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Marburg „Rassismus gibt es leider überall“
Marburg „Rassismus gibt es leider überall“
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10:00 24.07.2020
Rasha Essa steht vor einem Plakat mit dem Titel „Respekt“ – den wünscht sich die Syrerin von und für alle Menschen. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Die Syrerin Rasha Essa kam 2015 nach Marburg, geflohen aus ihrem Heimatland. Sie lernte in Windeseile Deutsch – und das so gut, dass ihr auch Fachbegriffe wie „Beschäftigungsdauer im Verbleibsintervall“ fließend über die Lippen kommen. Denn nach einer Einstiegsqualifizierung absolvierte die heute 35-Jährige eine Ausbildung bei der Arbeitsagentur Marburg zur Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen. Und: Nach ihrer Ankunft in Marburg wohnte Rasha Essa zunächst bei einer Deutschen Familie, lernte dort auch „ein paar Brocken Platt“, wie sie lachend erzählt. „Mach’s gout, gelle – alles kein Problem“, erzählt sie. Die Integration ist also perfekt gelungen und Rassismus ist kein Thema?

„Naja, ganz so ist es nicht. Aber es ist kein tägliches Problem“, sagt sie im Gespräch mit der OP. Das mag an ihrem scheinbar immerwährenden strahlenden Lächeln liegen. „Aber ich merke auch, dass ich im Bus häufiger kontrolliert werde als andere Fahrgäste“, sagt sie.

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Auf ihrer Flucht hatte sie bereits mit Rassismus zu tun. Und auch vor ihrer Arbeit bei der Agentur merkte sie, dass es auch in Deutschland nicht immer vorurteilsfrei zugeht. „Eine Kollegin sagte zu mir, dass ich eine Stelle ja nur bekommen habe, weil ich aus Syrien komme. Dabei hätte sie doch jahrelang studiert – der Job würde ihr zustehen.“ Sie habe geantwortet, dass sie wohl nichts tun könne, um diese Vorurteile zu ändern. „Aber vielleicht ist es ja besser, dass ich hier arbeite, anstatt von deinen Steuern zu leben“, erzählt Essa.

Alltagsrassismus versucht sie zu ignorieren

Eltern von Freunden würden sie aufgrund ihrer Herkunft mitunter ignorieren, Nachbarn sich manchmal über angeblichen Lärm beschweren, „obwohl ich mich mit meinem Mann ganz leise unterhalten habe“. Es gebe also viele „Mini-Mini-Vorfälle, die eigentlich nicht besonders schlimm sind“, findet Rasha Essa. Wie reagiert sie darauf? „Manchmal kommen unbedachte Äußerungen – die ignoriere ich total und tue so, als ob ich nichts gehört hätte“, sagt sie. Aber kalt lassen sie diese Dinge nicht, „es fällt mir überhaupt nicht leicht und trifft mich hart. Ich muss dann sehr lange darüber nachdenken, und es ist immer eine Verletzung“, sagt sie. Essa weiß: „Rassismus gibt es überall, und trotz dieser Vorfälle bin ich in Marburg wirklich sehr gut aufgenommen worden.“

In Syrien hat sie hauptsächlich Diskriminierung erfahren, „wegen meines Kopftuchs, das ich ja selbst gewählt habe, konnte ich zum Beispiel nicht überall arbeiten“. Kein weiteres Familienmitglied trage Kopftuch, „es war also meine persönliche Entscheidung“. Und die hat Rasha Essa relativ spät im Alter von 22 Jahren getroffen – „und zwar absolut bewusst“, wie sie sagt. Ihre Erziehung sei frei von Religion gewesen, „ich habe dann sehr viel über alle Religionen gelesen und mich letztlich für den Islam entschieden“. Dazu gehöre für sie als Symbol eben auch das Kopftuch, obwohl dieses nicht vorgeschrieben sei. Als sie sich „hundertprozentig sicher war“, habe sie die Entscheidung pro Kopftuch getroffen.

Ablehnung wegen Kopftuch

Dass die symbolische Kopfbedeckung auch Probleme im Alltag bereiten kann, dessen war sich Rasha Essa bewusst. Und mehr als einmal wurde sie deswegen auch bei Bewerbungen abgelehnt. „Ich bin der Überzeugung: Wer mich einstellt, der sollte Rasha kennenlernen – also mich wegen meiner Persönlichkeit und nicht wegen meines Aussehens oder meines Outfits einstellen“.

Hat sie die Entscheidung bereut? „Nein, vielmehr habe ich viele Äußerungen von Menschen hinterfragt. Warum müssen sie meine Religion beurteilen und nicht mich selbst?“, fragt sie. Und diesen Rechtfertigungsdruck erlebe sie auch in Deutschland. „Ich akzeptiere ja auch, wenn jemand voll tätowiert ist, obwohl ich das nicht mag – dennoch maße ich mir nicht an zu fragen, warum das so ist“, sagt sie. Und gibt zu, dass sie selbst auch nicht frei von Vorurteilen ist: „Ich musste anfangs sehr früh aufstehen, um morgens nach Kassel zu fahren“, erzählt Rasha Essa. Dabei sei sie jeden Morgen an der Bushaltestelle einem volltätowierten Mann begegnet, „ich hatte automatisch Angst, weil ich ja Kopftuch trage, nicht wusste, was wohl geschieht.“ Dabei habe er bestimmt genauso Angst gehabt, vielleicht gedacht, sie sei Terroristin. „Einmal habe ich in meiner Art einfach guten Morgen gesagt – und seither begrüßen wir uns immer“ – das Eis war gebrochen.

Rasha Essa hat also gemerkt: „Vorurteile gibt es auf beiden Seiten – auch bei mir.“ Sie wolle daran arbeiten, dies von ihrer Seite abzustellen und hofft, dass die Gesellschaft irgendwann dazu bereit ist, auf Vorurteile und Rassismus zu verzichten. „Marburg ist zum Glück eine sehr offene Stadt. Dennoch wundert es mich, dass es auch viele gebildete Leute gibt, die rassistisch denken. Wir sind alle Menschen, kommen aus derselben Quelle – egal, wo wir geboren sind.“

Von Andreas Schmidt