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Marburg Kein Gewerbegebiet in der Lahnaue
Marburg Kein Gewerbegebiet in der Lahnaue
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13:00 16.01.2022
Morgennebel über der Lahn. In der Lahnaue südlich von Marburg soll kein neues Gewerbegebiet entstehen: Das geht aus dem Entwurf des Regionalplans hervor, in dem ein entsprechender Vorschlag der Stadt Marburg nicht enthalten ist. Die Stadt muss zum Entwurf eine Stellungnahme abgeben, hat sich aber noch nicht positioniert.
Morgennebel über der Lahn. In der Lahnaue südlich von Marburg soll kein neues Gewerbegebiet entstehen: Das geht aus dem Entwurf des Regionalplans hervor, in dem ein entsprechender Vorschlag der Stadt Marburg nicht enthalten ist. Die Stadt muss zum Entwurf eine Stellungnahme abgeben, hat sich aber noch nicht positioniert. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Könnte in der Lahnaue westlich der B3a in Zukunft ein mehr als 30 Hektar großes Gewerbegebiet entstehen? Diese Frage erhitzte vor einem Jahr die Gemüter in Marburg. Denn die Stadtverwaltung hatte auf Anfrage des Regierungspräsidiums Vorschläge für neue Gewerbegebiete gemacht – und dabei eine Überprüfung des Überschwemmungsgebietes westlich der B3a und südlich der Südspange angeregt. Doch mit diesem Vorschlag ist die Stadt gescheitert – zumindest vorerst. Im Entwurf für den Regionalplan, der seit Montag für die Öffentlichkeit einsehbar ist, ist kein Vorranggebiet für Gewerbe in der Lahnaue vorgesehen.

„Diese von der Stadt Marburg zur Prüfung angeregte Fläche befindet sich vollständig innerhalb des festgesetzten Überschwemmungsgebiets der Lahn“, erläuterte der Pressesprecher des Regierungspräsidiums Gießen, Oliver Keßler, auf Anfrage der OP die Hintergründe. „Entsprechend den Vorgaben des Landesentwicklungsplans Hessen werden Überschwemmungsgebiete in den hessischen Regionalplänen als Vorranggebiete für den vorbeugenden Hochwasserschutz festgelegt. In diesen Vorranggebieten ist eine Bebauung grundsätzlich unzulässig.“

Marburg braucht neue Gewerbeflächen

Der Entwurf des Regionalplans sieht zwar im Westen von Cappel zwei mögliche Gewerbegebiete vor (siehe Infokasten). Diese liegen aber östlich der Bundesstraße und sind mit insgesamt 22 Hektar kleiner als die umstrittene Fläche in der Lahnaue. Kritiker befürchten, dass eine Bebauung in der Lahnaue, wie sie schon in der 2017 vom Stadtparlament beschlossenen Gewerbeflächen-Entwicklungsstrategie vorgesehen war, flussabwärts zu Überschwemmungen führen könnte. Die Stadt hatte mit Blick auf das Ohm-Rückhaltebecken das Regierungspräsidium um eine Überprüfung gebeten, ob die Lahnaue südlich von Marburg für den Hochwasserschutz noch notwendig ist.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) argumentierte damals im Gespräch mit der OP, die Stadt sei als Oberzentrum verpflichtet, Entwicklungsmöglichkeiten für Gewerbe vorzuhalten. Außer am Pharma-Standort Görzhäuser Hof gebe es aber fast keine freien Gewerbeflächen mehr.

Regionalplan Mittelhessen

Der Regionalplan Mittelhessen enthält die überörtliche Planung für den Regierungsbezirk Gießen, zu dem auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf gehört. Momentan gilt der im Februar 2011 in Kraft getretene Regionalplan Mittelhessen 2010. Derzeit entsteht jedoch ein neuer Regionalplan, dessen Entwurf nun offengelegt wurde.

Der Regionalplan Mittelhessen enthält die überörtliche Planung für den Regierungsbezirk Gießen, zu dem auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf gehört. Derzeit gilt der Regionalplan Mittelhessen 2010, dessen Fortschreibung für die nächsten zehn Jahre zur Einsicht ausliegt. Die sogenannte Offenlage endet am 11. März. Bis dahin können Bürger, Behörden, Kommunen sowie sonstige öffentliche und private Stellen Einwände abgeben. Mit diesen beschäftigt sich die Regionalversammlung, eventuell kommt es zu einer zweiten Offenlage.

Anschließend beschließt die Regionalversammlung den Plan, den die Landesregierung genehmigen muss. Wann der Regionalplan rechtskräftig wird, hängt insbesondere von Umfang und Inhalt der Stellungnahmen ab.

