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Marburg „Wir standen mitten in einer Explosion“
Marburg „Wir standen mitten in einer Explosion“
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20:56 28.04.2020
Beim Großbrand im Marburger Squash-Center, bei dem vor 25 Jahren zahlreiche Einsatzkräfte vor Ort waren, wurden zwei Feuerwehrleute schwer verletzt. Quelle: Peter Gimbel
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Marburg

Eine meterhohe Rauchsäule steigt in den Himmel, Flammen schießen aus Dach und Fenstern. Auf Tragen liegen schwer verletzte Feuerwehrmänner, Hände und Haut sind verbrannt. In der Nähe setzen Rettungshubschrauber zur Landung an:

Was anfangs wie ein einfacher Zimmerbrand aussah, ausgelöst durch einen technischen Defekt, entwickelt sich innerhalb weniger Minuten zu einer Tragödie. Die Rede ist vom Brand im Marburger Squash-Center vor 25 Jahren.

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An den Nachmittag des 28. April 1995 kann sich Michael Hagenbring noch ganz genau erinnern. Es war ein Freitag, an dem sein Leben in den Grundfesten erschüttert wurde. Der 20-jährige Fachoberschüler, damals bereits seit drei Jahren Mitglied der Einsatzabteilung der freiwilligen Feuerwehr, fuhr gerade in seinem Auto nach Hause – zusammen mit seiner Großmutter und passierte dabei das Squash-Center unweit der Gisselberger Straße.

„Es gab Hinweise auf Kinder in den Gebäuden“

Bereits zu diesem Zeitpunkt sah er an dem Gebäudekomplex Rauchwolken aufsteigen und ahnte schon, dass er zu einem Einsatz ausrücken musste. Die Alarmierung kam auch sofort, und weil er sich in der Nähe der Feuerwache in Ockershausen befand, gehörte Hagenbring zusammen mit dem erfahrenen Kollegen Karlheinz Schrodt zu einem der ersten beiden Einsatztrupps.

Der zweite Trupp bestand aus dem Feuerwehrmann Lothar Schmidt mit einem weiteren Kollegen. „Wir hatten den Auftrag, nach Menschen zu suchen. Und es gab Hinweise auf Kinder in den Gebäuden“, erinnert sich Michael Hagenbring 25 Jahre später im Gespräch mit der OP. Diese Hinweise hatten sich im Nachhinein allerdings als Fehlinformation entpuppt.

Michael Hagenbring wurde als Feuerwehrmann damals schwer verletzt. Heute ist er Sachbearbeiter in der Marburger Straßenverkehrsbehörde. Foto: Manfred Hitzeroth

Schnell hatten die Feuerwehrleute in dem Gebäude den Brandherd lokalisiert. Im Saunabereich im oberen Gebäudeteil gab es eine starke Flammen- und Rauchentwicklung. Wie später klar wurde, war ein Saunaofen in Brand geraten. Zunächst sah trotzdem alles nach einem Routine-Einsatz aus. Doch in Sekundenschnelle entwickelte sich die Szenerie zu einem flammenden Inferno. „Wir standen mitten in einer Explosion“, sagt Hagenbring.

Wie sich später herausstellte hatten sich in einer Zwischendecke, die die Feuerwehrmänner irrtümlich für eine Decke gehalten hatten, Gase gebildet. Es entwickelten sich für kurze Zeit Temperaturen zwischen 1.200 und 1.300 Grad Celsius.

Mit dem Leben abgeschlossen

„Die Flammen fielen von oben auf uns herunter“, erzählt Michael Hagenbring. Lothar Schmidt und er waren die beiden Einsatzkräfte, die überrascht wurden und schwerste Verletzungen davontrugen. Die Feuerwalze raste über sie hinweg. Zwei andere Kameraden konnten sich noch rechtzeitig bücken und erlitten nur leichte Rauchgasvergiftungen.

In diesem Moment hatte Hagenbring mit seinem Leben abgeschlossen. „Rausgehen war für mich nicht mehr möglich“, sagt er. Nur seinem mit im Raum befindlichen Feuerwehrkameraden Karlheinz Schrodt hat er es im Nachhinein zu verdanken, dass er überlebte.

Dieser brachte ihn zum Fenster und setzte ihn in einen Korb auf einer Feuerwehr-Drehleiter, wo er dann so sitzend nach unten transportiert wurde. Nur noch bis zur Sedierung durch den Notarzt reicht die Erinnerung von Hagenbring. Danach setzt sie erst vier Wochen später ein.

Funkkontakt war abgerissen

Während es vor dem Squash-Center zu dramatischen Szenen kam, ging es auch auf der Rückseite des Gebäudes um Leben und Tod. Feuerwehrmann Holger Berdux konnte sich während der Explosion in einen kleinen Raum im Obergeschoss retten. Der Kopierraum hatte jedoch ein vergittertes Fenster. Der Funkkontakt zu seinen Kameraden war abgerissen.

„Ich hatte pures Glück, dass in der Nähe Dachdecker arbeiteten, die zu Hilfe geeilt sind“, erinnert sich Berdux. Dachdeckerseile wurden um die Gitterstäbe und an einen Drehleiterwagen befestigt. Als das Fahrzeug Vollgas gab, wurden die Stäbe aus ihrer Verankerung gerissen. Berdux rettete sich mit einem Sprung aufs Vordach.

Katastrophe ins Gedächtnis eingebrannt

Kurz darauf schoss eine Stichflamme aus dem Fenster. Fünf Minuten später war der Raum komplett ausgebrannt. Wäre Berdux im Raum geblieben, wäre er bei lebendigem Leib verbrannt. Wie durch ein Wunder bleibt Berdux jedoch unverletzt.

