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Marburg Achtung gegenüber Einsatzkräften sinkt
Marburg Achtung gegenüber Einsatzkräften sinkt
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21:49 16.01.2020
„Nein zu Gewalt gegen Einsatzkräfte“, sagt Feuerwehrfrau Bianca Bubenheim. Die 41-jährige Halsdorferin wurde selbst während eines Einsatzes beleidigt. Foto: Nadine Weigel
„Nein zu Gewalt gegen Einsatzkräfte“, sagt Feuerwehrfrau Bianca Bubenheim. Die 41-jährige Halsdorferin wurde selbst während eines Einsatzes beleidigt. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Sie kann es heute noch immer nicht fassen. „Erst war ich total geschockt und jetzt mittlerweile ärgert es mich unheimlich“, sagt Feuerwehrfrau Bianca Bubenheim. Was war passiert? Rückblick: Es ist der 6. Januar. Die Feuerwehr Halsdorf wird wegen eines Brandes alarmiert.

Atemschutzgeräteträger sind im Einsatz. Der Rettungsdienst kümmert sich um eine betroffene Person. Feuerwehrfrau Bianca Bubenheim sperrt die Straße ab. Ein Autofahrer ärgert sich, dass er nicht weiterfahren kann. Er dreht vor der Absperrung, kurbelt das Fenster runter, schreit „Du blöde Feuerwehrschlampe!“ und fährt mit quietschenden Reifen davon.

Bianca Bubenheim bleibt völlig perplex zurück. „Das ging so schnell, ich hab noch nicht mal das Kennzeichen notieren können“, sagt die 41-Jährige, die sich seit 1993 in der Feuerwehr engagiert. „Es kommt schon öfter mal vor, dass mir jemand bei einer Absperrung bis vor die Knie fährt und sagt, er müsse nun aber unbedingt durch, aber so eine krasse Reaktion hab ich noch nie erlebt. Das ist schon erschreckend“, sagt die Feuerwehrfrau betroffen und fragt sich, was passiert wäre, wenn der Mann vor lauter Frust ausgestiegen wäre oder mit seinem Wagen die Absperrung durchbrochen hätte.

Dunkelziffer ist 
signifikant höher

Leider ist so eine Beleidigung kein Einzelfall. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf wurden vergangenes Jahr sieben Fälle registriert, wie die Pressestelle des Landkreises auf Anfrage der OP mitteilt. Zwei Mal wurden Feuerwehrleute während Einsätzen angepöbelt, die fünf anderen Fälle bezogen sich auf Mitarbeiter im Rettungsdienst. Einmal wurde der Rettungswagen zerbeult, drei Mal kam es zu verbalen Entgleisungen und einmal wurde ein versuchter Schlag gegen eine Rettungskraft angezeigt.

Die Dunkelziffer allerdings sei signifikant höher. Nur verschwindend wenig Vorkommnisse würden überhaupt gemeldet, sagen Experten.
„Beleidigungen sind im Rettungsdienst mittlerweile fast an der Tagesordnung“, weiß Dr. Erich Wranze-Bielefeld. Der ärztliche Leiter Rettungsdienst des Landkreises Marburg-Biedenkopf blickt auf 40 Jahre Erfahrung zurück. Sein Fazit: „Früher waren die Menschen dankbarer. Heute wird Hilfe als selbstverständlich angesehen und oft aggressiv reagiert“, sagt der 69-Jährige.

Auch Kreisbrandinspektor Lars Schäfer ist besorgt darüber, dass der Ton in der Gesellschaft zunehmend rauer werde. „Der Egoismus der Menschen nimmt zu, der Respekt ab“, kritisiert er. Heute komme es bei Einsätzen zum Beispiel häufig vor, dass sich Anwohner darüber beschwerten, warum die Feuerwehr mit Sirene zum Einsatz fahre oder den Motor vor Ort laut laufen ließe. „Ich versuche dann immer zu erklären, dass die Wasserpumpe eben nicht von allein läuft.“

Stichwort Einsatzfahrt: Von sich aus Platz mache der Feuerwehr heutzutage kaum noch jemand, sagt Schäfer und meint damit auch seine regelmäßigen Probleme schnell genug vom Gefahrenabwehrzentrum über die Beltershäuser Straße raus aus Marburg zu kommen – trotz Sirene.
Von zunehmend rücksichtslosem Verhalten kann auch Kreisbrandmeister Stephan Schienbein berichten. So sei auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf das Gaffertum weit verbreitet.

