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Marburg Radfahrer müssen Wegweiser selbst bauen
Marburg Radfahrer müssen Wegweiser selbst bauen
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16:00 01.07.2020
Da geht's lang: Fünf Jahre nach der Zusage der Behörden für einen Radweg zu den Lahnbergen Schilder aufzustellen, hat das eine Privat-Initiative nun selbst gemacht. Den Marburger Fahrrad-Aktivisten Dr. Ulrich Schu freut das. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Es ist vermutlich der Insider-Radweg schlechthin in ganz Marburg: Die Strecke aus der Innenstadt, vom Erlenring über den Alten Kirchhainer Weg auf die Lahnberge. Damit das nicht so bleibt, die Verborgenheit der durch den Wald verlaufenden Verbindung ein Ende und die Route zum Universitäts-Klinikum Gießen-Marburg und den Fachbereichen der Philipps Universität mehr Nutzer hat, sind Wegweiser aufgestellt worden.

Doch nicht etwa von zuständigen Stadt-, Kreis oder Landesbehörden, wie das 2015 von „Hessen Forst“ als „durchgängige Beschilderung“ zugesagt wurde, sondern von Privatleuten. Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach der behördlichen Zusage stehen am Wegesrand tatsächlich mehrere hölzerne Markierungen, um zu zeigen: Hier geht ein Radweg entlang und dort führt er hin.

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„Wenn niemand den Weg finden kann, wenn nicht klar ist, wo der Weg hinführt und wo genau die Strecke hin und zurück verläuft, bleibt das etwas für Eingeweihte und ist einfach unattraktiv, verhindert den Umstieg aufs Rad“, sagt Dr. Ulrich Schu, einer der umtriebigsten Rad-Aktivisten in der Universitätsstadt, und zeigt mit dem Finger auf eines der Holzschilder.

Forderung: Mehr Platz für Räder

Die Formel, gerade im E-Bike-Zeitalter: Die Stadt müsse verlockende Angebote machen, damit mehr Menschen von Auto auf Rad umsteigen. Wenn die Wege schlecht, gefährlich, verworren oder gar nicht erst aufzufinden seien, im Nichts endeten, ändere sich auch am Verkehrsmittel-Nutzungsverhalten nichts. „Draufsetzen, losfahren, durchfahren, ankommen: Wie auch Autofahrer wollen Radnutzer nicht immer wieder anhalten, absteigen, das Rad umtragen oder mit ihm stop and go fahren müssen“, sagt Schu, der bereits seit Jahren für einen radgerechten Ausbau des mitunter steilen, aber für E-Bikes leicht zu bewältigenden Waldstücks zwischen Altem Kirchhainer Weg und Lahnberge-Campus kämpft. In zehn bis 15 Minuten sei man auf diesem geschotterten Radweg von der Stadt am Klinikum angekommen. „Es passiert beim konkreten Ausbau, der Attraktivität und der Bewerbung der Radwege generell einfach zu wenig.“

Für Schu wie die Bürgerinitiative Verkehrswende um Dr. Johannes M. Becker steht der Stillstand rund um den Wald-Radweg, vom zurückliegenden Schotter-Streit bis zum anhaltenden Schildermangel, daher symbolisch für die schleppend laufende Verkehrswende.

„Der Bedarf war schon vor Corona groß, jetzt wird das Rad immer wichtiger. In der Stadt muss man die Chance nun nutzen“, sagt Becker und verweist auf Beispiele aus Großstädten wie Berlin, wo angesichts der Vervielfachung des Radverkehrs – auf Kosten der Busnutzung – diesem jetzt dauerhaft mehr Platz eingeräumt wird.

In Marburg hängen indes die Projekte Fahrradstraßen in Uferstaße und Wilhelmstraße ebenso in der Schwebe wie die Ausweisung eines Radschnellwegs von Norden nach Süden oder die Ausweitung von Rad-Abstellplätzen. „Es gilt, die jetzige Gelegenheit zu nutzen“, sagt Becker. Die eineinhalbjährige Sperrung der Weidenhäuser Brücke oder die wochenlange Sperrung der Straße „Am Grün“ hätten ja bereits gezeigt, dass der Innenstadt-Verkehrsfluss nicht kollabiere und es unverständlich bleibe, wieso man auf der Brücke bis heute keine und auch nicht mal testweise Radstreifen eingezeichnet habe. Wegen den verkehrspolitischen Folgen der Corona-Pandemie solle man seitens der Stadt „verkehrsplanerische Fehlentscheidungen korrigieren“, sagt Becker.

Alleine um eine verstärkte Lahnberge-Radanbindung zu ermöglichen und dabei das immer wieder als Argument angeführte Platz-Problem zu minimieren, haben Schu und Co. verschiedene Waldstrecken vorgeschlagen – durch den Ortenberg, am Waldtal oder neben der Großseelheimer Straße. Zumindest letztere soll nach Plänen der Stadt in den nächsten Monaten zwei Radstreifen, einen bergauf, einen bergab erhalten.

Es gebe speziell auf die Lahnberge „kreative, kurze Wege ohne Lärm, Gestank und Gefahr in Mitten des Autoverkehrs ausgesetzt zu sein“, sagt Schu. „So schnell und schlank wie mit dem Rad kommt man in Marburg nirgendwo hin. Theoretisch. Wenn die Infrastruktur stimmen würde, auch praktisch“, sagt Schu.

So kam es zum Schotter-Radweg

Die Fahrrad-Initiative Lahnberge fordert seit Jahren eine Radverkehrs-Anbindung des Klinik- und Universitätsstandorts. Im Mittelpunkt steht dabei seit Jahren weniger eine Radwegführung entlang der mehrspurigen Hauptstraßen wie der Panoramastraße oder der Großseelheimer Straße, sondern eine Direktverbindung in der Verlängerung des Erlenrings.

Nach langem Hin und Her zwischen der Landesbehörde „Hessen Forst“ und dem Magistrat der Stadt Marburg bezüglich der Wegenutzung, Haftung, Oberflächenbeschaffenheit und Beleuchtung wurde die etwa zwei Kilometer lange Route durch den Wald bis zur Lahnberge-Mensa geschottert und so für Räder besser befahrbar gemacht. Einer Verkehrszählung der BI Verkehrswende zufolge nehmen täglich bereits Dutzende Pendler diesen Weg.

Kernpunkt des zurückliegenden Streits zwischen Stadt und Landesbehörden war ein Interessenskonflikt zwischen den verschiedenen Nutzern: Hessen Forst nutzt den Waldweg für die Forstwirtschaft. Geschotterte Wege im Wald benötigen weniger Pflege als Asphaltdecken, eignen sich eher für eine sparsame Bewirtschaft mit schwerem Gerät und trügen dem Umweltgedanken Rechnung. Ein asphaltierter Weg widerspreche dem heutigen Standard. Der Stadt ging es hingegen eher um den verkehrlichen Nutzen und einen gewissen Komfort.

Von Björn Wisker

01.07.2020
01.07.2020