Für Lars Schäfer, vor 25 Jahren frischgebackener Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte und heute Kreisbrandinspektor, ist der Squash-Center-Brand bis heute im Gedächtnis eingebrannt. Zusammen mit dem erfahrenen Feuerwehr-Chef Karlheinz Merle bildete der damals 31-jährige Schäfer die Einsatzleitung.

Schmidt taumelte aus dem Gebäude

„Es gab einen lauten Schlag und wir sahen einen riesigen Feuerball“, beschreibt Schäfer im Gespräch mit der OP den Augenblick, als es zur Gasexplosion und der Feuerwalze kam, in der Fachsprache „Flash-over“ genannt. Den Einsatzkräften war sofort klar, dass es für die Feuerwehrmänner am Ort des Geschehens eine extrem lebensbedrohliche Situation wurde.

Lothar Schmidt schaffte es sogar noch, unter Schock stehend irgendwie selber aus dem Gebäude zu gehen, bevor er auf der Trage zusammenbrach. OP-Fotograf Uwe Brock hielt den wie in Trance vor dem Gebäude stehenden Feuerwehrmann im Zeitungsfoto fest.

Das Feuer kam von hinten

40 Prozent Hautverbrennungen und Teilamputationen von Fingern bei Lothar Schmidt und mehr als 60 Prozent Hautverbrennungen bei Hagenbring: Hinter diesen Zahlen verbergen sich monatelange Behandlungen in Spezialkliniken und Rehabilitations-Einrichtungen und unzählige Operationen.

Besonders betroffen waren Hagenbrings Arme, sein Rücken und seine Hände. Dabei hatten die beiden schwerverletzten Feuerwehrmänner zumindest das Glück im Unglück, dass die Feuerwalze sie von hinten erwischte und die Atemschutzgeräte ihren Gesichtern einen gewissen Schutz geboten hatten.

OB gab beiden eine Jobgarantie

„Man braucht Menschen, die einen antreiben. So hatte ich beispielsweise einen Physiotherapeuten, der mir nichts hat durchgehen lassen“, berichtet Hagenbring über seinen schweren Weg zurück ins Leben. Dabei half ihm neben seiner Familie die Unterstützung des damaligen Oberbürgermeisters Dietrich Möller, der ihm wie Schmidt eine Jobgarantie bei der Stadtverwaltung Marburg gab.

Die Kosten für seine medizinische und berufliche Rehabilitation übernahm die Unfallkasse Hessen. Und so wurde Hagenbring nicht technischer Zeichner, sondern ist in seinem „neuen Leben“ Sachbearbeiter in der Marburger Straßenverkehrsbehörde.

Seine Kameraden gaben ihm Halt

Trotz der traumatischen und für ihn lebensbedrohlichen Erfahrungen hörte Michael Hagenbring auch nach der Brandkatastrophe ebenso wie Schmidt nicht auf, Feuerwehrmann zu sein. Als es ihm gesundheitlich wieder möglich war, wechselte er in die Einsatz-Dokumentation und fuhr jahrelang bei zahlreichen Einsätzen auf dem Leitwagen mit. „Ich hatte keine andere Wahl. Die haben mich nicht rausgelassen. Die Kameraden haben mir viel Halt gegeben“, sagt Hagenbring.

Schutzanzüge

Die beiden Feuerwehrmänner Lothar Schmidt und Michael Hagenbring erlitten beim Marburger Squash-Center-Brand am 28. April 1995 schwerste Brandverletzungen: Ihre Schutzanzüge hielten dem Feuer nicht stand. Unter den Eindrücken der Brandkatastrophe wurde in der Feuerwehr der Ruf nach besserer Schutzkleidung laut. Politik, Feuerwehrverband und Kommunen zogen mit und beschleunigten die Einführung neuer Schutzanzüge.

Die Marburger Feuerwehr wurde als eine der ersten Feuerwehren in Hessen mit einer neuen Schutzausrüstung ausgestattet. Feuerwehren in ganz Deutschland sowie in Teilen Europas folgten später diesem Beispiel. Dass Hagenbring und Schmidt trotz Schutzanzügen so schwer verletzt werden, sorgt in den Tagen nach dem Unfall auch innerhalb der Feuerwehr sowie in der gesamten Bevölkerung für großes Entsetzen.

Einige Feuerwehrleute quittierten ihren Dienst. Manche Einsatzkräfte wurden von ihren Familien aufgefordert, die Feuerwehr zu verlassen. „Man hinterfragt hinterher jede Entscheidung“, macht Lars Schäfer deutlich. „Aber es gab damals keine adäquate Schutzkleidung und das Ganze dauerte nur Sekunden. Die hatten keine Chance“. Und Michael Hagenbring bestätigt dies und sagt: „Ich hege nicht in irgendeiner Form einen Groll gegen die Einsatzleitung.“

Die bestehende Schutzkleidung bestand damals entweder aus Schurwolle, wie in Schmidts Fall, oder aus schwer entflammbarer Baumwolle, wie Hagenbring sie trug. Für eine verbesserte Schutzkleidung setzte sich der damalige Feuwehrchef Karlheinz Merle tatkräftig ein. Merle war sogar mit ihrer Entwicklung vom Landesfeuerwehrverband betraut worden.

Das Tragische: Zum Zeitpunkt des Unfalls hingen bereits zwei Prototypen der neuen Einsatzkleidung in seinem Büro. Doch die Anzüge galten noch nicht als genormt.

Von Manfred Hitzeroth

28.04.2020
28.04.2020
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