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Marburg „Tschernobyl hat mich sehr geprägt“
Marburg „Tschernobyl hat mich sehr geprägt“
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15:05 02.05.2021
Der havarierte Reaktor in Tschernobyl erhielt eine Schutzhülle.
Der havarierte Reaktor in Tschernobyl erhielt eine Schutzhülle. Quelle: Alexander Kaschte / Insektenhaus-Verlag.de
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Marburg

 Es war eine Katastrophe, die sich ins Gedächtnis eingebrannt hat: Der Super-Gau im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Das Reaktorunglück, das sich vergangene Woche zum 35. Mal jährte, beschäftigt Menschen auch in Marburg bis in die Gegenwart. Etwa den Musiker, Schriftsteller und Fotografen Alexander Kaschte, der die Gegend um Tschernobyl ein dutzend Mal besucht und einen Foto-Bildband darüber veröffentlicht hat. „Tschernobyl ist Teil meiner Kindheit gewesen“, sagt Kaschte, Jahrgang 1978, „das hat mich sehr geprägt.“ Auch für den Pfarrer in Ruhe Hans-Horst Althaus war der Super-Gau ein prägendes Ereignis. An diesem Montag wird Althaus wieder mit Gleichgesinnten gegen Atomkraft auf die Straße gehen. „Die Gefahr durch Atomkraft sowohl in unserem Land als auch in anderen Ländern ist unbestreitbar“, warnt der Aktivist. „Wir leben auf einem Pulverfass.“

Nach der Nuklearkatastrophe am 26. April 1986 dauerte es Tage, bis der Weltöffentlichkeit das Ausmaß der Jahrhundertkatastrophe klar wurde. „Man hat dann festgestellt: Überall kommt die radioaktive Strahlung an“, erzählt Althaus, der damals Pfarrer in Fritzlar war und zwei Jahre später nach Cappel kam. „Es wurde empfohlen, nicht im Sandkasten zu spielen und nicht den eigenen Garten abzuernten. Das Leben war an vielen Stellen eingeschränkt. Jeder hatte auf seine Weise Angst: Draußen in der Luft ist Radioaktivität!“

Große Demonstrationen in Marburg

„Die Ereignisse in Tschernobyl und Fukushima waren für uns eine Bestätigung von Befürchtungen“, beschreibt Althaus, wie er die Nachrichten von den Nuklearkatastrophen 1986 und 2011 erlebte. Denn seine Einstellung war schon von einem anderen Ereignis geprägt – den Atombomben-Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945.

„Ich war damals sechs Jahre alt, als sich die Nachricht verbreitete: Von einer einzigen Bombe ist eine ganze Stadt kaputt gegangen“, erzählt der Pfarrer. Das Stichwort „Atom“ wurde für ihn zum Sinnbild der Zerstörung. Ein Bild, das gerade die Atommacht USA korrigieren wollte: „Atomenergie für den Frieden“ lautet der Titel eines Hefts des US-Informationsdienstes aus den 1950er-Jahren, das Althaus aufbewahrt hat. Neben dem medizinischen Einsatz von Strahlung rühmt die Broschüre die Kernenergie. Doch Althaus glaubte nicht an die friedliche Nutzung der Atomkraft. „Atombomben und Atomkraft kommen aus demselben Schoß“, meint er. Schließlich entstehe in Atomkraftwerken Plutonium, das zur militärischen Nutzung geeignet sei.

Althaus erinnert sich, dass es in den Jahren nach der Atomkatastrophe riesige Demonstrationen gab, auch in Marburg: „Da sind tausend Leute oder mehr auf dem Marktplatz zusammen gewesen, da habe ich auch manche Rede gehalten.“ Früher gab es in Marburg wöchentlich Demonstrationen des Anti-Atom-Forums, inzwischen gehen Althaus und seine Mitstreiter jeweils am ersten Montag des Monats vom Elisabeth-Blochmann-Platz aus durch die Oberstadt und zurück – „in letzter Zeit meist zu dritt oder zu viert“.

