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Marburg Sie bewegen täglich
 zehn Tonnen
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 zehn Tonnen
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13:00 24.11.2019
Morgens um sechs Uhr fangen Martin Olszewski (links) und René Wagner an, den Sperrmüll von den Grünstreifen oder Gehwegen zu räumen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Wir stehen immer im Weg“, sagt René Wagner lachend mit einem Augenzwinkern. Der 42-Jährige ist seit 18 Jahren Müllwerker. Er hat schon alles erlebt: tote Katzen und Hunde, die in Müllsäcken entsorgt wurden, Ratten, die aus übervollen Mülltonnen springen, überdimensionierte Sperrmüll-Haufen.

An diesem Montag, 18. November, fährt er zusammen mit Martin Olszewski die Sperrmüll-Tour. Auf der Fahrerliste stehen alphabetisch, nach Stadtteilen geordnet, alle Anfahrstellen. Heute sind es 30, manchmal auch 40. Im Landkreis können es bis zu 50 sein – an einem Tag. Im Kopf stellt er sich seine Fahrtroute zusammen. René Wagner kennt fast jede Straße in Marburg und auch wo ungefähr die Hausnummern sind.

"Weil immer mal einer was dazulegt"

Erste Station heute ist die Zeppelinstraße. Um kurz nach 6 Uhr rangiert er das riesige orange-farbene Auto rückwärts auf den Gehsteig. Kollege Olszewski weist ihn ein. René Wagner kann ihn auf der Rückfahr-Kamera und den Außenspiegeln sehen. Die Augen wandern blitzschnell über den Monitor zu den Spiegeln vorn und an den Seiten. „Gerade im Dunkeln sind Fahrradfahrer und Fußgänger so schwer zu erkennen, wenn sie keine Leuchtstreifen tragen“, erklärt er.

Dann springt er aus dem Lkw und wirft, zusammen mit Martin Olszewski, die Sofas in die Presse. Per Knopfdruck zerdrückt diese den Müll mit 250 bar und verdichtet ihn so, damit mehr in den großen Container passt. Weiter geht es auf den Richtsberg. Hier werden die Müllhaufen größer, „weil immer mal einer was dazulegt“, weiß der 47-Jährige Martin Olszewski. Er ist seit vier Jahren „im Geschäft“, und sitzt auch mal hinterm Steuer.

Hintergrund

Die Sperrmüllabfuhr erfolgt an fünf Tagen in der Woche mit neun Fahrzeugen. Im Jahr sind das etwa 7.500 Abfuhren, allein der Richtsberg kommt auf 650. Pro Tag sammelt jedes Auto 10 bis 15 Tonnen Sperrmüll ein, im Jahr sind das 2.300 Tonnen. Zwei Mal im Jahr ist die Abfuhr in Marburg kostenlos, ebenso die Anlieferung von Kleinmengen (einen Kofferraum voll) auf dem Servicehof der Stadt Marburg Am Krekel. Eine Anmeldung ist über die Sperrmüllkarte oder online über den Abfallkalender möglich. Elektroartikel werden gesondert von der Firma Integral am gleichen Tag abgeholt.

„Wir wechseln uns tageweise ab. Das Fahren und Rangieren ist auf Dauer anstrengend“, hat er festgestellt. In der Straße Am Richtsberg liegt ein langgezogener Müllberg: Fernseher, Wasserkocher, Bettgestelle, mit Regenwasser vollgesogene Matratzen, Bad- und Fernsehschränke. Die beiden Müllwerker fangen an zu sortieren. Denn der Elektroschrott und auch Metall werden extra abgeholt.

„Alles, was aus dem Haus fallen würde, wenn man es auf den Kopf stellt; das ist Sperrmüll“, erklärt René Wagner und wirft den Hängeschrank in den Lkw, als wenn der nichts wiegen würde. Ausdauer, körperliche Belastbarkeit und Teamfähigkeit – das muss ein Müllwerker mitbringen. Und einen Lkw-Führerschein sollte er oder sie haben. „Man muss schon kräftig sein und wissen, wie man anhebt“, erklärt Martin Olszewski als er mit seinem Kollegen ein großes Teilstück der Schrankwand aus der Hocke anhebt.

Abfallservicebüro der Stadtwerke

Mittlerweile ist es halb acht, der Berufsverkehr im vollen Gange. Kein Autofahrer, kein Radfahrer hat mehr Zeit. Trotz Warnblinkanlage und Rundum-Leuchte muss René Wagner warten, bis er den Lkw in die enge Parklücke rangieren kann. Keiner lässt ihn fahren, sie schneiden ihm einfach den Weg ab. Das erlebt er tagtäglich.

Und auch, dass er immer wieder in die Hinterlassenschaften der Hunde reintritt, wenn er den Müll von den Grünflächen abholt. Nach der Schuhreinigung geht es nach Schröck. Dort warten vier Abholstellen. Bei der vorletzten fängt der Lkw auf einmal an zu piepen. „Wir sind gleich voll“, sagt René Wagner.

Wie abgemessen reicht der Platz noch für die letzte Station. Dann geht es zur Müllumladestation in die Siemensstraße. Die Waage zeigt kurz vor 10 Uhr gut sieben Tonnen Inhalt an. An vier unterschiedlichen Stellen muss der Müll heute abgekippt werden.

Es geht weiter nach Ginseldorf. Vier Augen scannen permanent die Umgebung nach Sperrmüll-Haufen ab. „Da vorne liegt es“, sagt Martin Olszewski. Über Bauerbach geht es zurück ins Hansenhaus-Viertel. Dort liegen Bettgestell und Schrankwand hinter einer Hecke. Der Anwohner hatte das so auch im Abfallservicebüro der Stadtwerke angemeldet. Am Ende des Tages haben die beiden insgesamt zehn Tonnen Müll mit ihren Händen bewegt – und das ohne Muskelkater.     

von Katja Peters