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Marburg Wenn die Tür zur Disco versperrt bleibt
Marburg Wenn die Tür zur Disco versperrt bleibt
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17:38 22.06.2020
Aman Asghedom in seinem afrikanischen Restaurant „Dromedar“ in der Nähe des Marburger Rudolphsplatzes. Quelle: Marcello Di Cicco
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Marburg

Erfahrungen mit Zurückweisung hatte Aman Asghedom schon häufiger. An ein einschneidendes Ereignis erinnert sich der 41-Jährige aber noch gut. „Ich war 16, 17“, erzählt Asghedom, „und habe mich für unsere Familie telefonisch nach einer Wohnung erkundigt, weil mein Vater gearbeitet hat. Mir wurde dann ein Besichtigungstermin genannt.“ Als sich sein Vater abends erneut nach der Wohnung erkundigte, sei sie angeblich bereits vergeben gewesen – so die Auskunft am Telefon. Verdutzt fragte Aman Asghedom einen Tag später erneut nach der Wohnung – mit dem Ergebnis, für dieselbe Wohnung wieder einen Besichtigungstermin zu bekommen. „Man muss nun wissen, dass mein Vater nur gebrochen Deutsch sprach.“ Auf die Verwirrung angesprochen, „hat die Frau am Telefon zu mir gesagt: ,Der Vermieter möchte keine Ausländer.’ Da musste ich erstmal schlucken, das war schon extrem“.

Mit vier Jahren kam Aman Asghedom mit seinen Eltern und fünf Geschwistern aus Eritrea nach Deutschland, wuchs in Gießen auf, ging dort zur Schule und machte dort eine Ausbildung zum Handelsfachwirt, später seinen Meister in Frankfurt. Seit 2007 ist er Inhaber des „Dromedar“ in Marburg. In seinem afrikanischen Restaurant begegne ihm im Alltag zwar kein Rassismus, dafür aber außerhalb.

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„In 80 bis 90 Prozent der Clubs komme ich nicht rein“

Ob in Marburg, im Gießener Raum oder in Frankfurt – schon oft sei ihm allein oder in einer Gruppe mit anderen dunkel- oder hellhäutigen Freunden der Zutritt zu Discotheken verweigert worden. Wegen seiner Hautfarbe, ist sich der in Niederweimar wohnhafte Gastronom sicher – auch wenn ihm das nie gesagt wurde. „In 80 bis 90 Prozent der Clubs komme ich nicht rein. Aber damit habe ich mich längst abgefunden.“ Diskussionen mit Türstehern führe er deshalb schon lange nicht mehr – auch um Personen, die ihn ausgrenzen, nicht noch mehr das Gefühl zu geben, über seine Freiheiten bestimmen zu können. „Je mehr man diskutiert, desto stärker fühlt sich dein Gegenüber“, bringt es Asghedom auf den Punkt.

Was den ihm entgegengebrachten Rassismus angeht, „bin ich mittlerweile absolut abgestumpft“, sagt der Gastronom, der einräumt, dass er sich in solchen Momenten zwar kurzzeitig ärgere. Inzwischen seien er und Freunde aber längst vorbereitet auf das, was passieren könnte, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. „Wenn man diese Erfahrungen so lange macht, hat man im Hinterkopf immer einen Plan B, woanders hinzugehen. Nach dem Motto: Wir gehen dorthin, und wenn das nicht klappt, gehen wir dorthin.“ Die Zurückweisung ging allerdings nicht immer spurlos an Asghedom vorbei – im Gegenteil. Bis vor kurzem war er aktiver Fußballer, spielte in jungen Jahren mit Weltmeister Uwe Bein beim VfB Gießen, danach in Aßlar, Wetzlar, Braunfels sowie bei den heimischen Teams Sportfreunde Blau-Gelb Marburg und SV Bauerbach. Beim SVB war er kurzzeitig Spielertrainer, gelegentlich springt er bei der zweiten Mannschaft des Verbandsligisten noch als „Stand-by-Kicker“ ein. „Auf dem Platz konnte ich mich immer gut wehren. So wie ich eingesteckt habe, habe ich auch ausgeteilt.“ Zumal der sogenannte Trash-talk, also eine gewisses Maß des gegenseitigen Beleidigens unter Gegenspielern, nicht ungewöhnlich sei. Generell seien rassistische Beleidigungen vonseiten der Zuschauer häufiger und heftiger, meint Asghedom.

Zurückweisungen hinterlassen ihre Spuren

Was jedoch mehr an ihm nagte: „Wenn man als Mannschaft irgendwohin zum Feiern gehen wollte, man aber als einziger herausgepickt wurde und nicht hereinkam. Damit kriegt man gesagt: ,Du bist anders, hier nicht erwünscht.’ Das ist schon ganz schlimm“, sagt Asghedom.

Ob bei der Wohnungssuche oder beim Eintritt in einen Nachtclub – Zurückweisungen aus rassistischen Motiven hinterlassen bei dunkelhäutigen Menschen ihre Spuren, lässt Asghedom durchblicken: „Ob in der Schule oder im Sport – man fühlt sich eingegliedert und wird dann in bestimmten Situationen wieder zurückgeworfen, wenn jemand sagt: ,Nein, du nicht!’ Man denkt dann: ,Okay, ich bin doch anders.’“

Dabei zeige das Coronavirus derzeit überdeutlich, dass dies eben nicht so ist. „So ein Virus unterscheidet nicht zwischen Hautfarbe, Religion oder Herkunft, es pickt niemanden heraus“, veranschaulicht Asghedom – und hofft, dass die Corona-Krise dazu führt, dass Menschen aller Couleur künftig stärker zusammenrücken. So wie viele es bereits jetzt tun – als Reaktion auf den Tod George Floyds bei einem Polizeieinsatz. Asghedom: „Ich dachte zuerst, dass dieses Video nur ein Film ist, dass das nicht echt sein kann.“ War es aber. Für den 41-Jährigen „einfach ganz schlimm“.

Von Marcello Di Cicco

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