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Marburg Mit dem Rad gegen die Online-Riesen
Marburg Mit dem Rad gegen die Online-Riesen
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08:58 10.11.2020
Johannes Dreibrodt von „RadKu“ fährt als Radkurier mit dem Lastenfahrrad durch das Marburger Südviertel. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Kleine, regionale Läden haben es in der Corona-Krise besonders schwer – während Online-Riesen wie Amazon, Zalando und Co. boomen. Es ist wie der Kampf zwischen David und Goliath. Den hat bekanntlich David gewonnen, und zwar mit einem ganz einfachen Mittel, der Schleuder. Auch die Marburger Initiative RadKu (Radkurier) will den Handelsgiganten mit relativ einfachen Mitteln die Stirn bieten: mit Lasten-Fahrrädern. „Wir sehen uns als Konkurrenz zum Massen-Onlinehandel“, sagt Michel Becker, einer der Gründer. „Unsere Hauptmotivation ist die Vision einer nachhaltigen, wirtschaftsstarken Region“, ergänzt Sara Müller, die ebenfalls an der Gründung von RadKu beteiligt war.

Das Prinzip: „Wir liefern ehrenamtlich Waren aus für regionale Geschäfte – aber nicht für überregionale Ketten“, erklärt Becker. 15 Freiwillige arbeiten derzeit in der Initiative mit, darunter Studierende wie Müller und Becker, aber auch Berufstätige. Ins Leben gerufen wurde die Initiative im April von Mitgliedern der Bürgerinitiative Verkehrswende, des Vereins Freie Räder und der Nachbarschaftshilfe-Initiative Solidarburg. Unmittelbarer Anlass war der Corona-Lockdown im Frühjahr, als Geschäfte schließen mussten und viele Kunden zu Hause blieben. „Wir haben das als eine Möglichkeit gesehen, in der aktuellen Krise etwas zu tun – und über die Krise hinaus die langfristigen Bestrebungen einer Verkehrswende zu unterstützen“, sagt Becker, der Psychologie studiert und nebenbei arbeitet. RadKu soll nicht nur ein Corona-Projekt sein, sondern langfristig wachsen.

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Corona-Krise gab den Anstoß

Das Angebot funktioniert so: Wenn ein Kunde von einem der Partnergeschäfte Waren geliefert haben möchte, kontaktiert das Geschäft die freiwilligen Kuriere. Sie liefern die bestellte Ware aus – klimafreundlich ohne Abgase. Dazu nutzen die Ehrenamtlichen die Lasten-Fahrräder des Vereins Freie Räder, die kostenlos verliehen werden. Manchmal bringen sie eine kleine Lieferung aber auch zu Fuß oder mit dem eigenen Rad. „Kleine Lieferungen in unserem Kerngebiet schaffen wir locker in 24 Stunden“, erklärt Sara Müller, „ansonsten innerhalb von zwei Tagen.“ Das Hauptproblem dabei ist momentan, dass RadKu für jede größere Lieferung ein Lastenrad leihen muss, manchmal auch zusätzlich einen Anhänger, der an einer anderen Ausleihstelle ist.

Die Motivation der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer ist groß. „Lastenrad fahren macht erst einmal unglaublich Spaß“, sagt Mit-Initiatorin Müller, die sich auch in der Bürgerinitiative Verkehrswende engagiert. „Und es ist auch noch eine Rarität.“ Längere Fahrten in die umliegenden Orte könnten zwar mit dem Elektro-Lastenrad schon anstrengend sein – „kommt darauf an, ob es Steigungen gibt“, meint die 25-jährige Psychologie- und Philosophie-Studentin. Aber schließlich geht es um viel mehr als um den Spaß beim Radfahren. Die freiwilligen Kuriere verfolgen mit den Rad-Transporten gleich mehrere große Ziele: weniger Lärm, weniger Schadstoffausstoß, mehr Verkehrssicherheit und die Stärkung der regionalen Wirtschaft. Der Beitrag der jungen Initiative dazu ist zwar noch überschaubar – bislang liefert sie Schreibwaren, Bücher und Produkte aus dem Weltladen, künftig will sie auch Erzeugnisse eines Bio-Bauern zu den Verbrauchern bringen. Fünf bis sieben Fahrten sind es derzeit in der Woche – mit steigender Tendenz. Aber langfristig will RadKu in der Lage sein, alle mit dem Lastenrad möglichen Lieferungen ansässiger Geschäfte zu übernehmen.

