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Marburg Von wegen „dicke Luft“ im Wartezimmer
Marburg Von wegen „dicke Luft“ im Wartezimmer
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19:58 18.02.2021
Im Wartezimmer seiner Praxis testet Hautarzt Markus Rose einen Raumluftfilter mit Frischluftzufuhr und Wärmetauscher von der Firma Viessmann.
Im Wartezimmer seiner Praxis testet Hautarzt Markus Rose einen Raumluftfilter mit Frischluftzufuhr und Wärmetauscher von der Firma Viessmann. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Dr. Gerhard Scheuch gilt als einer der weltweit führenden Aerosol-Forscher. Bereits im vergangenen Herbst habe die Gesellschaft für Aerosolforschung ein Positionspapier herausgeben und neben Masken und Lüften vor allem Raumluftfilter als wirksame Maßnahme aufgeführt, um die Übertragung von Coronaviren möglichst zu verhindern (die OP berichtete).

Der in Hachborn lebende Forscher wundert sich beispielsweise, warum etwa „in Alten- und Pflegeheimen noch immer keine Raumluftfilter eingesetzt werden“. Denn die würden die Luft ständig säubern und auch Viren zuverlässig eliminieren. Scheuch konkretisierte kürzlich in einem Interview: „So ein Filtergerät im Aufenthaltsraum kann die Ansteckungsgefahr bis zu 70 Prozent verringern.“

Um die Ansteckungsgefahr durch die durch Aerosole übertragenen Coronaviren hat sich auch der Marburger Hautarzt Markus Rose Gedanken gemacht. Denn ihm war klar: Gerade beispielsweise in seinem Wartezimmer, wo viele Menschen zusammenkämen, sei die Ansteckungsgefahr vergleichsweise erhöht – trotz Einhaltung der Abstandsregeln und regelmäßigen Lüftens.

„Ich habe mir ohnehin schon länger über Luftfilter Gedanken gemacht, denn ich bin auch Mitglied im Stadtelternbeirat“, sagt Rose. Dort seien Luftfilter ohnehin Thema. Doch durch den Mann seiner Cousine sei der Hautarzt auf eine Entwicklung der Firma Viessmann aufmerksam geworden, erzählt Rose im Gespräch mit der OP.

Denn: Das Allendorfer Unternehmen hat einen besonderen Luftreiniger entwickelt, ursprünglich zum Einsatz in Schulen. Rose schrieb Viessmann an, dass er an einem der Geräte interessiert sei – und das Unternehmen fragte, ob er denn mit seiner Praxis an einem Pilotprojekt teilnehmen wolle. „Da habe ich zugesagt“, so der Hautarzt – und diese Entscheidung bisher noch nicht bereut. Bei der Viessmann-Entwicklung handelt es sich um sogenannte „hybride Lüftungsgeräte“, die Räume dauerhaft mit Frischluft versorgen und gleichzeitig eine Luftreinigung vornehmen. Durch eine permanente Luftzirkulation werden Aerosole reduziert und geschlossene Räume immer wieder mit frischer Außenluft versorgt – und, so erläutert der Hautarzt: „Noch dazu gibt es einen Wärmetauscher, was es gerade bei solchen Temperaturen wie wir sie gerade hatten, echt einfacher macht.“ Er bekomme frische Luft in sein Wartezimmer, ohne die Fenster öffnen zu müssen.

„Normalerweise war es so, wenn man mittags in die Praxis kam und schon viele Patienten da waren, dass man wie vor eine Wand gelaufen ist“, sagt Rose, „es war recht stickig – das ist alles weg, das gibt es nicht mehr.“ Und was für ihn viel wichtiger ist: „Meine Patienten sind jetzt noch sicherer. Denn das Gerät filtert nahezu 100 Prozent der Aerosole heraus, an denen die Viren haften.“ Doch wie kam es zu der Entwicklung der Geräte? „Es geht um das Thema gesellschaftliche Verantwortung“, sagt Viessmann-Unternehmenssprecher Jörg Schmidt. Das Unternehmen habe in der ersten Welle Beatmungsgeräte entwickelt – ähnlich, wie es auch Schneider Optik in Fronhausen gemeinsam mit Physikern der Philipps-Universität gemacht hatte. Und wie auch bei diesem Projekt gab es für die Viessmann-Beatmungsgeräte keine medizinische Zulassung. „Wir hätten eine Notfall-Zulassung bekommen, wenn sich die Situation noch weiter verschärft hätte“, so Schmidt.

Doch die Ideen gingen weiter: Was ist mit Schulen, wenn es im Winter eine zweite Corona-Welle gibt? Die Lösung lautete: Luftreinigungsgeräte. „Für Klassenräume brauchen wir Geräte, die sehr leise sind, die den gesamten Raum erfassen, eine sehr hohe Luftreinheit garantieren – und die Wärme soll im Raum bleiben“, zählt Jörg Schmidt auf. Entstanden ist ein wandschrankgroßes Gerät mit einem Lüftungsgitter in Bodennähe, „das im Betrieb kaum zu hören ist“, freut sich Hautarzt Markus Rose. Das Gerät arbeite nach dem „Quellluft-Prinzip“: Die frische Luft von außen strömt mit etwa einem bis eineinhalb Grad weniger als die Innenluft am Boden ein.

„Dadurch, dass Menschen hier sitzen, die Wärme abstrahlen, beginnt um sie herum die Luft aufzusteigen“, erläutert Jörg Schmidt. Oben werde die Luft wieder abgesaugt und über einen Hepa-14-Filter gereinigt. 800 Kubikmeter in der Stunde leiste das Gerät – die Hälfte werde gefiltert, die andere Hälfte ausgetauscht. „Und die abgesaugte Luft gibt ihre Wärme an die Luft ab, die von außen kommt“, so Schmidt. Die Installation in der Praxis sei „etwas aufwendiger gewesen, aber zum Glück musste ich mich um nichts kümmern“, sagt Markus Rose. Denn: In Klassenräumen würden die Luftschläuche einfach über ein Fenster geführt, „bei mir laufen die Schläuche zunächst über den Flur und dann in ein Fenster. Aber ansonsten ist das Gerät schnell installiert“, sagt Rose.

In Waldeck-Frankenberg laufen einige der Luftreiniger nun auch in Schulen als Pilotprojekte, die Frankenberger Tafel bekam einen, und auch in einem Kindergarten in der Marbach wird die Luft über das Viessmann-Gerät gereinigt. Ganz günstig ist das Gerät nicht: Rund 10 000 Euro kostet es, „je nach Einbausituation“, sagt Jörg Schmidt.

Vier Filter sind im Gerät enthalten, „einer davon muss einmal im Jahr gewechselt werden, die anderen zweimal jährlich“ – Kostenpunkt: 260 Euro. „Das kann in der Schule der Hausmeister oder jeder technisch versierte Mensch“, so Schmidt.

Von Andreas Schmidt

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