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Marburg Marburger Skandale aus dem 20. Jahrhundert
Marburg Marburger Skandale aus dem 20. Jahrhundert
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19:56 01.10.2021
Dokumentation eines Skandals aus der Marburger Stadtgeschichte: Der Marburger Medizinstudent Jakob Spier (mit Schild) wird im August 1933 über die Weidenhäuser Brücke geleitet und wegen angeblicher „Rassenschande“ an den Pranger gestellt.
Dokumentation eines Skandals aus der Marburger Stadtgeschichte: Der Marburger Medizinstudent Jakob Spier (mit Schild) wird im August 1933 über die Weidenhäuser Brücke geleitet und wegen angeblicher „Rassenschande“ an den Pranger gestellt. Quelle: Marburger Stadtarchiv
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Marburg

Der Marburger Uni-Vizepräsident Professor Thomas Nauss fühlte sich in seinem Grußwort zur Uni-Tagung „Skandal!? Stadtgeschichten aus Marburg im 20. Jahrhundert“ spontan an den Song „Skandal im Sperrbezirk“ der Münchener Rock-Combo „Spider Murphy Gang“ aus der Zeit der „Neuen Deutschen Welle“ Anfang der 80er Jahre erinnert. Aus Sicht der Marburger Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD) sind Skandale auch Seismographen für Wertvorstellung in der Gesellschaft. Die Stadt Marburg förderte das Uni-Projekt anlässlich des Stadtjubiläums „Marburg800“, dass 2022 ansteht. Diese Feier solle keine Selbstbespiegelung werden, sondern ausdrücklich auch an „dunkle Phasen der Stadtgeschichte“ erinnern.

In Sachen Skandale hatte nicht nur die bayrische Landeshauptstadt, sondern auch die oberhessische Universitätsstadt Marburg in den zurückliegenden Jahrzehnten einiges zu bieten. Immobilien-Skandal, Veruntreuungsskandal, Frühchen-Skandal oder der Skandal um das Ionenstrahl-Therapiezentrum: Das sind nur einige der Stichworte von Berichten aus der Presse sowie Funk und Fernsehen, die man erhält, wenn man die beiden Wörter „Marburg Skandal“ gemeinsam bei „Google“ eintippt.

Ein stadtpolitischer Bauskandal

Doch die von der Landeshistorikerin Professorin Sabine Mecking (Uni Marburg) organisierte Tagung zur Marburger Stadtgeschichte, die letztes Jahr coronabedingt ausgefallen war, nimmt keinen der medialen Skandale aus der jüngeren Vergangenheit in den Blick. In den Fokus genommen wurden Ereignisse aus dem 20. Jahrhundert rund um Politik, Hochschule und Gesellschaft im Allgemeinen.

Die Bandbreite der Themen reicht vom Marburger Jäger-Bataillon und seiner „militaristischen Nachgeschichte“ bis hin zu der Errichtung der Stadtautobahn, von Maximiliane Jäger-Gogoll ebenso als stadtpolitischer Plan- und Bauskandal bezeichnet wie die Tatsache, dass die Bemühungen für die Eindämmung des verkehrspolitischen „Monstrums“ bisher am Widerstand der übergeordneten Behörden gescheitert seien.

Anhand eines besonderen Beispiels illustrierte Meckings Mitarbeiter Dr. Martin Göllnitz die Herangehensweise der Forscher. Dabei handelte es sich um die Dokumentation eines Ereignisses, bei dem der Marburger Medizinstudent Jakob Spier wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland am 26. August 1933 vom SA-Sturm 4 der nach dem bis 1919 in Marburg stationierten Jäger-Bataillon benannten Standarte „Jäger 11“ wegen angeblicher „Rassenschande“ an den Pranger gestellt wurde.

Das Foto, das von der Aktion entstand, ist auch das Titelbild für die Tagungspublikation. Keineswegs sei die Angelegenheit ein „spontaner Akt des Volkszorns“ gewesen, betonte der Marburger Historiker.

Wegen der Verbindung zu seiner nichtjüdischen Freundin war der jüdische Student dazu gezwungen worden, mit einem Plakat mit der Aufschrift „Ich habe ein Christenmädchen geschändet“ in den Händen über die Weidenhäuser Brücke zu laufen. Begleitet wurde er dabei von einem SA-Spielmannszug und dem SA-Trupp und beobachtet von einer Reihe von Passanten.

Fehlende juristischeAufarbeitung

Das Skandalöse an dem Vorfall habe gleichzeitig auf mehreren Ebenen gelegen, betonte Göllnitz. Einerseits sei es die Pranger-Aktion an sich gewesen, gleichzeitig aber auch der beifällige beziehungsweise gleichgültige Voyeurismus der Zuschauer. Hinzu sei die „völlig ungenierte Schilderung dieses rassistischen Spektakels“ in der Lokalzeitung nur wenige Tage danach sowie die fehlende juristische Aufarbeitung des Vorfalls nach dem Ende der Herrschaft des Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg gekommen.

Die anhaltende Verbundenheit Marburgs mit der Jäger-Truppe über politische Systemgrenzen hinweg trotz ihrer Beteiligung an Kriegsverbrechen oder politischer Gewalt bezeichnet Dr. Klaus-Peter Friedrich in seinem Beitrag als den eigentlichen Skandal in der Debatte um die Marburger Jäger. Die „Morde von Mechterstädt“ vom März 1920 – die Erschießung von 15 Thüringer Arbeitern durch das Marburger Studentenkorps – seien hingegen zumindest von linken Intellektuellen zeitgenössisch als Skandal wahrgenommen worden, meint Dr. Dietrich Heither.

Das Entnazifizierungsverfahren für den Marburger Oberbürgermeister Karl Theodor Bleek ist das Thema von Dr. Albrecht Kirschners Aufsatz. Die darin erfolgte Entlastung Bleeks seien zwar keine ernsthaften Verfahren nach gründlicher Faktenrecherche gewesen. Allerdings tauge das Verfahren und die Weißwäscher-Politik der Spruchkammer jedoch auch nicht.

Hatte die erst Jahre später bekanntgewordene Liebesaffäre in Marburg zwischen dem später durch seine Nähe zum Nationalsozialismus in die Schusslinie geratenen Philosophie-Professor Martin Heidegger und seiner jüdischen Studentin, der kritischen Denkerin Hannah Arendt, das Potenzial zu einem veritablen Skandal? Professor Christoph Nonn kann in seinem Beitrag darin kaum etwas Skandalöses erkennen – eher noch in den Vorverurteilungen und Diskreditierungen.

DDR-Spionage in Marburg, die Anwerbung der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof für die Zeitschrift „Konkret“ nach ihrer Marburger Studienzeit oder wie Marburg zur letzten Ruhestätte für den ehemaligen deutschen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg wurde: Das sind unter anderem weitere Themen des Sammelbands.

Von Manfred Hitzeroth

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