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Marburg Rampensäue im Schlüpferregen
Marburg Rampensäue im Schlüpferregen
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00:18 16.03.2019
Das war wild: Arne Runzheimer, Frontmann der heimischen Rhythm Torpedoes, unterstützt mit Waschbrett den Auftritt von The Royal Flush aus der Schweiz. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Beim letzten Lied muss das geliebte Waschbrett dran glauben. Mit voller Wucht schwingt Arne Runzheimer die Gitarre über den Kopf und zertrümmert sie auf der Bühne. Passiert schon mal im Rausch des Rock‘n‘Roll. Und den hat der Frontmann der Rhythm-Torpedoes im Blut.

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Der Sänger der heimischen Rockabilly-­Band mit der tiefen Johnny-Cash-Stimme ist die geborene Rampensau. Immer Vollgas. Schon nach den ersten Takten hat der 35-Jährige das Publikum auf seiner Seite. Alles jubelt. Der treibende Beat von Bassist Jeremiah „Johnsen“ Nickel bringt die Beine der Besucher zum Zappeln.

Gitarrist Daniel Heberling bezirzt mit Fingerspitzengefühl und die Spielfreude von Schlagzeuger Mathis Pfeifer begeistert. Die Jungs aus Marburg/Gießen bringen die Waggonhalle zum Beben. Sie zelebrieren die Musik der 50er-Jahre.

Nur ein bisschen dreckiger. Vor allem die Songs ihres noch nicht im Handel erhältlichen dritten Albums gehen ordentlich ab und beeindrucken durch mitreißende musikalische Reife. Nach wenigen Songs fliegen Schlüpfer auf die Bühne – die Lacher hinterher. Man kennt sich in der Rockabilly-Szene.

Viele Anhänger dieser leidenschaftlichen Subkultur haben den Weg zur 1. Wild Invasion nach Marburg gefunden – und dafür eine lange Anreise auf sich genommen. Marco Behrendt zum Beispiel ist extra aus Österreich angereist.

Auf seinem schwarzen T-Shirt steht in gelber Schrift: „I love this f#cking Garagenscheißband-Sound“. Es ist ein Zitat von Arne aus dem Vorbericht in der Oberhessischen Presse, das den digitalen Weg bis nach Österreich gefunden hat. „Einfach genial“, findet Marco den Abend und hat dafür gern sechs Stunden Fahrt in Kauf genommen.

Nicht ganz so weit hatte es Dominique Bürkle. Sie kommt aus Offenbach. Die Lehrerin lebt den Look der amerikanischen 50er-Jahre auch im Alltag. Das Blumenkleid und die mit Blümchen geschmückte Haartolle trägt sie zur Freude ihrer Schüler auch an ihrer Gesamtschule.

„Das Frauenbild von damals finde ich natürlich kritisch, aber der Stil war einfach schön“, sagt sie. Viele der Besucherinnen tragen Petticoats. Bei den männlichen Gästen dominiert Pomade im Haar und Klamotten im Vintage-Stil.

Auch auf der Bühne. Denn die heimischen Rockabilly-Rabauken der Rhythm Torpedoes sind nicht die einzigen Musiker des Abends. Veranstalter Arne hat nicht nur Elvis Cantu, der ebenso wie die Torpedoes beim Hollywood-Label „Wild Records“ unter Vertrag steht, zum Gastauftritt bestellt, sondern auch The Royal Flush aus der Schweiz. Die Vier aus Solothurn bringen das Publikum mit mitreißendem Bop zum Tanzen.

Noch eine­ Schippe drauf legen Barny and The Rhythm All Stars. Frontmann Barny da Silva ist ebenfalls eine echte Rockabilly-Rampensau. Er gibt auf der Bühne alles: Wirft sich auf die Knie und schlägt im Rhythmus des Basses mit einer Hand in eine Bierpfütze. Singend. Im Takt. Unglaublich, dass die Musik trotzdem astrein ist.

Als dann beim letzten Lied Gastgeber Arne mit dazukommt und sein Waschbrett demoliert, ist ein unvergesslicher Abend perfekt. Geht es nach Arne, soll es nicht der letzte seiner Art in der Waggonhalle gewesen sein. Der Rock‘n‘Roll soll in Marburg weiterleben.

von Nadine Weigel