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Marburg Hohe Effektivität bei Mehrfacherkrankungen
Marburg Hohe Effektivität bei Mehrfacherkrankungen
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09:57 20.05.2019
Musiktherapie half Karl Markert bei seiner psychosomatischen Störung. Anfangs war er skeptisch, aber nach fünf Wochen hatte er seine Herzneurose wieder im Griff.  Quelle: Katja Peters
Marburg

Eine Herzneurose­ machte Karl Markert (Name von der Redaktion geändert) zu schaffen. Nach einem Infarkt in 2015 tauchten drei Jahre später Probleme im Halswirbelbereich auf. „Die Schmerzen fühlten sich immer an wie die vom Herzinfarkt“, erinnert sich der 55-Jährige.

„Ich hatte­ Angst.“ Immer wenn die Schmerzen auftraten, fing sein Puls an zu rasen, er bekam ­
regelrecht Angstzustände. Das Notfallspray, welches ihm sein Arzt verordnet hatte, hatte nur einen psychologischen Effekt, organisch half es nicht.
Der Straßenwärter suchte sich Hilfe in der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am UKGM.

Innerhalb kürzester Zeit bekam er einen Termin. „Du hast doch keinen an der Klatsche habe ich bei mir gedacht, als ich das Schild ‚Psychosomatik‘ an der Tür gelesen habe“, gibt der Lahntaler zu. „Heute bin ich froh, dass ich angeklopft habe.“

Dass sich Menschen wie Karl Markert Hilfe suchen, ist nicht selbstverständlich. Laut Dr. Beate Kolb-Niemann, stellvertretende Klinikdirektorin, suchen überwiegend Frauen eine psychosomatische Klinik auf. Das Verhältnis Frauen zu Männern bei den Patienten beträgt etwa zwei Drittel zu einem Drittel.

„Probleme mit der Psyche werden ganz schnell mit Schwäche in Verbindung gebracht“, weiß sie aus Erfahrung. Dabei gelte für beide Geschlechter, der Seele mehr Aufmerksamkeit zu schenken. „Es geht um die Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele“, erklärt Professor Johannes Kruse. Er arbeitet seit 30 Jahren in der Psychosomatik und leitet die Klinik auf den Lahnbergen.

Was eine Grunderkrankung alles auslösen kann, zeigt das Beispiel Karl Markert. Zu der Herzschwäche kamen innerer Stress, Konflikte, Probleme, Angstzustände. Sie machen auf Dauer krank. So hat es auch Karl Markert erlebt. Er hat nur noch selten das Haus verlassen, aus Angst einen Anfall zu bekommen. Sein Umfeld leidete genauso wie er.

Nach dem ersten Gespräch am UKGM entschied er sich für eine ambulante Therapie in der Tagesklinik. Mit intensiver Psychotherapie wurden seine psychosomatischen Beschwerden behandelt. „Psychotherapie ist eine der am besten erforschten Therapieform hinsichtlich ihrer Wirksamkeit“, sagt Johannes Kruse und verweist in diesem Zusammenhang auf die hohe Effektstärke dieser Therapieform.

Bei vielen psychosomatischen Erkrankungen besteht die ­Gefahr der Chronifizierung, die ­Lebensqualität wird oft stark beeinträchtigt. Manche Patienten haben ­einen hohen körperlichen Versorgungsbedarf. Hier hilft die Zusammenarbeit mit allen anderen Kliniken am UKGM und die gleichzeitige gemeinsame Therapie.

Das Erfolgsrezept auf den Lahnbergen ist die psychosomatische Komplexbehandlung. Damit ist das Zusammenspiel von intensiven Einzel- und Gruppentherapien sowie der Sitzungen mit Kunst-, Musik-, Entspannungs- und Physiotherapeuten gemeint. All das beinhaltete auch der individuell zusammengestellte Therapieplan von Karl Markert.

„Der Zusammenhang zwischen Kunsttherapie und Herzschmerzen erschloss sich mir anfangs nicht“, gibt Karl Markert zu. Als er dann aber einen Ort malen sollte, an dem er sich wohlfühlt und am Ende seine Terrasse auf dem Bild zu sehen war, „hatte ich ein Aha-Erlebnis“.

Beate Kolb-Niemann hat eine Erklärung dafür: „In der Kunst- und auch in der Musiktherapie können die Patienten oft das ausdrücken, was ihnen mit Sprache nicht gelingt.“ Welche der Therapieformen ihm nun genau geholfen haben, das kann Karl Markert nicht genau sagen. „Es war irgendwie die Kombination aus allem.

Ein Rädchen hat in das andere gefasst“, erklärt. Nach fünf Wochen konnte er die Tagesklinik wieder verlassen. Ist sofort am nächsten Tag wieder arbeiten gegangen. Seine Kollegen und auch die Führungsetage haben positiv reagiert und seine psychosomatische Störung nicht ins Lächerliche gezogen.

Ein Kollege hat die Erkrankung als „Kabelbrand“ bezeichnet. „Ja, das stimmt. Ich hatte sozusagen einen Kabelbrand. Aber ich wollte nicht, dass der Hauptrechner auch was abkriegt“, sagt Karl Markert und lächelt. „Ich hätte nicht später mit der Therapie anfangen dürfen“, stellt er rückblickend fest. Und noch etwas ist vor allem seiner Frau klar geworden. „Ich bin viel entspannter, nicht mehr so hektisch, gelassener. Das tut mir gut, aber auch meiner Frau.“

von Katja Peters