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Marburg „Ausbildung ist für uns eine strategische Frage“
Marburg „Ausbildung ist für uns eine strategische Frage“
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13:53 10.11.2020
Einer der Azubis an seinem Ausbildungsplatz bei SW-Motech. Quelle: privat
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Rauschenberg

Ausbildung in Corona-Zeiten – das ist keine Selbstverständlichkeit. Für manche Firmen sind die wirtschaftlichen Unsicherheiten zu groß, sodass sie dieses Jahr gar nicht ausbilden. „Außerdem haben sich gerade während des ersten Lockdowns im Frühjahr vielfach Prozesse verschoben – denn Unternehmen wussten teilweise gar nicht, wie sie etwa Bewerbungsgespräche mittels Skype und Co. absolvieren sollten“, sagt Volker Breustedt, Leiter der Marburger Arbeitsagentur. Personaler im Homeoffice, Firmen in der Kurzarbeit, Schüler, die aus lauter Verunsicherung lieber auf der Schule bleiben – nicht die besten Vorzeichen dafür, dass ausgebildet wird.

SW-Motech hielt an ursprünglichem Plan fest

Für SW-Motech, den Rauschenberger Hersteller von Motorrad-Zubehör, war das jedoch keine Option, wie Mit-Geschäftsführer Jörg Diehl berichtet. Denn obwohl das Unternehmen im Frühjahr während des ersten Lockdowns Kurzarbeit angemeldet hatte, war dies nur eine kurze Episode. „Am Anfang sind die Umsätze weggebrochen, doch schnell haben die Märkte weltweit wieder geöffnet. Und da wir sehr stark im E-Commerce aufgestellt sind, konnten wir über diesen Weg die Endverbraucher gut erreichen“, sagt Diehl. Daher habe man bereits im April bei den Kunden sein können, „und wir konnten während des Lockdowns über die sozialen Netzwerke Themen rund um das Motorrad aufrechterhalten“, so Diehl (die OP berichtete). Die Menschen hätten Spaß daran gehabt, Motorrad zu fahren – und entsprechend mit Teilen von SW-Motech in ihr Hobby zu investieren.

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Die Geschäfte liefen also gut in Rauschenberg – in der Folge stand es außer Frage für das Unternehmen, am ursprünglichen Ausbildungsplan festzuhalten. Sieben Auszubildende seien ursprünglich für dieses Jahr vorgesehen gewesen – neun seien es schlussendlich geworden. Denn: SW-Motech hat auch zwei Azubis aus insolventen Betrieben übernommen, die nun ihre Ausbildung fortsetzen können. „Es gab für uns immer weniger zu tun und im Frühjahr hat uns die Firma über die Insolvenz-Anmeldung informiert“, erinnert sich Kristin Fröhlich (21). „Das war für uns Azubis natürlich ein Schock, keiner wusste, wie es weitergeht.“ Jetzt sei sie sehr froh, dass sie in Rauschenberg ihre Ausbildung fortsetzen könne.

Förderung „nur Nebensache“

Mit der Übernahme der zwei Azubis erhält SW-Motech auch eine Förderung aus dem Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“. Konkret hilft die Prämie dabei, die verkürzte Ausbildungszeit von zwei auf drei Jahre finanziell auszugleichen. Und: Seit Beginn des neuen Ausbildungsjahres fördert das Bundesprogramm Ausbildungsbetriebe, damit diese ihr jeweiliges Ausbildungsangebot auch in schwierigen Zeiten aufrechterhalten können. Bis zu 3.000 Euro gibt es pro Ausbildungsvertrag.

Jörg Diehl macht klar: „Förderung hin oder her – wir hätten die Azubis so oder so genommen.“ Vielmehr dürfe die Förderung „nicht die treibende Kraft sein. Ausbildung ist für uns eine strategische Frage. Denn ehemalige Azubis kommen jetzt an die Stellen, an denen sie Verantwortung übernehmen.“ Für Diehl steht fest, „dass die Leute, die wir selbst ausbilden, auch die besseren Führungskräfte sind“ – letztlich sei Ausbildung also immer eine Investition in die Zukunft des Unternehmens. Der Auswahlprozess spiele dabei eine wichtige Rolle, „wenn man auf eine Messe fährt und sieht, wie die jungen Leute dafür brennen – dann ist das ein gutes Gefühl“. Und Diehl verdeutlicht auch: „Für die Vitalität eines Unternehmens gehört Ausbildung einfach dazu“ – immer vor dem Hintergrund, die jungen Leute übernehmen zu wollen.

Gibt es die „Generation Corona“?

Für Volker Breustedt ist klar: „Es stellt sich gerade die Frage, ob es eine ,Generation Corona’ unter den Jugendlichen gibt, die jetzt am Ausbildungsmarkt den Kürzeren zieht.“ SW-Motech zeige gerade jetzt, dass es sich lohne, „dort Gas zu geben, wo sich andere zurückziehen“ – nämlich nicht nur auf den Märkten, sondern auch bei der Ausbildung.

Personalleiter Lars Petersohn erläutert, dass alle Azubis durch die gesamte Firma rotieren, „um alle Prozesse und alle Schnittstellen kennenzulernen“. Das letzte Jahr finde dann in einer Fachabteilung statt – „ein sehr hoher Prozentsatz wird übernommen“, so Petersohn – die dann Ex-Azubis seien durch ihr breit gefächertes Wissen „ab dem ersten Tag einsatzbereit“. Es mache sich also direkt bezahlt, „dass wir unsere eigenen Fachkräfte ausbilden“.

Von Andreas Schmidt

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