Einwohner kehren in die Sperrzone zurück

Nach der Katastrophe von Tschernobyl wuchs in Deutschland die Anti-Atomkraft-Bewegung – und das Bedürfnis, den Menschen aus der Region um Tschernobyl zu helfen. Dadurch kam der Künstler Alexander Kaschte im Jahr 2014 zum ersten Mal in die Ukraine: Er begleitete den Organisator eines Hilfstransports. „Ich wollte das alles mal mit eigenen Augen sehen“, sagt Kaschte. Es war gerade in der Zeit, als tausende Menschen in der Hauptstadt Kiew auf dem Maidan protestierten. Kaschte begann zu fotografieren – in Kiew, aber auch in der Region um Tschernobyl. So entstand der Bildband „Und der Name des Sterns heißt Demut“.

Nach der Nuklearkatastrophe mussten die Einwohner das Gebiet im Umkreis von 30 Kilometern um Tschernobyl verlassen. „Die Leute, die nach dem Gau nach Kiew ausgesiedelt wurden, waren sehr viel Mobbing ausgesetzt“, erzählt Kaschte. „Die Regierung hat ihnen Wohnungen zugeteilt, die eigentlich schon an andere vergeben waren. Und viele Menschen hatten Angst vor ihnen: Die sind verstrahlt.“ Besser sei es den Menschen ergangen, die aus Prypjat in die neu gegründete Stadt Slawutytsch umgesiedelt wurden.

Doch auch in der Sperrzone leben wieder Menschen. Kaschte hat einige von ihnen getroffen. „Den Leuten in der Zone geht es relativ gut“, berichtet er. Denn nicht die gesamte Sperrzone sei gleichmäßig atomar verseucht, sondern es gebe in dem Gebiet verseuchte Flächen. „Die Bauern wollten einfach zurück zu ihrem Hof und ihren Tieren, sie sind unter dem Zaun zurückgegangen.“ Die Hartnäckigkeit dieser Menschen habe dazu geführt, dass die Behörden nun dulden, dass sie in der Sperrzone leben. In seinem Bildband hat Kaschte die widersprüchlichen Facetten der Region um Tschernobyl festgehalten. Auf der einen Seite recht zufrieden wirkende Bewohner der Sperrzone – auf der anderen Seite gespenstische Ruinen.

Atomkraft-Gegner machen weiter

Heute scheint Tschernobyl für viele weit weg. „Es ist doch alles gelaufen, wir steigen doch aus“ – diese Reaktion hört Althaus oft, wenn er mit einer kleinen Gruppe beim monatlichen Anti-Atom-Spaziergang durch Marburg zieht. „Wenn man dann das Thema Atommüll anspricht, herrscht große Verlegenheit“, sagt er. Die Gruppe habe immer ihre Fahnen dabei – mit der roten Sonne auf gelbem Grund und der Aufschrift „Atomkraft? Nein danke“ –, um auf dem etwa 45-minütigen Spaziergang mit Passanten ins Gespräch zu kommen. Es gebe auch viel Zustimmung, berichtet Althaus, der seit zwei Jahren die Organisation der kleinen Demonstrationen übernommen hat. „Das ist ja wahr, das muss sein“, zitiert er aus Reaktionen von Bürgern. „Aber wir können auch ertragen, wenn uns jemand anmotzt.“

In Deutschland würden zwar die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet, aber das Brennmaterial werde für Kraftwerke in anderen Ländern zur Verfügung gestellt, kritisiert Althaus – und kündigt deshalb an: „Wir machen auch als kleine Gruppe weiter – ganz bescheiden, aber hartnäckig.“

Der Anti-Atom-Montagsspaziergang beginnt um 18 Uhr am Elisabeth-Blochmann-Platz.

Von Stefan Dietrich

03.05.2021
03.05.2021