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Marburg Rhön-Konzern kann Gewinn nahezu versiebenfachen
Marburg Rhön-Konzern kann Gewinn nahezu versiebenfachen
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22:27 11.11.2021
Der Rhön-Konzern, zu dem auch das UKGM gehört, konnte seinen Gewinn in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr knapp versiebenfachen.
Der Rhön-Konzern, zu dem auch das UKGM gehört, konnte seinen Gewinn in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr knapp versiebenfachen. Quelle: Thorsten Richter
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Der Konzern der Rhön-Klinikum AG, zu dem auch das UKGM gehört, hat nach Angaben von Donnerstag in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres einen Umsatz in Höhe von gut 1,03 Milliarden Euro erzielt – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit knapp 1,019 Milliarden Euro entspricht das einem Plus von 1,2 Prozent.

Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) lag demnach mit 71,1 Millionen Euro um 10,3 Millionen Euro über dem Vorjahresniveau – was einem Zuwachs von 14,9 Prozent entspricht. Unter dem Strich hat der Konzern sein Ergebnis nahezu versiebenfacht – es stieg von 2,3 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf nun 15,5 Millionen Euro – ein Plus von gut 573 Prozent. In den ersten neun Monaten seien in den Kliniken des Konzerns mit 632 883 Patienten 4,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum behandelt worden.

Dr. Christian Höftberger, Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, sagt: „Wir erleben derzeit eine exponentielle Steigerung der Infektionen, die zusammen mit den saisonalen Erkrankungen zu einer Verschärfung der Lage in den Krankenhäusern führt.“ Man habe umfangreiche Erfahrungen und hoffe auf „gut beherrschbare Krankheitsverläufe aufgrund der Corona-Impfungen“. Jedoch seien die Mitarbeiter zunehmend erschöpft. Höftberger sehe drei wichtige Handlungsfelder: Stärkung von Pflege und Medizin, die Konzentration der Kliniken auf ihre Kerntätigkeiten und die Bündelung von Spezial-Know-how – dabei profitiere man von der Zusammenarbeit mit Asklepios, also dem Mutterkonzern.

Reformbedarf in der Gesundheitspolitik

In der Gesundheitspolitik sehe man Reformbedarf und begrüße den Wunsch der künftigen Ampelkoalition, Vorsorge und Prävention zum Leitprinzip der Gesundheitspolitik zu machen. Zudem wünsche man sich ein radikales Aufweichen von Sektorengrenzen, insbesondere zwischen der ambulanten und stationären Versorgung.

Höftnerger vermisse „Lösungsansätze zur Beseitigung des erheblichen Investitionsstaus“, zudem brauche es „zwingend deutlich mehr Investitionen in die bauliche Infrastruktur und Medizintechnik.“ Aufgrund der aktuellen Zahlen hat der Konzern sein erwartetes EBITDA um gut 20 Prozent nach oben angepasst – auf zwischen 92 Millionen und 102 Millionen Euro.

Genügend Geld für bessere Bedingungen

Was bedeutet dieser Gewinnsprung im Licht der Proteste rund um die Arbeitsbedingungen und den Mangel an Pflegekräften am UKGM in Marburg? Dazu sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm: „Dieser Gewinn wurde von den Beschäftigten unter schwersten Bedingungen, die sich aktuell erneut verschärfen, erwirtschaftet. Aber sie werden nicht daran beteiligt – mit Arbeitsbedingungen, die sie verdient haben.“ Für ihn steht fest, dass genügend Geld da ist, „um bessere Bedingungen zu schaffen – es fehlt am Willen beziehungsweise am Zwang durch den Gesetzgeber“. Zum Beispiel, indem man „endlich vernünftige Personalstandards einführt oder der Konzern einlenkt“, das könne am Geld nicht scheitern. „Gerade kamen erst die Rekord-Steuereinnahmen der Stadt Marburg. Heute kommt die Gewinnsteigerung des Rhön-Konzerns – da fragt man sich natürlich, warum das Klinikum einerseits nicht wieder der Öffentlichen Hand gehört und andererseits, warum man jeden Tag die Berichte über Überlastung lesen muss.“

Dzewas-Rehm möchte nicht ausschließen, dass der Gewinnsprung „viel mit Einmaleffekten durch Corona und die damit verbundenen Freihalteprämien“ zu tun habe, „das war offensichtlich lukrativ für Rhön“. Zudem gehe er auch davon aus, dass es bereits eine starke Konzern-Integration mit der neuen Mutter Asklepios gebe, „man muss kein Experte sein, um zu sehen, dass bestimmte Dinge schon aus einer Hand gesteuert werden, obwohl es nominell zwei Konzerne sind“.

Rückkauf ist Thema im Landtag

Die Linksfraktion im hessischen Landtag hat gefordert, die Privatisierung des UKGM rückgängig zu machen. Der Schritt sei ein schwerer Fehler gewesen, sagte der Fraktionsvorsitzende Jan Schalauske. „Dieser ging und geht zu Lasten der Beschäftigten, der Patientinnen und Patienten sowie von Forschung und Lehre.“ Schalauske sagte, dass in einer Petition inzwischen mehr als 18 200 Menschen eine Rückabwicklung der gescheiterten Privatisierung durch das Land forderten. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Daniela Sommer, kritisierte, die Landesregierung lasse die Beschäftigten und damit auch die Patientinnen und Patienten im Stich und nehme Proteste nicht ernst.

Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) sagte, die Privatisierung sei aus ihrer Sicht eine Fehlentscheidung gewesen, mit der man umgehen müsse. Sie wolle nun das Bestmögliche erreichen für die Patientinnen und Patienten, für die Beschäftigten, im Sinne von Forschung und Lehre, sagte die Ministerin. Man müsse aber genau hinschauen: Was sind die Ursachen für die Probleme? Diese müssten nicht nur mit der Privatisierung zu tun haben. dpa/lhe

Von Andreas Schmidt

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