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Marburg „Beispielloses Desaster“
Marburg „Beispielloses Desaster“
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21:03 28.06.2022
Die Fahrt mit einem ICE vom Bahnhof Marburg bis Frankfurt mit dem RMV-Ticket bleibt trotz Zugausfällen wegen des Baustellenplans weiterhin verwehrt.
Die Fahrt mit einem ICE vom Bahnhof Marburg bis Frankfurt mit dem RMV-Ticket bleibt trotz Zugausfällen wegen des Baustellenplans weiterhin verwehrt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Einstimmig sprachen sich die Stadtverordneten am Freitag (24. Juni) für einen Dringlichkeitsantrag aus, der den Magistrat beauftragt, möglichst gemeinsam mit Vertretern der Stadt Gießen und der beiden Landkreise „beim RMV vorstellig zu werden und nachdrücklich auf eine umgehende Verbesserung der aktuellen Situation auf der Main-Weser-Bahn hinzuwirken“. Ferner soll der RMV zugleich aufgefordert werden, dafür Sorge zu tragen, in der Zeit der angekündigten Sperrung ab Juli einen stabilen Fahrplan mit regelmäßigen Verbindungen zu garantieren.

Auslöser des Antrags sind die Verspätungen und Zugausfälle, die durch Bauarbeiten an der S-Bahn-Strecke der Linie 6 bei Bad Vilbel entstehen (OP berichtete), die vom 9. Juli bis zum 4. September wahrscheinlich noch gravierender werden, da dann statt einem beide Gleise der Strecke gesperrt sein werden. Die von der DB Netz und dem RMV abgestimmten Baustellenfahrpläne bezeichnet der Fahrgastverband Pro Bahn als „beispielloses Desaster“, als „ein Werk des Nichtskönnens“ auf Kosten der Nutzer.

Kein IC mit 9-Euro-Ticket

Am 22. Juni gab der RMV bekannt, dass das Nutzen der IC- und ICE-Züge zwischen Friedberg und Frankfurt mit RMV-Jahreskarte bis zum 4. September möglich ist. Dazu zählen die klassische RMV-Jahreskarte, das Seniorenticket, das Schülerticket und das LandesTicket Hessen sowie RMV-JobTicket, nicht aber das 9-Euro-Ticket.

Zudem bietet der RMV als Alternativezu den regulären und den Schienenersatzverkehr-Bussen 60 nextbike Fahrräder, vom 9. Juli bis 4. September 100 Räder, an den sieben Verleihstandorten des inaktiven Teils der S-Bahnlinie 6 an. Bei jeder Fahrt sind 180 Freiminuten inbegriffen.

Auch die Vereinbarung des RMV mit der DB Fernverkehr stellt den Pro-Bahn-Landesverband nicht zufrieden, weil das Nutzen von acht ICEs je Fahrtrichtung mit allen Zeitkarten des RMV nur für den Streckenteil von Friedberg bis Frankfurt gilt. Mittelhessen, also die Region Gießen, Marburg und Wetzlar, werde abgehängt. Für das eigentliche Kerngebiet, in dem 70 Prozent der rund eine Million Einwohner Mittelhessens leben, gebe es so keine Nachbesserung. Wenn der RMV die alle zwei Stunden achtmal am Tag verkehrenden ICEs als Notnagel sieht, dann müssten die Nahverkehrstickets auch für das Zusteigen in Marburg und Gießen gelten dürfen. Dies gelte auch für das Neun-Euro-Ticket.

Auf Anfrage der OP erklärt Maximilian Meyer für den RMV, dass sich der Verkehrsverbund „intensiv für möglichst viele durchgehende Fahrten aus Mittelhessen nach Frankfurt“ sowie ein hohes Platzangebot eingesetzt habe. Der stellvertretende Pressesprecher gibt als eines der Ergebnisse an, dass die Doppelstockzüge der Regional-Express-Linie RE30 nun mit sieben statt sechs Wagen, also mit rund 100 zusätzlichen Sitzplätzen verkehren. Zudem investiere der RMV eine hohe Summe, um die Nutzung der ICEs zu ermöglichen.

Gegen den Wunsch, die ICE-Freigabe auszuweiten, spreche:

  • Die ICE-Züge können nur eine gewisse Anzahl zusätzlicher Fahrgäste aufnehmen.
  • Von und nach Frankfurt verkehren weiterhin stündlich RE-Züge, wodurch die Anzahl der Fahrten auf dem Korridor ähnlich dem Regelfahrplan sei und die Fahrgäste ab Marburg statt des Mittelhessenexpress’ die schnellen RE nutzen.
  • Der Abschnitt von Friedberg nach Frankfurt ist sowohl von der Kapazität als auch hinsichtlich der Anzahl von Fahrten besonders betroffen.
  • In Friedberg besteht zu vielen ICE-Fahrten ein Anschluss von/nach Gießen.

Der RMV bedauere sehr, dass ein Weiterführen der Mittelhessen-Express-Züge über Hanau nach Frankfurt nicht möglich ist. Dies, weil es an Kapazitäten auf der Schiene mangelt und auch an freien Bahnsteigen, zum Beispiel in Frankfurt, wo Bahnsteige saniert werden.

Auf all diese Gründe habe der RMV den Fahrgastverband schon am 10. Juni hingewiesen. Der RMV bedauere die Unannehmlichkeiten, die der Baustellenfahrplan für die Fahrgäste mit sich bringe, er sei jedoch das mit allen Partnern erreichte „bestmögliche Angebot unter den gegebenen Rahmenbedingungen“.

Von Gianfranco Fain