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Marburg Reise in post-industrielle Landschaften
Marburg Reise in post-industrielle Landschaften
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07:58 28.08.2021
Das Foto im Hintergrund zeigt keinen tropischen Dschungel, sondern eine ehemalige Industriebrache in Bitterfeld. Die in Leipzig lebende Fotografin Franziska Klose zeigt im Marburger Kunstmuseum ihre Ausstellung „The New Wild“.
Das Foto im Hintergrund zeigt keinen tropischen Dschungel, sondern eine ehemalige Industriebrache in Bitterfeld. Die in Leipzig lebende Fotografin Franziska Klose zeigt im Marburger Kunstmuseum ihre Ausstellung „The New Wild“. Quelle: Foto: Uwe Badouin
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Marburg

Bitterfeld von der Chemieindustrie und dem Braunkohleabbau, Detroit von der Autoindustrie. Beide Städte sind in ihrer Blüte rasant gewachsen, in beiden Städten verlief die De-Industrialisierung ähnlich dramatisch.

Die in Leipzig lebende Fotografin Franziska Klose (44) hat sich diese beiden Städte für ihre fotografischen Langzeitprojekte „The New Wild“ ausgesucht. Sie interessiert sich für „post-industrielle Landschaften“. Was passiert mit den Industriebrachen, wenn man sie in Ruhe lässt? „Reißt man einen Industriebau ab und planiert die Fläche oder lässt sie liegen, dann kommen die Pflanzen. Zuerst lichtliebende Gräser, bestimmte Pionierpflanzen, dann Birken. Werden die größer, ändert sich die Vegetation“, sagt sie. „Sukzession“ nennen Ökologen diesen Prozess. Es ist die Rückkehr der für diesen Standort typischen Pflanzen-, Tier- und Pilzgesellschaften nach einer Störung der Umweltfaktoren.

Diese Störung war und ist menschengemacht. In Bitterfeld siedelte sich schon im späten 19. Jahrhundert Chemieindustrie an. In der ehemaligen DDR wurde die Stadt spätestens in den 1980er-Jahren zu einem Synonym für Umweltzerstörung. „Abfälle wurden oft einfach in ehemaligen Kohlegruben verklappt“, sagt Franziska Klose.

Dies sei in den 60er- und 70er-Jahren in vielen Städten, auch im Westen, üblich gewesen. Umweltschutz – der existierte allenfalls als Idee, als eher störende Vision.

In Detroit, deutlich größer als Bitterfeld, war die Situation ähnlich. 1909 begann dort die Massenproduktion von Automobilen mit dem Ford Modell T. Andere Autobauer siedelten sich an. So wurde Detroit als Motor City bekannt. Mit der Automobilindustrie erlebte Detroit eine Bevölkerungsexplosion. Heute ist diese Industrie in Detroit weitgehend zusammengebrochen.

Zwischen 2010 und 2013 fotografierte Franziska Klose die Industriebrachen in Bitterfeld. Längst sind sie überwuchert. Wer die Fotos der Vegetation sieht, käme nie auf den Gedanken, dort eine ehemalige Kohlegrube oder eine Industrie zu vermuten. Eher denkt man an einen Dschungel. Am Ende des Projekts stand das Buch „Bitterfeld“.

Von 2015 bis 2018 fotografierte und recherchierte sie bei drei längeren Besuchen in Detroit für ihr gleichnamiges Buch. Auch diese Fotos sind menschenleer, allenfalls sieht man Überbleibsel menschlicher Aktivität: ein abgebranntes Hau, einen Zaun, Schilder, Straßenränder und von Menschen angelegte, urwüchsig scheinende Stadtgärten.

Franziska Klose bezeichnet „The New Wild“ als „dokumentarische Arbeit“. In ihren Büchern listet sie unter anderem die Pflanzen auf, die sie dort gefunden und botanisch bestimmt hat. Hinzu kommen soziologische, historische und gesellschaftspolitische Recherchen.

In Marburg sind 23 Fotoarbeiten von Franziska Klose zu sehen. Drei wandfüllende Fotografien sowie gerahmte Bilder im Format 70 mal 90, 40 mal 50 und 110 mal 130 Zentimeter. Präsentiert werden sie im Kunstmuseum nicht als in sich geschlossene Ausstellung. Die Bilder sind vielmehr eingestreut in die normale Sammlungsausstellung. Zu der Ausstellung gibt es im Kunstmuseum ein Faltblatt, das über die Fotos informiert: Ort und Zeit werden ebenso dokumentiert wie die Pflanzen oder die Fläche, die man im Bild sieht.

Franziska Klose hatte ein wenig Pech mit ihrer Ausstellung. Kaum war sie im März eröffnet, wurde sie wegen der Corona-Lockdowns schon wieder geschlossen. Inzwischen ist das Kunstmuseum wieder geöffnet.

Am heutigen Samstag veranstaltet das Kunstmuseum um 13 und 15 Uhr zwei Führungen mit der Fotografin durch ihre Ausstellung. Zugelassen sind aufgrund der Corona-Bestimmungen maximal zehn Besucherinnen und Besucher. Die Ausstellung ist bis zum 26. September zu sehen.

Von Uwe Badouin