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Marburg 500 Kilometer – immer geradeaus
Marburg 500 Kilometer – immer geradeaus
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13:16 20.04.2021
Andi Christl durchquert Deutschland auf einer graden Linie von West nah Ost. Flüsse? Da muss er durch.
Andi Christl durchquert Deutschland auf einer graden Linie von West nah Ost. Flüsse? Da muss er durch.
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Marburg

Wenn Sie heute irgendwo zwischen Lohra und Ebsdorfergrund einen Wanderer entdecken, der sich nicht an Wander- oder Radwege oder Landstraßen hält, sondern einfach GPS-gesteuert stur querfeldein läuft, dann ist das vermutlich Andi Christl. 20,4 Kilometer nennt Google Maps als Strecke, Laufzeit 4 Stunden 19 Minuten. Allerdings auf befestigten Wegen. Sicher ist: Irgendwo bei Roth muss er die Lahn überqueren und dann auch über die B 3, die an dieser Stelle Autobahn-ähnlich ausgebaut ist. Sein Tagesziel ist Roßberg.

„Dürfte ich jetzt mal bitte Ihr Haus durchqueren?“

500 Kilometer in 25 Tagen will er laufen. Das macht rund 20 Kilometer pro Tag. Das ist zu Fuß auf Dauer sehr kräftezehrend. Doch der bayerische Radio-Moderator Andi Christl (Antenne Bayern, Puls, Bayern 3) hat auf seinem Weg noch jede Menge zusätzliche Hürden zu überwinden. Denn seine Strecke führt schnurgerade von Aachen nach Zwickau – also über Berge, Felder und Straßen, durch Gärten, Bäche und Flüsse. Eigentlich auch durch Häuser – aber in Zeiten von Corona habe man davon abgesehen, erklärt Simone Terbrack, Podcast-Projektmanagerin bei dem Unternehmen Wake Word. Es wäre ohnehin schwierig zu vermitteln, wenn irgendwo ein bärtiger, abgekämpfter junger Mann mit schlammigen Wanderschuhen klingelt und sagt: Dürfte ich jetzt mal bitte ihr Haus durchqueren?

Am 11. April ist Andi Christl bei lausigem Aprilwetter in Aachen aufgebrochen. Seither klettert, wandert, schwimmt und läuft er stur geradeaus mit einem 18 Kilogramm schweren Rucksack auf dem Rücken. Die Regeln für seine Tour: 100 Meter nach links oder rechts darf er von dem Weg abweichen. Und er darf weder sich noch andere in Lebensgefahr bringen.

Das Wetter ist seit dem Start nur unwesentlich besser geworden. Es ist nach wie vor nass und vor allem nachts im Zelt unangenehm kalt. Bei zwei großen Hindernissen auf seiner Strecke brauchte er Hilfe: Die Autobahn A 1 zu Fuß zu überqueren ist ebenso lebensgefährlich wie den Rhein mit Rucksack und Schwimmhilfe zu durchqueren. Die A1 hat er auf einer Brücke überquert, den Rhein mit einer Fähre. Das waren bislang die beiden großen Ausnahmen auf seiner Tour, die Fans auf einem Podcast auf dem Hörportal Fyeo verfolgen können. Es sei ein Experiment, das „an die körperlichen und mentalen Grenzen geht“, heißt es dort.

Gestern Vormittag haben wir ihn telefonisch erreicht. Irgendwo zwischen Dillenburg und Lohra. „Es geht mir überraschend gut“, sagte er. „Nur mein rechter Fuß tut etwas weh.“ Er schleppt seit Tagen eine Entzündung an einem Zeh mit sich herum. „Egal, ich schaffe es bis Zwickau. Ich bin kein Mensch, der aufgibt“, sagt er selbstbewusst, während er vor einem Bach steht, der seinen Weg kreuz. Er hofft, auf der Strecke eine Apotheke zu finden. Seine Mutter habe ihm ein paar Tipps für Umschläge gegeben.

Laut Fyeo sind sich seine Freunde, Familie und Kollegen sicher, dass er es schafft: Er sei ein Abenteurer, er sei sportlich und er sei zielstrebig. Und weil er seit 2019 als Wirtshaus-Experte für das Bayern-Fernsehen arbeite, könne ihm ein so langer Fußmarsch sicher auch nicht schaden. Die Qualifikation als Wirtshaus-Experte: „Ich habe die ersten 16 Jahre meines Lebens im Wirtshaus meiner Eltern verbracht.“ Zudem ist der 34-Jährige gelernter Hotelfachmann, mag die Berge und verbringt laut Bayerischem Rundfunk „jede freie Minute an der frischen Luft“.

Davon hat er derzeit reichlich. Schon der erste Tag bei Dauerregen war heftig. „Ich bin noch keinen Kilometer gegangen und frage mich jetzt schon, was ich hier gerade mache“, sagt er mit bayerischem Akzent. „Das ist dumm, richtig dumm, du Idiot. Jetzt hab’ ich mir den Knöchel verstaucht“, stöhnt er in der ersten Folge seines Podcasts, der von Wake World täglich professionell für Fyeo aufbereitet wird. Doch immer wieder trifft er nette Menschen, die ihm helfen wollen, Essen oder einen Platz zum Schlafen anbieten, einen Kaffee ausgeben. Das mache ihm Mut, das baue ihn auf.

„Irgendwo im Nirgendwo“

Seine Hörer liegen unterdessen entspannt auf dem Sofa oder sitzen im Zug und leiden (vielleicht) ein wenig mit – mit Andi Christl, trinken dazu (vielleicht) ein Glas Wein und sind froh, bei dem Wetter nicht draußen „irgendwo im Nirgendwo“ rumlaufen zu müssen und nicht zu wissen, wo man sein Zelt für die Nacht aufschlägt. Denn Andi Christl schläft im Zelt, eingemummelt in einen dicken Daunenschlafsack. Meistens jedenfalls. Denn er braucht auch Strom für sein Handy, sein GPS-Gerät, seinen Laptop, seine Powerbank. Schließlich produziert er auch jeden Tag eine Podcast-Folge. Einmal habe er in einem Hotel übernachtet, mal ist es ein Schuppen oder eine Scheune auf einem Bauernhof, mal ein Unterstand, mal ein einfaches Zimmer. Vielleicht komme heute sein Bruder vorbei, dann könne er mal in einem Auto schlafen, sagt er.

Die Übernachtungen sind nicht das einzige Problem auf seiner Tour quer durch Deutschland, gibt er zu. Die Versorgung mit Lebensmitteln habe er unterschätzt, weil wegen der Corona-Pandemie alle Restaurants geschlossen sind. In Nordrhein-Westfalen habe es zum Glück an jeder Ecke eine Döner-Bude gegeben, „die sind wenigstens offen“. Hat er anfangs auf Müsli-Riegel gesetzt, so ist er inzwischen auf Nüsse umstiegen – „weniger Zucker“, sagt er. Obst und Lebensmittel holt er sich unterwegs in Supermärkten. Oder bekommt sie von freundlichen Menschen.

Von Uwe Badouin

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