Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Rock ’n’ Roll im Blut, Meilen auf’m Tacho
Marburg Rock ’n’ Roll im Blut, Meilen auf’m Tacho
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 03.03.2019
Immer Vollgas – selbst im  Proberaum. Die Rhythm Torpedoes haben vergangenes Jahr 70 Konzerte gespielt.  Drei Wochen tourten sie in den USA.  Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Durch die dicke Stahltür geht’s direkt in die Vergangenheit: Zurück in die 50er- Jahre. Die schwarzen Haare mit Pomade zurückgegelt, die langen Ende des Schnurrbartes nach außen gezwirbelt, so steht Arne Runzheimer am silbernen Mikrofon, das aussieht, als habe Elvis höchstpersönlich sein „Hound Dog“ hineingeschmettert. Die Unterarme tätowiert, bearbeitet er das Waschbrett, als gebe es kein Morgen mehr. Er stampft zum dumpfen Beat des mannshohen Basses, den Jeremiah „Johnsen“ Nickel zupft. Ein Rhythmus wie eine Dampflok aus einer fast vergessenen Ära. Der Probenkeller vibriert, selbst der Kopf des ausgestopften Wildschweines an der Wand scheint im Takt zu wackeln: Ein ganz normaler Probenabend der Rhythm Torpedoes.

„Ach Kerle, wartet ma kurz“, sagt Arne und hustet. Der 35-Jährige ist heiser. „Die scheiß Männergrippe hat mich ganz schön erwischt“, sagt er grinsend und steckt sich eine Kippe in den Mundwinkel. Harte Männer brauchen Nikotin zum Gesundwerden, wie es scheint.

Anzeige

Spaß beiseite. Es ist kein Wunder, dass Arne angeschlagen ist. Seit drei Jahren gibt der Frontmann der Rhythm Torpedoes Vollgas. 70 Konzerte hat er mit seinen drei Bandkollegen vergangenes Jahr gespielt. Fast jedes Wochenende auf Tour. Abertausende Kilometer sind die vier Jungs im Auftrag des Rock ’n’ Roll durch die ­Weltgeschichte gefahren. An einem Wochenende waren es allein 1 700 Kilometer für einen Auftritt in Südfrankreich. „Das war echt hart. Da haben wir glaub’ ich gar nicht geschlafen“, erinnert sich Gitarrist Daniel Heberling lachend.

Der 32-Jährige könnte mit seinem Schnauzer, dem braunen Hemd, der grauen Stoffhose und den schwarz-weißen Lederschuhen sofort die ­nächste Hauptrolle in einem Gangsterfilm der 50er-Jahre übernehmen. Muss er aber nicht. Er hat einen Job – und den übt er auch in seinem Rockabilly-Life­style-treuen Kleidungsstil aus: Daniel Heberling ist Sozialarbeiter. Alle Bandmitglieder der Rhythm Torpedoes haben natürlich „normale“ Jobs.

Denn auch wenn man Erfolg hat, von der kleinen Randgruppen-Musiksparte Rockabilly kann man nicht leben. Deshalb studiert der 22-jährige Gladenbacher Schlagzeuger Mathis Pfeifer Sozialpädagogik, Slapbass-Spieler Jeremiah „Johnsen“ Nickel ist Landschaftsgärtner und Frontmann Arne Runzheimer ist selbstständig, betreibt eine Firma für Baumpflege. Knochenjob. Tagsüber klettert er auf hohe Bäume, nachts erklimmt er die Bühnen der europäischen Rockabilly-Szene. „Joa, drei Jahre lang sieben Tage die Woche durchheizen, das merk’ ich gerade ein bisschen“, sagt er und wischt sich augenzwinkernd die verschnupfte Nase.

Mit dem musikalischen Erfolg hätte er eben nie gerechnet. „Dass unsere kleine Garagenscheißband so durchstartet, war krass“, lacht der 35-Jährige, der in Weidenhausen einige Jahre das „Salt ’n’ Pepper“ – einen Rockabilly-Laden – betrieben hat. Aus einer ­Schnapslaune ­heraus kam es 2011 bei der Weihnachtsfeier zur Gründung der Band. Die Gründungsmitglieder Jörg Hoffmann und Tim Heuser sind mittlerweile nicht mehr dabei. „Anfangs haben wir ein paar Coversongs geträllert“, so Arne. Hauptsächlich Johnny Cash interpretierte die Originalbesetzung der Rhythm Torpedoes. Eigentlich logisch, denn Arnes Stimme ist dem rauchigen Bassbariton des Country-Urgesteins Cash gar nicht mal so unähnlich.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Social Media sei Dank. Das Video eines Auftritts der Marburger Jungs ­kursierte auf Facebook – und gelangte ­irgendwie zum Label-Chef von „Boom-Chicka-Boom“ Records in Hamburg. Der nahm die Torpedoes sofort unter Vertrag und produzierte das erste Album.

"Wild Records" nimmt Band unter Vertrag

Nachdem diese Verbindung auseinanderging, ­passierte das Unglaubliche. „Wir ­haben uns einfach mal in Hollywood beworben“, erinnert sich ­Arne grinsend. Und siehe da, es klappte. Die leidenschaftlichen Rock ’n’ Roller vom Dorf wurden von „Wild Records“ unter Vertrag genommen. „Als erste Band aus Deutschland, das find’ ich heute noch total geil“, sagt Arne stolz und blickt sich im mit Fotos und ­Zeitungsberichten ­tapezierten Probenraum um, der sich im Gießener Ortsteil Geilshausen befindet.

Arne hat sich „WILD“ auf seine Finger tätowieren lassen. Mit dem amerikanischen Label kam der Durchbruch in der Szene. Höhepunkt: Eine dreiwöchige Tour durch die USA. Kalifornien, Nevada, Arizona. Wenn die vier Musiker davon erzählen, strahlen sie übers ganze Gesicht. Denn sie traten beim größten Rockabilly-Treffen der Welt in Las Vegas auf. „Das war der Hammer“, sind sich die Torpedoes einig. Gerade haben sie ihr drittes Album aufgenommen und im April werden sie wieder beim Wüsten-Spektakel „Viva Las Vegas“ Musik machen.

Gitarrist will in Vegas heiraten

Und Daniel Heberling wird dann sogar heiraten. „Ich habe immer gesagt, ich werde nur heiraten, wenn ich in Las Vegas heirate“, erzählt der Gitarrist schmunzelnd. „Und jetzt hat es halt einfach gepasst.“ Es soll im kleinen Kreis passieren mit der Band in der Wüste. Mit Kakteen, alten Autos und natürlich in stilechter Hochzeits­klamotte aus den 50er-Jahren. Für Daniel ist Rockabilly nicht nur Musik, sondern eine Lebenseinstellung. In der Wohnung von ihm und seiner Zukünftigen Alice stammt alles aus den 50ern. Bis auf das Wasserbett und einen Ikea-Schrank.

Vor der USA-Reise gibt es aber ein heimisches Highlight: Am 9. März treten die Rhythm Torpedoes bei der „Wild Invasion“ in der Waggonhalle in Marburg auf. Zwei andere Bands und ein DJ sind auch dabei. „Ein Hammer-Line-Up mit dreckigem Rock ’n’ Roll“, verspricht Arne und hofft auf viel Publikum.

von Nadine Weigel