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Marburg Rolli-Fahrer und der Corona-Alltag in Marburg
Marburg Rolli-Fahrer und der Corona-Alltag in Marburg
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20:59 07.04.2020
Thomas Wiederhold mit seinem Assistenzhund. Quelle: privat
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Wehrda

In Zeiten von Corona wird oft Hilfe angeboten. Sie anzunehmen ist das andere. Im OP-Gespräch erzählt Thomas Wiederhold, wieso er die Hilfe benötigt.

„Das erste Problem habe ich schon, wenn ich auch nur Kleinigkeiten im Geschäft einkaufen will“, sagt er. Denn die aktuelle Corona-Bekämpfung sehe vor, dass jeder Kunde einen Einkaufswagen nehmen müsse.

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Oft nach minutenlangem Warten vor den Eingangstüren. Für den 49-Jährigen ist das allerdings nicht möglich; er sitzt im Rollstuhl, führt einen Assistenzhund und kann die Auflage nicht erfüllen.

Will meine Wege selber machen

Deshalb sei ihm der Zutritt zu Geschäften schon verwehrt worden – Entschuldigung, Hygiene und Virenschutz, verstehen Sie das bitte. „Das Warten in der Kälte vor und die ganzen Einschränkungen in den Läden schaffen zusätzliche Barrieren und sind für Menschen wie mich nicht förderlich.“

Und so habe er sich entschlossen, allem Mobilitätsdrang und aller Selbstbestimmung zum Trotz, in einer der Facebook-Gruppen – in jener, die von der Stadtallendorferin Nicole Lange gegründet wurde und mittlerweile 300 Mitglieder hat – um genau jene Hilfe zu bitten, die dort angeboten wird.

Bisher nur, um den Einkauf abgenommen zu bekommen. Denn was Wiederhold eigentlich nicht will, eben weil „ich noch in der Lage bin und bleiben will, mich den Möglichkeiten entsprechend zu bewegen, meine Wege zu gehen“, ist Hilfe beim Gassigehen für seinen Hund zu brauchen.

Schlimm, auch für den Kopf

Ohnehin bewegen Wiederhold und seinen Bekanntenkreis anderer körperlich behinderter Marburger in diesen Tagen genau diese Fragen: Wie viel Selbstbestimmung bleibt uns noch, wird uns noch gestattet? „Die Angst, faktisch eingesperrt zu werden, ist groß“, sagt der Wehrdaer im Hinblick auf Ausgangssperre und Quarantäne.

„Es gibt ja schon im Normalzustand viele Barrieren, wenn man körperlich nicht mehr so gut kann, aber die aktuellen Befürchtungen sind auch schlimm für den Kopf.“ Nicht zuletzt bei der Medikamenten-Versorgung. Denn während Wiederhold sich vor mehr als zwei Wochen bereits mit von ihm benötigten Arzneien eingedeckt hat, gebe es im Bekanntenkreis einige, die etwa bei Blutdruck-Tabletten entweder Mondpreise zahlen müssten oder ganz leer ausgehen.

Nicht davor scheuen, um Hilfe zu bitten

Desinfektionsmittel, Schutzmasken und Co.: „Jeder redet von dem, was in Krankenhäusern und Pflegeheimen benötigt wird. Aber was ist mit Menschen, die trotz Behinderungen in eigenen Haushalten leben? Die werden vergessen.“

Froh ist er über seinen Pflegedienst. Zwar würde dieser sich an die geltenden Corona-Sicherheitsvorkehrungen halten, aber er würde „nicht plötzlich eine Distanz aufkommen lassen, die es vorher so nicht gab“. Das tue gut, denn menschliche Nähe sei ihm in seiner Situation sehr wichtig. Vielleicht, weil er so lange schon auf Hilfe angewiesen sei, scheue er sich auch und gerade jetzt nicht vor Hilfegesuchen auch bei Fremden. Aber grundsätzlich müsse sich niemand – egal ob Jung oder Alt – vor so einem Schritt scheuen.

Von Björn Wisker

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