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Marburg „Regelmäßige Tests spielen eine große Rolle“
Marburg „Regelmäßige Tests spielen eine große Rolle“
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07:59 30.06.2022
Professor Harald Renz.
Professor Harald Renz. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die OP sprach mit Professor Harald Renz, Direktor des Instituts für Labormedizin am Uniklinikum Marburg, über aktuelle Fragen zum Coronavirus.

Wird im Herbst für alle eine weitere Impfung erforderlich sein?

Der durch eine Impfung oder überstandene Infektion erworbene Immunschutz lässt nach etwa sechs bis neun Monaten nach. Da viele Menschen zu Beginn dieses Jahres geboostert wurden, sollte jeder selbst errechnen, wann es sinnvoll ist, den Schutz aufzufrischen, um möglichst schwere Verläufe einer Infektion zu vermeiden.

Wie können Menschen vom Nutzen einer Impfung überzeugt werden, die bisher unbeschadet durch die Pandemie kamen?

Wie viele das sind, wissen wir nicht genau. Wir wissen aber, dass die Zahl der ungeimpften unter den im Klinikum behandelten Erkrankten in der Regulären- und auch der Intensivstation stetig größer wurde. Vor allem ältere Menschen und auch solche mit Risikofaktoren wie Übergewicht, Herz-Kreislaufkrankheiten oder Tumorpatienten sind anfälliger für schwere Verläufe. Das spricht deutlich für eine Impfung.

Derzeit raten Stimmen, sich bewusst mit Omikron anzustecken, weil die derzeitige Variante meist leichte Verläufe hervorruft und „man es dann überstanden hat“. Ein guter Tipp?

Das ist ein sehr riskantes Glücksspiel, da man nicht weiß, ob man einen leichten oder einen schweren Verlauf haben wird und am Ende noch die Folgen einer Long-Covid-Erkrankung, also Langzeitsymptome verschiedenster Art, drohen. Daher ist von einem solchen Ritt auf der Rasierklinge dringend abzuraten. Zumal auch unbekannt ist, ob eine vorherige Infektion gegen neu auftretende Varianten schützt.

Wie gefährlich ist die Omikron-Variante BA.5?

Eine neue Variante setzt sich durch, wenn sie infektiöser ist als die vorherigen. Das ist bei BA.5 der Fall. Die hohe Infektiosität ist darauf zurückzuführen, dass Omikron derart mutiert vom Immunsystem kaum noch erkannt wird. Dennoch ist bei dieser Variante das Risiko von schweren Krankheitsverläufen als gering einzuschätzen.

Biontech-Chef Ugur Sahin fordert eine schnellere Zulassung von neuen Impfstoffen, um zu verhindern, dass eine Corona-Variante entsteht, gegen die Impfstoffe nichts mehr ausrichten können. Wie wahrscheinlich ist das Entstehen einer solchen Variante?

Diese Gefahr besteht immer. Wir müssen davon ausgehen, dass das Virus weiter mutiert und infektiöser wird. Da die Gefährlichkeit nicht vorherzusagen ist, sollten wir, um das Risiko zu mindern, die Mittel einsetzen, die wir zur Verfügung haben. Das sind Impfen, Testen und die allgemeinen Hygieneregeln beachten. Und selbstverständlich sollten neue Impfstoffe die vorgeschriebene Zulassungsprüfung mit der gebotenen Sorgfalt durchschreiten.

Ist ein Impfstoff in Sicht, der auch vor weiteren Ansteckungen schützt?

Das wissen wir nicht. Die bisherigen Impfstoffe zielen im Wesentlichen darauf ab, schwere Verläufe zu vermeiden. Auf die Infektiosität haben diese kaum Auswirkungen. Diese Impfstoffe, stammen aus dem Anfang der Pandemie mit der Alpha-Variante und müssen angepasst werden.

Welche Folgen befürchten Sie durch die Entscheidung der Bundesregierung, für einen Corona-Schnelltest nun 3 Euro entrichten zu lassen?

Das betrachten wir Mediziner mit großer Sorge. Auch wenn 3 Euro pro Test sich nicht nach viel anhört, so müssen wir weiterhin berücksichtigen, dass regelmäßige und verbreitete Tests eine große Rolle zum Bewältigen der Pandemie beitragen. Dann kommt schon pro Woche und pro Monat eine Menge Geld für die Bürger zusammen. Dadurch wird die Schwelle für ein gutes Testregime mit Schnelltesten höher. Hinzu kommt eine soziale Schieflage, da sich nicht alle Bevölkerungskreise gleichermaßen regelmäßiges Testen leisten können. Dieser Sozialaspekt wird meines Erachtens in der Diskussion um die Testkosten völlig vergessen.

Welche Auswirkungen wird das Neun-Euro-Ticket auf das Infektionsgeschehen haben?

Wir sehen schon eine kleine Welle auf uns zukommen, aber das Billigticket ist sicherlich nicht schuld daran, falls die Infektionszahlen in die Höhe schnellen. Es sind vielmehr diejenigen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Maske reisen. Die Hygieneregeln weiterhin einzuhalten, um das öffentliche Leben möglichst beizubehalten, ist doch nicht so schlimm.

Von Gianfranco Fain

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