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Marburg Redner: „Sicherheit neu denken“
Marburg Redner: „Sicherheit neu denken“
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19:05 22.04.2019
200 Menschen nahmen an dem Osterspaziergang durch die Marburger Innenstadt teil. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Die Enttäuschung über die Resonanz am Osterspaziergang war den Organisatoren anzumerken: Der DGB-Kreisvorsitzende Pit Metz gab bei der Auftaktkundgebung am Deserteursdenkmal in der Frankfurter Straße seiner Hoffnung Ausdruck, die Zahl der Teilnehmer werde im Verlauf des Demonstrationszugs noch steigen. Und Ralf Schrader, Sprecher des Marburger Bündnisses „Nein zum Krieg“, sagte, die Friedensbewegung und die neue Umweltbewegung „Fridays for Future“ seien eigentlich „logische Partner“, denn beiden gehe es um „Lebenschancen für alle“.

Seit 20 Jahren steht das Marburger Deserteursdenkmal in der Frankfurter Straße, nachdem die Geschichtswerkstatt bereits zehn Jahre zuvor einen Gedenkstein hatte bauen lassen. An die jahrelange Auseinandersetzung um das Denkmal erinnerte Michael Heiny von der Geschichtswerkstatt. Er berichtete, dass das Denkmal schon wenige Tage nach seiner Einweihung verschwunden war. Es sollte zehn Jahre dauern, bis es per Beschluss der Stadtverordnetenversammlung seinen endgültigen Platz gefunden hatte.  2018 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, das Denkmal öffentlich aufzuwerten und das Gedenken an die Opfer der Terrorjustiz der Nationalsozialisten, die kurz vor Kriegsende noch ermordet wurden, zu erleichtern.

Gegen Krieg und für eine soldidarische Gesellschaft gingen wieder Hunderte in Marburg auf die Straße.

Heiny berichtete von Forschungen der Geschichtswerkstatt, nach denen Standortgerichte in der Lutherstraße 9 zahlreiche Verfahren wegen Desertion erledigten. Ein „beliebter“ Erschießungsplatz war Dreilinden oberhalb von Ockers­hausen. Die Geschichtswerkstatt will dem Stadtparlament vorschlagen, dieses noch weitgehend unbekannte Kapitel jüngerer Marburger Vergangenheit näher
zu erforschen.

Am Ende des Demonstrationszugs, am Denkmal für die Marburger Jäger im Ludwig-Schüler-Park, gab Schrader seiner Hoffnung Ausdruck, dass das vom Parlament beschlossene Denkmal für die Opfer der Marburger Jäger (OP vom 20. April 2019) noch in diesem Jahr fertig installiert werde. Ein idealer Termin für die Einweihung sei der internationale Antikriegstag am 1. September.

Joch durch Marburg getragen

Wie konkrete Schritte zum Frieden aussehen können, berichtete Ralf Becker von der Evangelischen Landeskirche Baden. Die hat schon vor Jahren ein Szenario „Sicherheit neu denken“ entwickelt und in den vergangenen Jahren bekannt gemacht. Jetzt soll eine bundesweite Kampagne gestartet werden, um das Szenario bekannter zu machen. Die Evangelische Landeskirche in Baden hat eine 5-jährige Projektstelle eingerichtet, um eine Kampagne für eine zivile Sicherheitspolitik aufzubauen. Sie ist seit 1. April mit Becker besetzt, der in Marburg einige der konkreten Schritte vorstellte: Von der Selbstverpflichtung, bis 2040 nur noch Rohstoffe aus Afrika mit fair-trade-Siegel zu importieren oder  

zum Vorhaben, bis 2040 17 Milliarden Euro pro Jahr in die nordafrikanischen Staaten zu importieren satt in die Rüstung, bis hin zu einer stufenweisen Entwicklung einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland gehen die
Vorschläge der badischen Landeskirche, die Becker vorstellte – ganz konkrete Schritte, für die in den kommenden Jahren Mehrheiten gesucht werden.

Der Marburger Friedensaktivist Hans Horst Althaus war eine der auffälligsten Figuren des Osterspaziergangs. Er trug ein Joch, an dem stilisiert Kreuze aus der deutschen Militärgeschichte hingen. Der Theologe nahm damit Bezug auf das Joch, das laut Altem Testament das jüdische Volk bei seiner Vertreibung in das Babylon Nebukadnezars zu tragen hatte (Jeremia 27).

Außerdem sprachen Daniel Rawski für die SDAJ und Aziz Ilhan von der Förderation Demokratischer Arbeitervereine sowie Sabina Galic und Judith Butzer von der ICAN Hochschulgruppe Marburg.

von Till Conrad