Zahl der Übergriffe ist gestiegen

„Erst einmal wird ein Foto vom Unfall gemacht, bevor der Notruf gewählt wird“, kritisiert er und sieht es deshalb als positiv an, dass der Gesetzgeber nun das Fotografieren von Unfall-Toten mit Freiheitstrafen bis zu zwei Jahren belegen kann.

„Nach meinem subjektiven Empfinden macht die Verrohung der Gesellschaft auch vor Marburg-Biedenkopf nicht Halt“, betont Polizeisprecher Martin Ahlich. Nicht nur Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst sehen sich zunehmender Respektlosigkeit ausgesetzt sondern auch Polizisten. Das reicht von Beleidigungen über Widerstand gegen die Staatsgewalt bis hin zu tätlichen Angriffen.

Laut Kriminalstatistik ist die Zahl der Übergriffe gegen Polizisten in ganz Hessen gestiegen. Noch liegen die Zahlen für 2019 nicht vor, aber im Jahr 2018 wurden 3 967 Polizisten als Opfer registriert. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Anstieg von dreizehn Prozent. „Die Hemmschwelle des persönlichen Handelns sinkt zunehmend“, bestätigt Marburgs Polizeisprecher.

Polizei und auch Rettungsdienst setzen auf Deeskalationstrainings. „Wichtig ist bei solchen Vorfällen aber auch, dass sie gemeldet werden“, sagt Kreisbrandinspektor Schäfer. Nur bei Konsequenzen könne die Gesellschaft sensibilisiert werden. Sein Appell: „Schätzt die Retter, die für Euch tätig sind und benehmt Euch ihnen gegenüber so, wie ihr gern behandelt werden wollt.“

Anlässlich des „1. Marburger Präventionsgesprächs“ am kommenden Dienstag (Cineplex) sind Angriffe auf Rettungskräfte und der schwindende Respekt vor Amtsträgern Thema der OP-Montagausgabe.

von Nadine Weigel 

   

Standpunkt

Gesicht zeigen gegen Gewalt!

Klar, Gewalt geht nie. Gegen keinen. Und doch sollte der Anstieg der Beleidigungen gegenüber Einsatzkräften einem besonders zu denken geben. Denn es sind Menschen, die anderen Menschen in oft dramatischen Notsituationen helfen. Menschen, die nicht nur unentgeltlich Zeit opfern, sondern auch an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gehen.

Auch nachts bei Kälte und Regen. Menschen, die manchmal sogar ihr eigenes Leben riskieren. Ohne Menschen in Feuerwehr, THW, DLRG, Rettungsdienst, Pflege und so vielen anderen Bereichen würde unser soziales System zusammenbrechen. Sie sind die tragenden Säulen der Humanität.

Diese Menschen zu beleidigen, sie gar anzugreifen, ist ein Armutszeugnis unserer verrohenden Gesellschaft. Dem gilt es sich vehement entgegenzustellen. Menschen in Uniform und Einsatzkleidung gehört Respekt entgegengebracht! 
Jedem Menschen sollte Respekt entgegengebracht werden. Punkt.


Deshalb rufen wir dazu auf, Gesicht zu zeigen: Keine Gewalt gegen Retter! Sie können bei unserer Aktion gern mitmachen und ein Zeichen für mehr Respekt setzen.

Machen Sie ein Foto oder Video von sich, wo Sie „Keine Gewalt gegen Retter“ sagen und schicken Sie es uns an foto@op-marburg.de oder über unsere Social-Media-Kanäle.

von Nadine Weigel