Die Regionalversammlung Mittelhessen bilden 31 Vertreter von Landkreisen und großen Städten. Ziel der Regionalplanung ist, die Entwicklung der Gemeinden aufeinander abzustimmen. Deshalb legt der Plan zum Beispiel überörtliche Straßen, Siedlungs-, Gewerbe-, Naturschutz- und Waldgebiete, landwirtschaftliche Flächen sowie Gebiete für den Klima- und Hochwasserschutz fest. Der Regionalplan bildet somit die Grundlage für das weitere Planen einer Kommune. Ob diese ein Siedlungs- oder Gewerbegebiet entstehen lässt, hängt unter anderem vom Willen der Kommune sowie vom Ergebnis einer Umweltprüfung ab.

Der Plan ist einsehbar unter https://rp-giessen.hessen.de/planung/regionalplanung/regionalplan-mittelhessen und im Kreishaus. Stellungnahmen dazu können unter https://beteiligungsportal.hessen.de/portal/rpgi/beteiligung/themen/1000180, per E-Mail an regionalplan@rpgi.hessen.de oder beim Regierungspräsidium Gießen, Dezernat 31 - Regionalplanung, Bauleitplanung, Colemanstraße 5, 35394 Gießen, abgegeben werden.

Das Regierungspräsidium beziffert den Gewerbeflächen-Bedarf in Marburg auf 56 Hektar innerhalb der nächsten zwölf Jahre. Dem trägt der Entwurf des Regionalplans mit mehreren „Vorranggebieten Industrie und Gewerbe Planung“ Rechnung. Völlig unproblematisch sind diese Gebiete allerdings auch nicht. So hat ein etwa 33 Hektar großes Gebiet bei Moischt aus Sicht der Stadtverwaltung den Nachteil, dass dafür gute landwirtschaftliche Flächen in Anspruch genommen werden müssen, wie aus einem Schreiben an das Regierungspräsidium hervorgeht. Will die inzwischen grün-rot-grün regierte Stadt also auf das zu Zeiten der ZIMT-Regierung vorgeschlagene Gewerbe-Vorranggebiet in der Lahnaue verzichten? Oder wird sie versuchen, doch noch eine Aufnahme des Gebiets in den Regionalplan zu erreichen?

Magistrat will Plan-Entwurf zunächst prüfen

Auf OP-Anfrage wollte die Stadtverwaltung sich noch nicht klar positionieren. „Das kann die Stadt Marburg zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten“, teilte Patricia Grähling von der Pressestelle der Stadt auf die Frage mit, ob die im Entwurf vorgesehenen Gewerbeflächen ausreichend seien. Der Regionalplan-Entwurf sei schließlich gerade erst offengelegt worden. Der Magistrat werde nach einer Prüfung der Stadtverordnetenversammlung eine Position zur Beschlussfassung vorlegen.

„Die Stadt Marburg wird eine Stellungnahme formulieren, die die Interessen der Stadt Marburg formuliert und in die Anregungen und Hinweise aus der Stadt einfließen, und diese der Stadtverordnetenversammlung zur Abstimmung vorlegen“, erklärte Grähling weiter.

Gewerbe-Vorranggebiete

Der aktuelle Regionalplan-Entwurf sieht für die Stadt Marburg vier Vorranggebiete für Industrie und Gewerbe vor, wie das Regierungspräsidium auf OP-Anfrage mitteilte:

Westlich von Cappel eine etwa 7 Hektar große Fläche zwischen B3a und Bahn.

Ebenfalls westlich von Cappel eine etwa 15 Hektar große Fläche zwischen dem bestehenden Gewerbegebiet und der Ortslage von Cappel.

Die Erweiterung des bestehenden Gewerbegebiets „Görzhäuser Hof“ südlich von Michelbach um etwa 25 Hektar.

Südlich von Moischt ein etwa 33 Hektar großes Gebiet an der L 3125.

Der Umweltbericht zum Regionalplan sieht allerdings erhebliche Wirkungen auf die Umwelt und empfiehlt deshalb den Verzicht auf die größere Fläche bei Cappel, die Verkleinerung der Fläche bei Michelbach und eine vertiefte Umweltplanung bei den anderen Flächen.

Weitere gewerbliche Entwicklungsmöglichkeiten hat die Stadt demnach innerhalb von Vorbehaltsgebieten für Landwirtschaft, zum Beispiel im Bereich des ehemaligen Betonwerks auf den Lahnbergen, sowie in interkommunalen Gewerbegebieten auf dem Gebiet anderer Gemeinden.

Ebenso wie die anderen Städte und Gemeinden im Regierungsbezirk soll die Stadt Marburg im Regionalplanverfahren eine Stellungnahme zum Entwurf abgeben. Darüber hinaus können Verbände, Institutionen, Gremien und Privatpersonen Stellungnahmen beim Regierungspräsidium einreichen.

Von Stefan Dietrich

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