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Marburg Startschuss auch ohne Klimagutachten
Marburg Startschuss auch ohne Klimagutachten
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10:58 17.11.2019
Auf dem ehemaligen Gelände der Gärtnerei Philipps am Oberen Rotenberg könnten ein Lebensmittelmarkt und ein kleines Wohngebiet entstehen.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan des „Wohngebiets Oberer Rotenberg mit Nahversorger“ gilt als Startschuss für eine mögliche konkrete Planung, sagte Stadtplaner Reinhold Kulle im Bauausschuss. „Wir sind jetzt am Beginn des Planungsprozesses“, sagte er. Dieser sei unter anderem mit der Erstellung eines Umweltberichts und den Gutachten zu in dem Gebiet vorkommenden Vögeln und Tieren einem Beteiligungsprozess verbunden.

Die Planungshoheit solle in diesem Wohngebiet ausdrücklich bei der Stadt Marburg und nicht bei einem Investor liegen. Für Dietmar Göttling (Grüne) reichten die Bekenntnisse­ nicht aus. Er verwies auf den Parlamentsbeschluss, dass jede­ politische Entscheidung erst auf ihre Klimawirkung hin überprüft werden müsste. Deswegen beantragte Göttling, die Abstimmung über den Aufstellungsbeschluss so lange zu vertagen, bis ein klimaökologisches Gutachten für das Gebiet vorliege.

Das fordert auch die Bürgerinitiative Marbacher Nachbarn. „Eine mögliche Gefährdung des Stadtklimas hat vor allen anderen Belangen Vorrang, so hat es Marburg selbst festgelegt. Dieses Prinzip wird hier eklatant verletzt“, heißt es in einem Brief der BI an die Stadtverordnetenvorsteherin. Denn oberste Priorität habe für den Magistrat nun offenbar nicht Klima- und Naturschutz, sondern die Errichtung von Wohnungen und Gewerbegebieten.

Gefährdung der Frischluftzufuhr

Eine Klimaanalyse vor der Fortsetzung der Wohngebiets- und Tegut-Planungen sei aber „unabdingbar“, sagt Dr. Nadia Otero mit Verweis auf 800 Unterzeichner einer Petition. CO2-Reduktion habe in Zeiten des Klimawandels Vorrang vor „Bauen um jeden Preis“, sagt Otero mit Verweis auf Flächenversiegelung und zunehmendem Kunden- und Lieferverkehr.

Würden vor dem Klimagutachten – das der Magistrat für die ganze Stadt plant – Fakten geschaffen, gehe damit eine „Gefährdung der Frischluftzufuhr“ auch für Marburgs Tallagen einher. Und der Klimanotstand entpuppe sich dann als „eine PR-Kampagne“.

„Klimaschutz ist ganz wichtig, Aber über das Baugebiet wird erst bei einem Satzungsbeschluss abgestimmt“, entgegnet Kulle. Im Übrigen sei bereits bei einer Vorprüfung festgestellt worden, dass das Gebiet als Siedlungsfläche geeignet sei.

Aus einem anderen Grund lehnt die FDP den Aufstellungsbeschluss ab, wie Christoph Ditschler erläuterte. „Man hat offenbar die kleine Wohngebiets-Lösung aus dem Ärmel geschüttelt“, kritisierte der FDP-Parteichef. Dabei sei zuvor unter Beteiligung der Bürger nur über die Alternativen zwischen zwei viel größeren Wohngebieten am Oberen Rotenberg oder am Hasenkopf debattiert worden.

„Jetzt ist der Punkt gekommen, an dem man sich bekennen muss“, sagte Sonja Sell (SPD). Wenn 
herauskomme, dass das Projekt aus Klimagründen unverträglich sei, dann könne es immer noch gestoppt werden, betonte sie. Zudem gebe es in der Universitätsstadt ein großes Bedürfnis an gefördertem Wohnraum, sagte Tanja Bauder-Wöhr (Linke).

Baudezernent Wieland Stötzel (CDU) erinnerte unterdessen an den Diskussionsverlauf, daran, dass die Debatte um den Bau eines Tegut-Marktes und eine mögliche Wohnbebauung am Oberen Rotenberg mehrere Jahre gedauert habe. Der noch von seinem Amtsvorgänger vorgelegte Beschluss für den Supermarkt-Bau sei zurückgestellt worden, wegen der Frage, ob ein Baugebiet am Oberen Rotenberg oder am Hasenkopf zuerst realisiert werden soll.

Im November 2018 habe das Stadtparlament dann den Grundsatzbeschluss pro Hasenkopf-Bebauung gefasst. Gleichzeitig sei mit diesem Beschluss der städtische Plan für die Errichtung ­eines Lebensmittelmarktes und eines kleinen Wohngebietes mit 30 bis 40 Wohneinheiten im ­geförderten Wohnungsbau und als gemeinschaftliches Wohnen auf stadteigenen Flächen oder Flächen von städtischen Gesellschaften verbunden gewesen.

von Björn Wisker
 und Manfred Hitzeroth