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Marburg Schon als Kind liebte er gute Frisuren
Marburg Schon als Kind liebte er gute Frisuren
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09:55 24.11.2021
Friseurmeister Rudolf Fichtner will auch mit 80 Jahren noch nicht von Kamm und Schere lassen: Er arbeitet immer noch an zwei Tagen in der Woche halbtags im Salon seiner Tochter.
Friseurmeister Rudolf Fichtner will auch mit 80 Jahren noch nicht von Kamm und Schere lassen: Er arbeitet immer noch an zwei Tagen in der Woche halbtags im Salon seiner Tochter. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

66 Berufsjahre hat der Friseurmeister Rudolf Fichtner mittlerweile mit viel Freude am Beruf absolviert – und es sind nicht seine letzten. Denn der Vollblut-Friseur, der am morgigen Mittwoch 80 Jahre alt wird, steht immer noch mit Leidenschaft am Stuhl, „zweimal die Woche halbtags im Salon meiner Tochter“, sagt Fichtner im Gespräch mit der OP. Und wenn Bedarf ist, dann auch mal länger. „Die Kunden, die ich bediene, sind allesamt Stammkunden von mir“, sagt Fichtner. Den Salon in der Brüder-Grimm-Straße hat Rudolf Fichtner aufgebaut und im Jahr 2010 an seine Tochter übergeben.

Im Juni 1967 legte Fichtner seine Meisterprüfung ab, feierte vor vier Jahren sein goldenes Meister-Jubiläum (die OP berichtete). Und auch im Vorstand der Friseur-Innung hat sich der Friseur lange engagiert – zwölf Jahre lang war er als Lehrlingswart tätig, ebenso, wie er zwölf Jahre lang Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses war. Und: Rudolf Fichtner ist auch das „Gedächtnis der Friseur-Innung“, denn seit 1957 pflegt er die Chronik der Innung bis heute absolut akribisch, wovon zahlreiche Ordner und Alben zeugen.

Die Liebe zu seinem Beruf

Doch diese Zahlen drücken bei weitem nicht aus, was Rudolf Fichtner antreibt: Die Liebe zu seinem Beruf.

Wie wurde die geweckt? „Mir war ein guter Haarschnitt schon als Kind wichtig“, erinnert er sich zurück. Im Alter von fünf Jahren kam er mit seiner Familie in Bauerbach an – vertrieben aus dem Sudetenland. Und schon wenige Jahre später erwachte sein Interesse an einer guten Frisur. Und zwar so sehr, dass er dafür weite Wege auf sich nahm. „In Bauerbach gab es einen Dachdecker, der den Jungs für 50 Pfennige die Haare schnitt“, sagt Fichtner. Doch er, er wollte lieber einen „Fassonschnitt haben, den gab es so, wie ich ihn wollte, bei einem Friseur in der Marburger Bahnhofstraße“. Also machte sich Fichtner Junior auf den Fußweg nach Marburg, er hatte einen Plan: Zunächst am Bahnhof seinen Haarschnitt bekommen – und sich dann noch bei einem Bäcker in Weidenhausen eine Puddingbrezel kaufen, für die er sehr schwärmte.

„Ich hatte eine Mark zehn – und genau so teuer war auch der Haarschnitt“, erinnert sich Fichtner. Hieß: Aus der Puddingbrezel wurde nichts. „Auf dem Heimweg über den Ortenberg kam ich an der Quelle bei Violas Ruh vorbei. Dort habe ich Wasser getrunken – dabei habe ich an das Puddingstückchen gedacht, das Wasser schmeckte wie die Puddingbrezel – so glücklich war ich über meinen Haarschnitt.“

Wie geht es weiter?

Wie lange will Fichtner denn noch am Stuhl stehen? „So lange, wie ich gesund bleibe und es Spaß macht. Denn ich liebe meinen Beruf.“

Für Fichtner steht fest: „Die Arbeit ist ein Segen, der wie ein Fluch aussieht. Doch gibt es nur drei Methoden, um leben zu können: Betteln, stehlen – oder etwas leisten.“ Erfolg habe drei Buchstaben, nämlich „tun“. Fichtner sagt: „Wer jeden Abend sagen kann, ich habe gelebt, dem bringt jeder Morgen einen neuen Gewinn.“

Natürlich dauere es etwas länger, einen steinigen Weg zu gehen. „Doch ist es der bessere Weg, wenn es der gerade Weg ist“, steht für Fichtner fest. Ein Leben ohne seinen Friseurberuf kann sich Rudolf Fichtner nicht vorstellen: „Es gilt, sein Leben lang zu arbeiten, zu kämpfen und jeden Tag neu zu beginnen“, ist seine Überzeugung. Aus armen Verhältnissen habe er – nur mit Schere und Kamm – vor 66 Jahren angefangen. Dabei hat ihn ein Motto begleitet: Mach anderen Freude, und du wirst erfahren, dass Freude freut.“

Von Andreas Schmidt

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