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Marburg Die Natur kehrt zurück
Marburg Die Natur kehrt zurück
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12:00 25.07.2022
Wasserbüffel grasen auf den Wiesen im Bereich der renaturierten Lahn. Die Universitätsstadt Marburg setzt für die Gisselberger Spannweite auf tierische Landschaftspflege. Wasserbüffel sollen das Gras kurz halten und so Wiesenbrütern und Rastvögeln Lebensraum schaffen. Auch die gefährdete Kreuzkröte soll von der Wasserbüffel-Flächenpflege profitieren.
Wasserbüffel grasen auf den Wiesen im Bereich der renaturierten Lahn. Die Universitätsstadt Marburg setzt für die Gisselberger Spannweite auf tierische Landschaftspflege. Wasserbüffel sollen das Gras kurz halten und so Wiesenbrütern und Rastvögeln Lebensraum schaffen. Auch die gefährdete Kreuzkröte soll von der Wasserbüffel-Flächenpflege profitieren. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

In den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten wurden überall in Deutschland Moore und Sümpfe trockengelegt, Hecken abgeholzt und Flüsse begradigt. Heute weiß man: Das waren Fehler. Renaturierung heißt das Zauberwort, der Rückbau der Veränderungen. „Mit der Zeit wurde erkannt, dass sich die enorme Selbstheilungskraft der Gewässer nur dann in vollem Umfang entwickeln kann, wenn die Gewässer in einem möglichst naturnahen Zustand sind“, teilte das Regierungspräsidium (RP) Gießen auf Anfrage der OP mit. Beim RP ist die Obere Wasserbehörde angesiedelt, die bei großräumigen Projekten zuständig ist.

„Die Schäden durch den starken Eingriff in das Ökosystem Fließgewässer wurden erst nach und nach klar. Die Artenvielfalt verringerte sich und manche Arten verschwanden ganz. Hochwasser wurde verlagert und Auen wurden zunehmend trockener“, so die Experten der Oberen Wasserbehörde. So ist Renaturierung auch Hochwasserschutz, weil das Wasser mehr Platz bekommt, um sich auszubreiten.

Umdenken hat eingesetzt

Längst hat ein Umdenken eingesetzt. Heute ist die Renaturierung von Gewässern im Gesetz verankert. Durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie wurden Vorgaben gemacht, Gewässer wieder in einen ökologisch guten Zustand zu versetzen. Ziel einer jeden Renaturierung sei es, „die Gewässer wieder in einen naturnahen Zustand zurückzuführen, um den Lebensraum für Tiere und Pflanzen im und am Gewässer sowie in der Aue zu erhalten oder wieder herzustellen“, erklären die Expertinnen und Experten der Oberen Wasserbehörde.

Umgesetzte Projekte

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind die Planer besonders stolz auf vier Großprojekte:

  • Die Renaturierung der Gisselberger Spannweite südlich von Marburg.
  • Die Renaturierung an der Wohra unterhalb vom Wohrasandfang in Kirchhain.
  • Das Steilufer der Lahn bei Sterzhausen.
  • Der Zusammenfluss von Ohm und Lahn im Auenentwicklungsgebiet bei Cölbe.

Allein für die Gisselberger Spannweite, ein 2019 abgeschlossenes Projekt des EU-Life-Projektes Living Lahn, wurden in den Gemarkungen Gisselberg, Ronhausen und Cappel auf einer Länge von 1,5 Kilometern rund 100 000 Kubikmeter Boden bewegt, um dort neue Lebensräume für Tiere zu schaffen. Die Hoffnung der Planer: In den Uferbereichen siedeln sich Tierarten an, deren Lebensraum bedroht ist: Kreuzkröte, Watvogelarten wie Bekassine, Kiebitz oder Flussregenpfeifer und Fledermausarten, die als „Klimaverlierer“ gelten. Rund 1,8 Millionen Euro kostete die „Reparatur“ der Lahn an dieser Stelle.

Ein jahrelang dauernder Prozess

Aktuell werden im Kreis kleinere Projekte umgesetzt. Das RP nennt die Renaturierung der Diete in der Gemeinde Breidenbach oder den Bau der Fischaufstiegsanlage am Wehr der Schmaleicher Mühle an der Wohra in Rauschenberg.