Initiative will weiter wachsen

„Das Potenzial für weiteres Wachstum ist da“, sagt Becker. Es gebe weitere mögliche Kooperationspartner, so der 33-Jährige. Dafür hofft die Initiative auf Investitionsfördermittel von der Stadt Marburg. Damit könnte sie zum Beispiel ein eigenes Lastenrad und einen Rad-Anhänger kaufen, um nicht mehr darauf angewiesen zu sein, dass gerade ein Leih-Rad verfügbar ist. Wenn das Projekt deutlich größer wird, werde eines Tages auch der Idealismus ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer nicht mehr ausreichen, prognostiziert Becker. Langfristig möchten die RadKu-Aktiven deshalb ein wirtschaftlich eigenständiges Kollektiv-Unternehmen gründen. Das könnte in Zukunft neben den Waren heimischer Geschäfte auch regionale Bio-Lebensmittel aus einem eigenen Lager liefern. So könnte das Projekt, das im April mit der Auslieferung von Schreibwaren begonnen hat, in einigen Jahren einen großen Beitrag zur nachhaltigen regionalen Versorgung leisten.

So liefert "RadKu"

RadKu (Radkurier) ist ein Projekt unter dem Dach des Vereins Freie Räder. Die ehrenamtlichen Radkuriere bieten regionalen Geschäften an, ihre Kunden mit bestellten Waren zu beliefern. Für Geschäfte und Kunden ist dies kostenlos.Kunden wenden sich mit ihren Bestellungen an die Partnerunternehmen. Dies sind derzeit Schreibwaren Baehr, die Buchhandlung Inge Jakobi und der Weltladen Marburg. Kunden, die eine Lieferung von einem anderen Geschäft erhalten wollen, können sich an das Unternehmen oder an RadKu wenden.

RadKu kümmert sich nur um die Auslieferung, die Bezahlung wickeln die Geschäfte ab. Kern-Liefergebiet der Initiative ist Marburg, Cölbe, Neuhöfe und Gisselberg. Für Lieferungen nach Niederweimar, Wenkbach, Niederwalgern, Holzhausen und Fronhausen sollten Kunden etwas Planungszeit einkalkulieren. Weitere Orte im Umkreis von etwa 15 Kilometern beliefert RadKu auf Anfrage. Bestellte Waren dürfen bis zu 250 Kilogramm wiegen und bis zu 1,5 Kubikmeter groß sein. RadKu nutzt die Räder des Vereins Freie Räder, die auch Privatpersonen ausleihen können.

  • Kontakt und weitere Informationen: Telefon 0 64 21 / 4 80 95 10, E-Mail: info@radku.de, Internet: www.radku.de und www.freie-lasten.org

Machbarkeitsstudie für Paketzustellung

Das Verkehrsproblem der letzten Meile lösen: Die Auslieferung etwa von Paketen sorgt immer wieder für Verkehrsprobleme, sei es durch das Blockieren von Fahrspuren wie in der Bahnhofstraße oder vor allem das umweltschädliche, ständige An- und Abfahren von Lieferfahrzeugen in Wohngebieten.

Das will die Stadt Marburg ändern, sie gibt nun eine Machbarkeitsstudie für den Aufbau sogenannter Mikro-Hubs in Auftrag. Die Idee: Mehrere kleine Depots (Mikro-Hubs) liegen am Rande der Stadt oder im Zentrum. Verschiedene Paketlieferanten fahren diese Depots an, nutzen sie gemeinsam. Die Pakete werden in den Mikro-Hubs gesammelt und dann von dort zentral weiterverteilt – aber eben mit kleinen, elektrobetriebenen Fahrzeugen oder Lastenrädern.
Die Stadtspitze verspricht sich davon „eine Entlastung des Verkehrsraumes von den derzeit im Einsatz befindlichen großvolumigen Lieferfahrzeugen“. Mit den Mikro-Hubs wolle man die stetig wachsende Logistik „klüger steuern und deutlich klimafreundlicher hinbekommen“.

Von Stefan Dietrich

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