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Marburg Oggie Wisdom Lauer hofft auf die nächste Generation
Marburg Oggie Wisdom Lauer hofft auf die nächste Generation
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12:00 29.06.2020
Oggie Wisdom Lauer: „Wenn ich in Sambia bin, dann bin ich der Deutsche, der ständig auf die Uhr schaut.“ Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

„Vielleicht habe ich damals gar nicht wahrgenommen, ob ich diskriminiert werde”, erinnert sich Oggie Wisdom Lauer an die Zeit, als er mit 14 Jahren nach Deutschland kam. Der Teenager und seine beiden jüngeren Schwestern hatten ihre Heimat Sambia verlassen, um bei ihrer Tante in Cölbe zu leben. „Das war eine gute Zeit”, blickt Lauer zurück und sagt: „Dass es auch in Deutschland Rassismus gibt, habe ich so richtig erst mit 21 Jahren zu spüren bekommen.”

Wenn der Erzieher und Musiker über seine Erlebnisse aus dieser Zeit spricht, weicht sein sympathisches Dauerlächeln einem konzentriert-nachdenklichen Gesichtsausdruck: „Ich saß mit ein paar Freunden an der Lahn, und da kam eine ältere Frau vorbei, die sich demonstrativ die Nase zuhielt und vor uns ausspuckte.” Als sie später noch einmal an der Frau vorbeigingen, die sich auf eine Bank gesetzt hatte, die gleiche Geste: Nase zu und ausgespuckt. „Wir haben gelacht, aber es hat wehgetan”, erzählt der 29-Jährige. Eine ähnliche Erfahrung machte der Bandleader der Marburger Reggae-Formation „Rising Fire”, als er mit Perkussionisten aus Ghana auf dem Gelände des Georg-Gaßmann-Stadions probte: „Eine Anliegerin aus Ockershausen marschierte auf uns zu und sagte: Geht zurück in den Busch, da könnt ihr trommeln.” Seine Begleiter wollten sie zur Rede stellen, doch Oggie hielt sie mit den Worten zurück: „Warum diskutiert ihr? Bringt ihr Liebe entgegen, gebt ihr die Chance, sich zu ändern.”

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Auge um Auge ist nicht sein Ding

Auge um Auge, Zahn um Zahn sei nicht sein Ding, versichert Lauer: „Als Musiker predige ich, dass wir eine Menschheit sind.” Gar nicht so einfach, das zu glauben, wenn man als Schüler auf der Suche nach einer Praktikumsstelle in einer Autowerkstatt steht und dort von allen Anwesenden so lange ignoriert wird, bis man freiwillig die Segel streicht. Oder wenn man in der nächsten Werkstatt gesagt bekommt, es gebe keine freien Stellen: „Am nächsten Tag ging ein deutscher Freund aus meiner Klasse dorthin – und bekam das Praktikum.” Nach dem Besuch der Theodor-Heuss-Schule und dem anschließenden Abitur an der Adolf-Reichwein-Schule begann Lauer seine Ausbildung als Erzieher.

Mittlerweile ist er auf der Zielgeraden seines Anerkennungsjahres in der Kita des Eltern-Kind-Vereins angelangt und wird zukünftig in einer Einrichtung mit Jugendlichen arbeiten. Der Vater von zwei kleinen Söhnen ist sich sicher: „Kein Kind wird als Rassist geboren und je früher man beginnt, mit den Kindern darüber zu sprechen, desto größer ist die Chance, dass sie einmal die Welt verbessern können.”

Intensive Diskussionen nach Tod von Georg Floyd

Sehr viel und intensiv habe er mit Freunden und Familie über den gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA und die „Black Lives matter”-Bewegung diskutiert. Dabei sei vielen vielleicht zum ersten Mal so richtig klar geworden, dass Rassismus durchaus nicht nur in den USA existiere, sondern auch in einem „bunten Land” wie Deutschland.

Und als was sieht sich Oggie Wisdom Lauer selbst nach so vielen Jahren in diesem bunten Land? „Gute Frage”, antwortet der Rastaman mit seinem breiten Lächeln: „Wenn ich in Sambia bin, dann bin ich der Deutsche, der ständig auf die Uhr schaut, und hier bin ich der Afrikaner, der ständig zu spät kommt – man sitzt zwischen den Stühlen und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass mich das wohl zu einem Weltbürger macht.”

von Carsten Beckmann

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