Lahn-Renaturierung

Die Wiederbelebung von Lahn-Altarmen zwischen Sterzhausen und Caldern, auch Furkation genannt,  sorgte nicht nur bei Hochwasserereignissen für Entspannung. Sie kurbelte auch die Biodiversität im genannten Bereich an.

In Planung sind sechs Gewässer, die im Programm 100 wilde Bäche für Hessen aufgelistet sind: die Allna, die Asphe, die Dautphe, das Rote Wasser, der Treisbach und das Hardwasser. Großprojekte werden die Renaturierung der Lahn und die Verlegung der Wetschaft als Ausgleichsmaßnahme für die Ortsumgehung B 252/B62 Münchhausen, Wetter, Lahntal sowie die Renaturierung des Schenkenwäldchens, einer alten Lahnschlinge bei Fronhausen, des Weiers Röthgers Pfuhl in der Nähe der Kläranlage Roth und des Bellnhäuser Altarms an der Lahn bei Fronhausen.

Wenn Bagger anrücken, ist dies erst einmal ein schreckliches Bild: Eine scheinbar intakte Umwelt wird zerstört. Doch die Biologinnen und Biologen in den Planungsbüros und den verschiedenen beteiligten Behörden rechnen in zeitlich langen Dimensionen. Während in den renaturierten Auenlandschaften schon in den ersten Jahren nach der Fertigstellung ein deutlicher Artenzuwachs feststellbar sei, dauere es in den Fließgewässern deutlich länger, bis dort „messbare ökologische Auswirkungen“ registriert werden. Das Zurück zur Natur sei ein über Jahre und Jahrzehnte dauernder Prozess, so das RP.

Drei Fragen an Mark Harthun, Geschäftsführer Naturschutz beim NABU Hessen

Welche Form von Renaturierungsarbeiten helfen dem Klimaschutz am effektivsten?
Mark Harthun: Dem Klimaschutz dienen am meisten Renaturierungen, die Kohlenstoffdioxid binden oder seine Freisetzung verhindern. Zum Beispiel durch die Schaffung von Naturwäldern ohne forstliche Nutzung. Die Bäume werden dort zwei- bis dreimal so alt wie im bewirtschafteten Forst. Auch die Holzmasse verdoppelt sich.
So kann viel CO2 gebunden werden. Über den Humusaufbau wird weiteres CO2 gespeichert. Auch der Schutz von Wiesen und Weiden ist wichtig: Sie binden in Europa jährlich mehrere Millionen Tonnen Kohlendioxid. Eine dritte Strategie ist der Schutz von Niedermooren. In Mooren ist viel organisches Material gelagert, das bei Austrocknung Kohlendioxid freisetzen würde.

Auf welchem Gebiet gibt es den größten Handlungsbedarf, Renaturierungsprojekte auszuführen?
Der größte Handlungsbedarf besteht in der Klimafolgen-Anpassung. Denn bis unsere Klimaschutzmaßnahmen wirken, werden noch einige Jahrzehnte vergehen. Wir müssen also die Lebensräume schützen, die unter der Trockenheit leiden und auch sogar bei Austrocknung CO2 freisetzen würden. Die Ausweisung von Naturwäldern dient nicht nur dem Klimaschutz, sondern er sorgt für dichte, feuchte Wälder mit geschlossenem Kronendach. Der Klimafolgen-Anpassung dienen auch Projekte, die Grundwasserneubildung fördern, Wasser in der Landschaft zurückhalten und die Lebensräume vor Austrocknung schützen. Daher besteht großer Handlungsbedarf in der Renaturierung unserer Gewässer. Alle Gewässer brauchen einen 10 bis 30 Meter breiten Entwicklungsstreifen ohne landwirtschaftliche Nutzung.

Wie lange ist ein Renaturierungsprojekt vor Veränderungen durch Menschen geschützt?
Die Projekte müssen auf Dauer angelegt sein. Daher werden große Naturwälder auch als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Bei Gewässerentwicklungsstreifen ist die Abgrenzung wichtig. Leider erleben wir immer wieder, wie sie Stück für Stück immer wieder von Landwirten vereinnahmt werden. Wenn sich aber Gehölze entwickeln dürfen, und die Flächen so nass sind, dass sie auch für Bewirtschaftung uninteressant sind, dann erreichen wir auch hier einen dauerhaften Schutz.

Von Götz Schaub

Von Uwe Badouin