison Bobet. Vor der Corona-Pandemie war es wegen der Räder zu einer guten Zusammenarbeit mit dem Polizei-Oldtimermuseum gekommen. Seit einigen Jahren organisiert Kaiser mit einigen weiteren Sammlern zur Saisoneröffnung des Museums immer auch eine erlesene Oldtimer Rennrad-Ausstellung. „Ich hoffe, dass es im Mai im Polizei-Oldtimermuseum wieder losgehen kann“, sagt Kaiser, doch so recht kann er daran aufgrund der hohen Fallzahlen noch nicht glauben. Aber große Lust hat er schon, wieder dabei zu sein und Rennräder aus vergangenen Zeiten zu zeigen. Und wenn es so weit ist, ob nun im Mai, Juni oder wann auch immer, dann wird sicher auch ein Rad dabei sein, das erst ganz aktuell in seinen Besitz gekommen ist, das ihm persönlich richtig viel bedeutet. Kaisers Hobby ist ein Geduldsspiel. Denn der Markt ist ziemlich abgegrast, wirklich tolle Räder, die Radsportgeschichte geschrieben haben, sind sehr selten zu bekommen. Aber wie es so kommt, wenn du denkst, hier passiert nicht mehr viel, kommt plötzlich ein Angebot daher. Dieses Mal entdeckte er es im Internet und es stockte ihm der Atem.

Es handelte sich um ein Rad, das er schon lange gesucht hatte, das bisher nirgends zu finden war. Das Modell vom GAN-Team, das der US-amerikanische Radrenn-Profi Greg LeMond 1994 während der Tour de France fuhr. Das ist jetzt nicht das Rad, mit dem LeMond seine großen Erfolge feierte, sondern tatsächlich sein letztes Rad. Und das macht es so besonders. „Jeder Radrennfahrer hebt sich sein zuletzt gefahrenes Rad auf“, sagt Kaiser. LeMonds Rad gehört zu jenen Rädern, die man aufgrund ihrer Lackierung immer zwischen 1990 und 1995 eingrenzen kann. „In dieser Zeit waren Räder angesagt, mit Farbübergängen auf dem Rahmen.“

Danach wurde es wieder einfarbig. Kaisers neues Prunkstück ist von 1993 mit einer kratzerfreien blau-gelben Originallackierung. An der Gabel sind die Buchstaben GL eingestanzt – etwas, das es sonst nicht gibt. Alles ist im Original erhalten, nur der Sattel ist ausgetauscht. „Wenn ich dem Rad eine Note auf den Zustand geben müsste, würde ich unter Berücksichtigung des Alters hier ganz klar eins plus sagen“, sagt Kaiser.

Vom deutschen Markt kennt er dieses Rad nicht. Aber offenbar wurde es nach Holland geliefert. Von dort kam nämlich sein neuestes Sammlerstück, sehr professionell und stoßsicher verpackt, wie er verrät. Jetzt steht es unterhalb eines Posters von Greg LeMond, das Kaiser jahrzehntelang über seinem Schreibtisch hängen hatte. Denn Greg LeMond war für ihn schon ein ganz besonderer Radrennfahrer. Nicht zuletzt aufgrund seines grandiosen Comebacks, nachdem er ein Jahr nach seinem ersten von drei Tour-Siegen einen schweren Jagdunfall erlitten hatte, bei dem er von unzähligen Schrotkugeln getroffen wurde. Allein drei verblieben in seinem Herz, etwa fünf in seiner Leber.

Auch wenn der Markt an Retro-Rädern besonderer Herkunft ziemlich leergefegt ist, achtet Georg Kaiser als Sammler auch darauf, nicht gleich auf den erstbesten angebotenen Preis anzuspringen. Natürlich wissen Verkäufer um den Markt und reizen das dann schon mal aus. Kaiser bleibt aber auch bei innerer Unruhe äußerlich gelassen und geht damit ins Risiko. Findet sich einer, der bereit ist, „Mondpreise“ zu zahlen oder korrigiert der Verkäufer den Preis irgendwann nach unten? In diesem Fall wurde Kaiser mit seiner Geduld belohnt. Den bezahlten Preis schätzt er als angemessen ein und freut sich nun über das Rad, von dem er nie geglaubt hätte, dass es einmal tatsächlich in seiner Sammlung sein würde.

Von Götz Schaub

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