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Marburg Beim „N-Wort“ bleibt Samuel Obeng ruhig
Marburg Beim „N-Wort“ bleibt Samuel Obeng ruhig
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16:30 28.06.2020
Der Ghanese Samuel Obeng absolviert aktuell in Marburg eine Ausbildung zum Krankenpfleger-Helfer und will danach eine zum Krankenpfleger anschließen. Quelle: Gianfranco Fain
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Marburg

Deutschland ist ein schönes Land und vor allem: „Hier läuft alles gut“, findet Samuel Obeng. Vor etwas mehr als drei Jahren verabschiedete er sich von seinen Eltern und seinen beiden Schwestern, verließ als ausgebildeter Krankenpfleger seine Heimat Ghana. Das Angebot eines Freundes der Familie führte ihn nach Marburg, wo er zuerst bei ihm unterkam und seinen Job im Freiwilligen Sozialen Jahr im Altenheim des St.-Elisabeth-Vereins antrat.

Eigentlich sollte es bei diesem einen Jahr bleiben, um Land, Leute und Kultur kennenzulernen. Doch es kam anders. „Das Gesundheitssystem funktioniert hier besser“, stellte der 26-Jährige fest und sagte sich: „Ich kann hier mehr erreichen und später mit dem DRK oder der Organisation Ärzte ohne Grenzen etwas in Ghana bewirken.“

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Weil sein in Ghana erworbenes Fachwissen in Deutschland nicht anerkannt ist, begann Obeng eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Bald stellte er jedoch fest, mit den an einem Goethe-Institut erworbenen Sprachkenntnissen nicht ausreichend für das Berufsleben gewappnet zu sein. Er stufte auf Krankenpfleger-Helfer zurück, beendet seine Ausbildung im Universitäts-Klinikum dieses Jahr und will dann eine dreijährige zum Krankenpfleger anschließen. Mittlerweile hat er seine Sprachkenntnisse verbessert, wozu weitere Deutsch-Kurse beitrugen – und auch sein frühzeitiger Einzug in eine Wohngemeinschaft mit gleichaltrigen Deutschen.

„Neugierde hat nichts mit Rassismus zu tun“

„Sie sprechen aber gut Deutsch“, nimmt Samuel Obeng deshalb auch als Kompliment an, hat auch keine Probleme damit, wenn ihn jemand fragt, wo er herkommt. „Ich merke ja, wenn es diese Menschen interessiert. Diese Neugierde hat nichts mit Rassismus zu tun“, sagt der Ghanese, der als offener Mensch die Gelegenheit zu Gesprächen nutzt. Was ihm Unbehagen bereitet, ist dagegen der „versteckte Rassismus“. Der tritt für ihn zum Beispiel zutage, wenn sich im Bus niemand neben einen Dunkelhäutigen setzt, ein frei werdender Platz aber sofort besetzt wird. Oder wenn er in einer Therme angestarrt wird, weil er der einzige Schwarze im Raum ist. „Das ist unangenehm“, bekennt Samuel Obeng.

Ein einschneidendes Erlebnis hatte er zu Beginn seines Deutschland-Aufenthalts, als eine ältere Frau zu ihm im Oberstadtaufzug sagte: „Wir sind hier nicht im Wald“. Richtig bitter werde es aber, wenn ihn jemand bei seiner Arbeit fragt, ob er denn wisse, was er da tue oder er gar mit dem „N-Wort“ tituliert wird, nur weil ein Patient etwas warten musste.

In letzterem Fall habe seine Kollegin den Patienten zur Rede gestellt und anschließend mit ihm das Zimmer verlassen. Dennoch habe er sich beherrschen müssen. Solche Situationen nicht eskalieren zu lassen, die Kontrolle über sich zu bewahren, darauf sei er schon von seinem Deutsch-Lehrer vorbereitet worden. Samuel Obeng versucht dann, mit denjenigen ins Gespräch zu kommen oder zieht sich zurück, verlässt den Ort.

Hobby: Fußball spielen in Bauerbach

Zum Glück seien solche Szenen hier selten. „Marburg ist eine offene Stadt. Hier ist es nicht so dramatisch, wie in anderen Städten“, meint der Ghanese, der seine Freizeit mit Gleichgesinnten der Ansgar-Gemeinde oder in Bauerbach beim Fußballspielen mit der Zweiten Mannschaft verbringt. Obeng hofft, dass der Rassismus in Zukunft immer unbedeutender wird und schließlich keine Chance mehr hat. „Ich möchte nicht wegen meiner Hautfarbe verurteilt werden, sondern in Frieden und Solidarität mit Menschen zusammenleben.“ Dafür setzt er sich auch im „Afrikanische Studenten Verein“ als Vizepräsident ein.

von Gianfranco Fain

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