Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Die soziale Gerechtigkeit ist ihre Triebfeder
Marburg Die soziale Gerechtigkeit ist ihre Triebfeder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 05.02.2021
Renate Bastian (Die Linke) ist Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl in Marburg.
Renate Bastian (Die Linke) ist Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl in Marburg. Quelle: Foto: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Es hätte ein wunderbarer Ort für ein Interview sein können: der Lutherische Kirchhof. Denn von dort hat Renate Bastian einen guten Überblick über die Stadt, die sie gerne als Oberbürgermeisterin regieren würde. Doch an diesem Morgen peitscht der Wind Regen und Schnee über die Stadt – an ein Gespräch im Freien ist nicht zu denken. Zum Glück ist die Lutherische Pfarrkirche geöffnet. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: ein Interview mit einer Linken-Politikerin in einer Kirche. Ist das ok? „Solange ich nicht eintreten muss“, scherzt Renate Bastian.

Schon früh hat sie erzkonservativen Einfluss gespürt – und sich dagegen verwehrt. „Ich gehöre zu den Heimatvertriebenen“, sagt die 76-Jährige. Aus dem Sudetenland kam sie mit ihren Eltern als Vierjährige in ein kleines, unterfränkisches Bauerndorf, „an das ich die besten Erinnerungen habe. Aber der Pfarrer, der Lehrer und der Bürgermeister hatten das Sagen – und die durften auch die Kinder schlagen.“

Eine Weltordnung, mit der Renate Bastian schon damals nur schwer zurechtkam. Denn bereits in diesen frühen Kindheitstagen entwickelte sie einen starken Gerechtigkeitssinn. „Ich hatte die Erfahrung der Ausgrenzung als Flüchtlingskind.“ Und: Ihre Familie war damals bei einer „armen, aber so herzlichen Bauersfamilie“ untergekommen.

Diese Familie habe sich in das Schicksal der Armut ergeben, fest davon überzeugt, dass es kein Entrinnen gebe. „Das hat mich empört, ich wollte, dass es ihr gut geht. Dass es keinen Ausweg gibt, konnte ich nie akzeptieren.“ Die Familie zog später nach Offenbach, wo Renate Bastian das Gymnasium besuchte, in der Schülervertretung aktiv war und dort mit Studenten der „Frankfurter Schule“ zusammenkam. Aufregend sei das gewesen, denn sie habe verstanden, „warum Kriege, Nöte und auch politische Konstellationen entstanden sind. Geschichte kommt nicht einfach über die Menschen – sondern Menschen machen Geschichte aus unterschiedlichen Interessen.“ Und: Eng damit verbunden „ist auch die Frage der Menschenrechte und der sozialen Unterschiede“, erzählt Renate Bastian.

Sie begann ein Studium in Frankfurt, ging später nach Marburg, „der Liebe wegen – aber auch wegen Abendroth“, sagt sie. Denn der sozialistische Politologe und Rechtswissenschaftler Wolfgang Abendroth lehrte an der Philipps-Universität. „Er war völlig unautoritär, diskussionsbereit, tolerant – ein Anti-Ordinarius“, schwärmt Renate Bastian und bezeichnet ihn als einen ihrer beiden großen Lehrmeister.

Der Zweite: die Gewerkschaften. Die Arbeit dort „bot mir einen ganz großen Erfahrungsraum: Es ging darum, mit unterschiedlichen politischen Meinungen ein gemeinsames Ziel der Interessenvertretung zu erkämpfen“. In Marburg trat sie auch in den SDS ein – der Vorsitzende damals: Georg Fülberth. „In Frankfurt hatte ich bereits Adorno kennengelernt, Habermas gehört – es waren viele Erlebnisse, die sehr prägend waren und mir eine Gedankenwelt eröffnet haben“, sagt Bastian. Es habe zahlreiche kontrovers diskutierte Themen gegeben – vergleichbar mit heute: Ausbau des Flughafens, Startbahn West, klimapolitischen Dissens. Und Renate Bastian habe gelernt: „Wenn wir soziale Interessen erringen wollen, müssen wir sehen, dass wir trotz unterschiedlicher Meinungen zusammenbleiben.“

