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Marburg Aus Freude am Beruf
Marburg Aus Freude am Beruf
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11:59 03.08.2022
„Rente muss zum Leben reichen“ steht auf dem Rücken eines Demonstranten, der an einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes teilnimmt. Wieder einmal ist eine Erhöhung des Rentenalters in die Diskussion gebracht worden.
„Rente muss zum Leben reichen“ steht auf dem Rücken eines Demonstranten, der an einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes teilnimmt. Wieder einmal ist eine Erhöhung des Rentenalters in die Diskussion gebracht worden. Quelle: Stephanie Pilick
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Marburg

Während viele Menschen die Tage zählen, bis ihr Arbeitsleben mit dem Eintritt in die Rente beendet ist, arbeiten einige auch länger – der ein oder andere vielleicht auch aus finanziellen Gründen, Robert Junker und Professor Benno Hafeneger aber aus Freude am Beruf.

Robert Junker ist über 80, aber im Betrieb steht er nach wie vor seinen Mann. Der Seniorchef der Marburger Firma Elektro-Peter ist mit einem 450-Euro-Job ausgestattet und ist noch jeden Tag in der Firma.

„Ich mache das gerne“, sagt er der OP, „so lange, wie es gesundheitlich geht.“ Aber, fügt er hinzu: „Es sollte generell bei der Freiwilligkeit bleiben.“ Längere Lebensarbeitszeit per Gesetz zu verordnen, sei pauschal nicht zu machen, weil es ja sehr stark auf die körperlichen Voraussetzungen des Arbeitnehmers ankomme. „Leute, die auf dem Bau gearbeitet haben, sind mit 50 Jahren oft genug kaputt“, sagt Junker.

Junker selbst fühlt sich noch fit. Es sei auch ein Stück Lebensqualität, im hohen Alter noch arbeiten zu können und zu dürfen. Aber das müsse jeder für sich selbst entscheiden dürfen, sagt Junker.

Wenn die Rentenkassen leer sind, müssten halt Wege her, um sie wieder zu füllen. Junker hat da auch einen Vorschlag: „Warum werden nicht Reiche mehr besteuert?“, lässt er einen alten sozialdemokratischen Vorschlag wieder auferstehen.

Rente mit 70

Sollten die Menschen in Deutschland bis zu ihrem 70. Lebensjahr arbeiten gehen? Das schlägt der Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, vor, unter anderem wegen der älter werdenden Gesellschaft. Gewerkschaften reagierten empört, auch der Sozialverband VdK wandte sich am Montag gegen den Vorstoß. Für DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel wäre dies „nichts anderes als eine Rentenkürzung mit Ansage“. Arbeitgeber-Präsident Wolf hatte seine Position mit der ältere werdenden Bevölkerung begründet. „Schaut man sich die demografische Entwicklung und die Belastungen der Sozial- und Rentenkassen an, dann sind die Reserven aufgebraucht. Wir werden länger und mehr arbeiten müssen“, sagte der Gesamtmetall-Chef

Der Generationenvertrag, in dem die Jungen die Bezüge der Alten finanzieren, funktioniert bald nicht mehr. Immer weniger Lohnempfänger kommen für die Rente von immer mehr Rentnerinnen und Rentnern auf. Seit Jahren gibt es deswegen in schöner Regelmäßigkeit die Forderungen nach einer Rentenreform – höheres Renteneintrittsalter so wie in der aktuellen Debatte, Rentenkürzung, eine Einbeziehung aller Berufsgruppen in die gesetzliche Rentenversicherung oder anderes mehr. In irgendeinen dieser Äpfel werden wir in Deutschland beißen müssen – die Frage ist nur, in welchen. Robert Junker jedenfalls könnte es nicht verstehen, wenn er ab einem gewissen Alter zum Nichtstun verdammt würde. Die Firma ist eben immer noch „mein Betrieb“.

Der Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Benno Hafeneger ist mit 74 Jahren noch immer berufllich aktiv „Ich tue das, was mir am meisten Spaß macht“, sagt Hafeneger: „Nachdenken und schreiben!“

Nun ist Hafeneger als emeritierter Hochschullehrer kein Rentner, sondern bezieht eine staatliche Pension. Das Grundprinzip ist aber das gleiche: Er arbeitet länger, als er eigentlich müsste. „Einfach nur zu Hause ein Hobby zu pflegen, ist mir nicht anregend genug“, sagt der Erziehungswissenschaftler, der sich vor allem mit den Schwerpunkten Jugendforschung und Rechtsradikalismus-Forschung beschäftigt. Wie lange er so noch arbeiten will? „Im Prinzip so lange, bis ich umfalle“, sagt Hafeneger.

Von Till Conrad