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Marburg Schnitzeljagd, aber anders
Marburg Schnitzeljagd, aber anders
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09:00 03.07.2021
Da vorne, sind sie sich sicher, ist das gesuchte Motiv: Nele und Paul bei ihrer „Foto-Schnitzeljagd“.
Da vorne, sind sie sich sicher, ist das gesuchte Motiv: Nele und Paul bei ihrer „Foto-Schnitzeljagd“.
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Marburg

Paul hat ein Smartphone in der Hand. Nele will gucken, Frieda auch. Also schauen die drei Geschwister auf das Display. Aber sie sitzen nicht im Wohnzimmer, sie stehen an einem Feldweg. Es ist auch kein Video oder ein Spiel, was sie sich anschauen. Sie blicken auf ein Foto. Ihr Onkel hat es gemacht, ihrer Oma über einen Messengerdienst zugeschickt. Deren Gerät hat der sechsjährige Paul in der Hand. Er und seine Schwestern sehen darauf Birken. „Da“, sagt die fünfjährige Nele, zeigt eine Richtung, „dahinten sind sie, glaube ich.“ Paul stimmt zu. Sie gehen los, die dreijährige Frieda hinterher. Gefunden! „Noch mal!“, fordert Nele. „Aber schwerer. Das war zu einfach“, sagt Paul.

Das Grundprinzip ist nicht neu – im Gegenteil: Es ist uralt. Gemeint ist die klassische Schnitzeljagd, bei der es darum geht, dass eine Gruppe eine andere Gruppe oder ein Ziel findet, dafür auf Hinweise achten muss. Der richtige Weg kann etwa mit Sägespänen, die mit etwas Abstand verstreut werden, markiert werden. „Ist das zu einfach, kann variiert werden“, sagt Karen Rohlfs, die das Zentrum für Frühe Bildung beim Marburger Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit (bsj) leitet. Sie nennt Beispiele: „Man kann Waldläuferzeichen benutzen.“ Mit Ästen können Pfeile gelegt werden oder aufeinandergelegte Steine den Weg weisen. „Wenn das Gras hoch ist, kann man auch einen Knoten in ein Büschel machen und damit signalisieren, wo es weitergeht“, erklärt Rohlfs. Wichtig ist, nur Gegenstände aus der Natur oder Materialien wie Sägespäne zu verwenden, die sich von selbst verflüchtigen, also nicht als Müll zurückbleiben.

Paul, Nele und Frieda haben sich etwas gedulden müssen. Jetzt aber sind neue Fotos auf dem Handy ihrer Oma angekommen, kann die „Foto-Schnitzeljagd“ starten. Paul schaut auf das erste Bild. „Es soll doch nicht so einfach sein“, beschwert er sich, weiß nämlich sofort, wo der abgebildete Spielzeugbagger zu finden ist. Dann schaut er, schauen auch Nele und Frieda auf das nächste Foto. „Hä? Was ist denn das?“, fragt Paul. Tja, sollte doch schwerer werden. Allzulange brauchen die Geschwister dann aber doch nicht, um darauf zu kommen, dass es sich um eine Detailaufnahme eines Mauerpfostens ganz in der Nähe handelt. Weiter geht’s mit einem Schild, das auf einen Hydranten hinweist, einem Loch in einem Baumstamm, einer Markierung auf einem Weg, einer Plakette an einem Zauntor, die vor einem Hund als „Alarmanlage“ warnt, einer Muschel in einem Vorgarten ...

Bildschirmzeiten – also auch die Nutzung von Handy und Tablets – sollten für Kinder gering gehalten werden. Aber auch auf die Kleinsten üben die Geräte bereits eine große Anziehungskraft aus. „Wenn ein Erwachsener ein Smartphone benutzt, unterbricht das den Kontakt zum Kind“, erklärt Rohlfs. Wenn das Kind das Handy benutzt, ist es meist nicht anders. Trotzdem, sagt die Expertin, sollte die Nutzung der Geräte auch bei Ausflügen „nicht verteufelt“ werden: „Es ist völlig in Ordnung, wenn unterwegs ein paar Fotos für die Familie oder Freunde gemacht werden.“ Und schließlich können sie auch für moderne Formen der Schnitzeljagd genutzt werden, etwa auch mit eher für ältere Kinder und Jugendliche konzipierten Apps wie „Agent X“. „Wenn es dazu beiträgt, dass die Kinder und Jugendlichen rausgehen und sich bewegen, ist das eine gute Sache.“

Paul, Nele und Frieda kommen definitiv ordentlich in Bewegung. Einen guten Kilometer dürfte die Strecke, deren Ziel gar nicht weit weg vom Ausgangsort ist, lang sein – würde man sie auf geradem Weg zurücklegen. Das macht das Trio aber wahrlich nicht, läuft auf der Suche nach einem ramponierten Markierungsstein am Bürgersteigrand, einem alten Kaugummiautomaten, rosafarbenen Blumen, Blüten in Bäumen und – als größte Herausforderung – der Jahreszahl „1852“, eingraviert in eine Säule, ständig hin und her. Paul räumt am Ende ein: „Ja, das war schwerer.“ Und es hat offenbar eine Menge Spaß gemacht. „Noch mal!“, fordert Nele erneut. Heute nicht mehr. Aber gern bald wieder.

Raus ins Freie

In der Serie liefert die OP in Kooperation mit dem Marburger Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit (bsj) Anregungen, was Kinder, aber auch Jugendliche und Erwachsene, draußen machen, wie sie sich beschäftigen und dabei in Bewegung kommen können. Vorgestellt werden teils ganz entspannte, teils fordernde Aktivitäten, die nicht an einen bestimmten Ort gebunden sind, sondern überall oder zumindest an vielen Stellen mit leicht zugänglichen oder ganz ohne Geräte ausgeübt werden können. Weitere Informationen zum Verein und dessen Aktivitäten gibt es unter www.bsj-marburg.de.

Von Stefan Weisbrod