Nach dem Studium blieb sie in Marburg, arbeitete jedoch in Frankfurt als Journalistin „bei einer kleinen wirtschafts- und sozialpolitischen Zeitung“. In Marburg trat sie in die DKP ein und erlebte eine Periode, „die zum Teil sehr anregend, zum Teil erschreckend und zum Teil geprägt von großer Solidarität war“. Marburg sei damals eine erzkonservative Stadt gewesen, die Außenwahrnehmung des studentischen Lebens sei „stark durch die Verbindungen bis hin zu den rechten Burschenschaften“ geprägt gewesen. Und Renate Bastian hat das linke Marburg mit geprägt. Denn: Sie ging für die DKP ins Stadtparlament.

1979 heiratete sie Herbert Bastian – im gleichen Jahr begannen die Vorermittlungen gegen ihren Mann, den Postbeamten, wegen Entlassung aus dem Dienst. „Mein Sohn hat im Alter von drei Jahren das Wort ‚Bundesdisziplinaranwalt‘ bereits sehr gut aussprechen können“, so Bastian. Denn gegen ihren Mann wurde aufgrund der Mitgliedschaft in der DKP 1984 ein Berufsverbot verhängt.

„Dass eine solche Gesinnungsschnüffelei in einer demokratischen Gesellschaft überhaupt möglich ist – das ist absolut entsetzlich.“ Der Antikommunismus sei Staatsdoktrin gewesen. Gegen die Berufsverbote gingen bundesweit Zehntausende auf die Straßen, dennoch habe es bis 1989 gedauert, bis der „Radikalenerlass“ wieder aufgehoben wurde. Erst nach langem juristischen Tauziehen wurde Herbert Bastian im Jahr 1990 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt.

Ihre Überzeugungen über Bord werfen kam für Bastian jedoch nicht infrage – trotz der massiven Folgen, die es für die Familie gab. „Letztlich wollte man uns unsere Meinung abkaufen“, sagt Renate Bastian. Und die Familie erlebte eine unglaubliche Solidarität – mit Unterstützung „auch aus dem Ausland, aus Frankreich, aus Holland – selbst nach Aserbaidschan sind wir von den Gewerkschaften eingeladen worden“. Da war wieder zu spüren: Solidarität kann die Menschen tragen.

Mit diesem Grundgedanken tritt sie als Oberbürgermeister-Kandidatin an. Nicht als verbissene Ideologin, sondern mit dem sozialen Gewissen als Triebfeder. Daher findet Bastian die derzeitige Spaltung der Gesellschaft „beängstigend. Denn Spaltungsthemen sind auch immer Krisenthemen. Daher ist die Sozialpolitik jetzt ganz besonders gefordert“. Das sei auch ihr Anliegen für Marburg.

„Unsere Aufgabe als Linke ist es, die soziale Gerechtigkeit voranzutreiben.“ Sie sagt: „Wenn wir hier in Marburg versuchen zu verhindern, dass die Krise auf die Menschen mit dem kleinen Geldbeutel durchschlägt, und stattdessen dafür sorgen, dass alle gleich gut leben können, dann können wir dieser Spaltung entgegenwirken.“ Dafür sei es wichtig, dass die Menschen eine Perspektive bekämen.

Zur Ruhe setzen, das gehe einfach noch nicht. „Ich kann mich einfach nicht damit zufriedengeben, dass Leuten der Lebensentwurf abgeschnitten wird. Jeder soll eine Chance kriegen – was er dann daraus macht, ist individuell.“ Armut dürfe sich nicht vererben, „und wir sind ein Land, in dem die Herkunft immer noch über die Bildung bestimmt – wie kann das sein?“, fragt Renate Bastian. „Da kann man sich doch nicht zur Ruhe setzen.“

Von Andreas Schmidt

Marburg Gesprächsräume - Bingo spielen und plaudern
04.02.2021
Marburg Corona-Fallzahlen - 23 Neuinfektionen
04.02.2021